Pilze
Im Wald gewachsen heisst noch lange nicht bio

Bio Suisse akzeptiert nicht jeden Steinpilz, auch wenn alle in der freien Natur gewachsen sind. Ausschlaggebend für das Biolabel seien jedoch die Kontrolle und Qualität der Sammelgebiete.

Lucien Fluri
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Niemand weiss, wo genau Steinpilze wachsen. Irgendwo im Wald sucht sich der Speisepilz seinen Platz, wächst ohne Dünger und Pestizide, bis er vielleicht einmal von einem Sammler gefunden wird. Der Steinpilz – ein Naturprodukt, aber kein Bioprodukt, sagt Bio Suisse.

Geht es nach dem Label, ist nicht jeder in der freien Natur gewachsene Pilz auch «bio». Und bio wiederum hat seinen Preis: Mit Knospe-Label kosten 20 Gramm getrocknete Steinpilze aus Bosnien bei Grossverteiler Coop Fr. 3.40. Die chinesischen Pendants ohne Bio-Knospe sind ein Drittel günstiger. Auch andere Pilze, die man nicht züchten kann, finden als Bio-Pilze den Weg von Osteuropa in Schweizer Läden – etwa Eierschwämme.

Das Sammelgebiet ist entscheidend

In der freien Natur gewachsen und trotzdem nicht «bio» – ist Wildpilz nicht gleich Wildpilz? «Eine durchaus verständliche Frage», sagt Sabine Lubow, Mediensprecherin von Bio Suisse. «Wenn etwas frei wächst, ist auf den ersten Blick ein Unterschied zwischen ‹bio› und ‹nicht-bio› nicht erkennbar.» Ausschlaggebend für das Biolabel seien jedoch die Kontrolle und Qualität der Sammelgebiete. So sei das Sammeln von Pilzen in Regionen mit Schadensemissionen, Industrieanlagen, Verkehrsachsen oder verschmutztem Wasser verboten. «Die zertifizierten Knospe-Produkte werden regelmässig von unabhängigen Stellen kontrolliert. Wer solche Pilze sammelt, kann nicht einfach irgendwo in den Wald gehen.»

Die Pilze – oft werden sie aus Osteuropa importiert – dürfen zudem nicht mit dem Flugzeug in die Schweiz gebracht werden. Werden die Pilze für den Transportweg haltbar gemacht, sind keine giftigen Haltbarmacher erlaubt, wie sie sonst oft verwendet würden. – Neben getrockneten Steinpilzen hat Bio Suisse 2012 auch frische Importpilze zertifiziert.

Nur ein Verkaufstrick?

Kritisch sieht das Biolabel für Wildpilze der Pilzexperte Hans-Peter Neukom. «Warum soll man nicht auch wild gewachsene Beeren als ‹bio› bezeichnen können», fragt Neukom, der auch Sekretär
der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane ist. Er sieht vor allem einen Verkaufstrick dahinter.

Dass Pilze laut Bio-Label nicht in Gebieten mit Industrie oder Wasserverschmutzung gesammelt werden dürfen, beeindruckt ihn wenig. Zahlreiche Pilzsammelgebiete würden in Berggebieten liegen, so Neukom. «Die Möglichkeit, dass es dort eine Industrie gegeben hat, ist tatsächlich sehr gering.» Zudem bezweifelt Neukom, ob es überhaupt überprüfbar ist, wo ein Pilz gesammelt worden ist. «Wenn man als Sammler im vorgeschriebenen Gebiet keine Steinpilze findet, holt man sie doch einfach etwas weiter weg. Man will ja etwas verdienen.»

Atompilzchen en miniature

Mit Tschernobyl hat der Mensch so oder so den Glauben ins Naturprodukt Pilz ein wenig erschüttert. Verseuchte Wolken verteilten in den Tagen nach der Reaktorkatastrophe vor 26 Jahren das radioaktive Caesium über Osteuropa. Pilzimporten aus verschiedenen osteuropäischen Nicht-EU-Ländern muss deshalb heute noch ein Radioaktivitätszertifikat beiliegen, das die Ungefährlichkeit der Pilze und das Einhalten gewisser – unbedenklicher – Grenzwerte zeigt.

Auch auf Schweizer Pilze hatte Tschernobyl Auswirkungen. Im Tessin regnete es stark, als die Wolken kamen. Dort sind teilweise auch heute noch etwas höhere Caesium-Werte nachweisbar. Auch im Aargau wurden 2011 bei Pilzproben noch Caesium-Spuren nachgewiesen. Für den Menschen sind diese Werte sowohl bei Schweizer als auch bei osteuropäischen Pilzen ungefährlich. Die Belastung sinkt seit Jahren. Doch ein ganz wenig Radioaktivität steckt in vielen Pilzen – ob bio oder nicht.