Immobilienmarkt
Im Wohnungsmarkt sind die Stimmbürger das grösste Risiko

Abgesehen von den Hotspots Zürich und Genferseeregion sind die Mieten laut Immobilien-Experte Donato Scognamiglio stabil. Trotzdem bestehen mehrere Ansätze, mit denen vermehrt preiswerte Einheiten realisiert werden sollen.

Rinaldo Tibolla
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Gleich zu Beginn der Tagung «So bleibt Wohnen zahlbar» im Parktheater Grenchen bringt es Donato Scognamiglio, CEO des Immobilien-Beratungsunternehmens IAZI, bezüglich der drohenden Immobilienblase auf den Punkt: «Es handelt sich nicht um ein Schweizer Problem; nur gewisse Regionen sind überhitzt.» Als augenfälligstes Beispiel nennt er die Genferseeregion. Der Bund habe aber massive Massnahmen getroffen und diese im Nachhinein noch verschärft; mit diesen sollen die während gut zweieinhalb Jahren erhitzten Märkte mit ihren hohen Preissteigerungen abgekühlt werden. Es könne gar sein, dass «zu viel gebremst» werde, sagte Scognamiglio – gerade für die Eigentümer. «Heikel wird es, wenn die Immobilienwerte nach unten fallen und die Banken zum Zurückzahlen bitten.»

Laut Scognamiglio sind die Kosten bei den Mieten entgegen der landläufigen Meinung in den letzten Jahren stabil gewesen – die Hotspots Zürich und Genferseeregion teilweise ausgeschlossen. Der Referenzzinssatz sei gesunken, nur hätten viele Mieter keine Preisreduktion eingefordert. Den politisch-gesellschaftlich motivierten Eingriffen misst Scognamiglio grosse Bedeutung zu. Die Zweitwohnungs- und die Masseneinwanderungsinitiative habe das Volk angenommen, ohne deren Kollateralschäden eingehender zu kennen, schrieb er im Handout zur Tagung. Scognamiglio kommt deshalb zum Schluss: «Das Hauptrisiko für den Schweizer Immobilienmarkt ist das Stimmvolk, weil es die Spielregeln am Wochenende immer wieder ändert.»

Modelle für Genossenschaften

In weiteren Vorträgen werden Modelle erörtert, wie gemeinnützige Wohnungen geschaffen werden können. Im Kanton Neuenburg stehen beispielsweise 18 Millionen Franken zur Verfügung, um in den nächsten vier Jahren den Bau und die Erneuerung gemeinnütziger Wohnungen zu unterstützen. In Carouge im Kanton Genf hat es die Genossenschaft Cooplog geschafft, auf dem Land eines Bürokomplexes Genossenschaftswohnungen über den Verkauf von Stockwerkeigentum in einem Gebäude auf ebendiesem Land zu finanzieren.

Einen ganz anderen Ansatz zur Gewinnung von preiswertem Wohnraum präsentiert Markus Mooser, Geschäftsführer des Holzbauverbandes Lignum in der Romandie. Er plädiert für die vermehrte Nutzung der Flachdächer von Mehrfamilienhäusern für Aufstockungen, ganz nach dem Motto: «Das Dach ist das preiswerteste Baugrundstück». Über den zusätzlich geschaffenen Mietraum könnten Renovationen rentabel durchgeführt werden.

Der Zürcher Architekt Valentin Loewensberg zeigt derweil auf, wie bei einem Mehrfamilienhaus durch eine gescheite Struktur, eine passende Konstruktionsweise und eine gute Organisation der Beteiligten eine hohe Wohnqualität bei tiefen Baukosten erreicht werden kann.

Der Reiz billiger Einheiten

Im abschliessenden Podium wird die Diskussion über zahlbare Wohnungen auf grundsätzlicher Ebene geführt. Preisgünstiger Wohnraum könne zu einem Marktsegment werden, wenn an immer mehr Orten auch wirklich mit diesem Ziel gebaut werde.

Eine andere These geht davon aus, dass sich die Investoren sowieso dem günstigen Wohnungsbau widmen werden, weil die Luft im oberen Segment dünn wird. Die künstliche Verknappung des Baulands sorge dafür, dass die Preise steigen, hiess es von anderer Seite.

Und schliesslich ertönt der Aufruf, auf die stetige Qualitätssteigerung zu verzichten. «Wir sollten bewusst eine Abwertungskultur pflegen», sagt der Basler Soziologe und Städteplaner Philippe Cabane. Eine Stadt müsse entsprechend ihrer differenzierten Bevölkerungsstruktur auch ein unterschiedliches Wohnungsangebot zur Verfügung stellen. Wieso also nicht auch in der Stadt billige Wohnungen bauen, die auch billig vermietet werden können?

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