Gotthard-Tunnel
«Im Tunnelbau braucht jeder etwas Glück»

Seit 2002 arbeitet Florian Habit auf der Neat-Baustelle in Faido – in dieser Zeit verlor er im Tunnel vier Kumpel. Er arbeitet seit über 30 Jahren im Tunnelbau. Es brauche jeder etwas Glück, um unfallfrei durch den Tunnel zu kommen.

Andrea Marthaler
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Florian Habit

Florian Habit

Alles wirkt provisorisch auf der Neat-Baustelle in Faido. Die Wohncontainer stapeln sich zu zwei- und dreistöckigen Komplexen, daneben liegen die Container der Bauführung sowie der Kantine. Letztere ist schlicht gehalten. Lange Tische gliedern den Raum, an den Wänden hängen lieblose Bilder. Wenige Meter von der Containerstadt entfernt befindet sich das Materiallager, die Beton-Mischanlage und der Eingang zum Zugangsstollen des Tunnels. Seit 2002 ist die Baustelle in Faido das Zuhause des Tunnelbauers Florian Habit (62). Ursprünglich war er als Aushilfe geholt worden; wegen geologischer Probleme im Berg. Aus drei Monaten wurden acht Jahre. Heute ist Habit Abteilungsleiter im Vortrieb und damit verantwortlich dafür, dass die Tunnelbohrmaschine den Durchstich heute auch tatsächlich schafft.

Noch vor fünf Uhr in der Früh ist Habit täglich im Tunnel, fährt 2,6 Kilometer den Zugangsstollen hinunter bis zur Multifunktionsstelle in Faido, von wo es in die eigentliche Tunnelröhre geht. Unten ist es deutlich wärmer, die Luft ist stickig. Dies sei noch nichts im Vergleich zu weiter innen, wo die Gesteinstemperatur bis 44 Grad betragen kann.

Habits breiter Österreicherdialekt ist schwer verständlich. Ventilatoren dröhnen, sorgen aber zumindest für etwas Frischluft. Die Umgebung erscheint in einem dreckigen Grau. Das Dunkel wird einzig durch starke Scheinwerfer aufgehellt. Überall liegt Staub, setzt sich auf den Fahrzeugen und in der Kleidung fest. Von hier aus geht es mit der Transportbahn zum eigentlichen Arbeitsplatz. Der liegt 12 Kilometer weiter im Berg – 50 Minuten mit der Bahn. Im Dunkeln des Berges zu arbeiten, stört Habit nicht. «Da bleibt man frisch, die Sonne trocknet einen nur aus.» Dies scheint sogar zu stimmen, denn Habit wirkt für sein Alter jung. Nur seine in tiefe Falten versunkenen blauen Augen sowie die durch den Tunnelbau verursachte Schwerhörigkeit offenbaren das wahre Alter.

Im Tunnelbau hängen geblieben

Habit hat langjährige Erfahrung im Tunnelbau. Seit 1972 ist er als Mineur tätig, bildete sich weiter zum Polier, Sprengmeister und ist heute gefragter Fachmann. So arbeitete er schon in den verschiedensten Tunnels weltweit, oft in Deutschland, aber auch in Indien, Malaysia und dem Irak. Ursprünglich wollte er eigentlich Maurermeister werden, ist aber im Tunnelbau hängen geblieben.

«Mir ist es nicht mehr gelungen, vom Tunnelbau wegzukommen.» Und dies, obwohl es einer der gefährlichsten Berufe überhaupt ist. «Früher hiess es, pro Kilometer geht ein Leben drauf.» Mittlerweile habe sich aber viel geändert, insbesondere bei den Sicherheitsvorschriften. Ein Zeichen dafür sind die zahlreichen Stop-Risk-Plakate auf dem Gelände. Trotzdem ist die Arbeit im Tunnel nach wie vor gefährlich. Seit Habit in Faido ist, verloren vier seiner Arbeitskollegen ihr Leben im Gotthard. «Es waren tragische Unfälle. Doch eigentlich war einfach viel Pech dabei.»

Kerzen für die heilige Barbara

Andere Male hatten sie dagegen viel Glück. Wie bei der Piora-Mulde mit bröselndem Gestein, vor der alle gewarnt hatten. Bis zu dreimal mussten die Mineure dieselbe Stelle bohren, weil es den Fels jedes Mal wieder zusammendrückte. Felsstürze im Tunnel lösten in Faido gar Erdbeben aus. «Das war so gefährlich wie Dynamit.» Riesige Gesteinsbrocken gingen nieder, wo kurz zuvor noch Arbeiter standen. Habit nimmt es gelassen: «Im Tunnelbau braucht jeder etwas Glück.» Dafür sorgt auch die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute. Auf jeder Maschine und vor jedem Portal ist sie als Statue präsent. «Viele Mineure sind abergläubisch. Sie zünden Kerzen an und bringen Blumen für die Barbara.»

Auf der Baustelle in Faido leben 800 Personen. Die meisten stammen aus Österreich. Am Gotthard bauen aber auch viele Italiener, Deutsche, Spanier und Portugiesen. Gearbeitet wird im Dreischichtbetrieb. Von 12 bis 21.30 Uhr sowie von 21.30 bis 6.30 Uhr wird gebohrt, dazwischen werden Wartungsarbeiten an der Maschine durchgeführt. Die meisten sind zehn Tage am Stück im Einsatz und fahren anschliessend für fünf Tage ins Wochenende. Nicht so Habit. Er wählte die strengere Variante und fährt jeweils Freitagabend nach Hause zu seiner Familie in der Nähe von Karlsruhe und kehrt am Sonntagabend wieder zurück. Pro Weg vier bis sechs Stunden, je nach Verkehr. «Doch so bin ich gleichzeitig auf der Baustelle wie die Bauleitung.»

Frau muss Rasen selber mähen

Habit ist Vater von zwei Kindern, 19 und 21 Jahre alt. Durch seinen Beruf verpasste er die meiste Zeit ihrer Kindheit, doch das kümmert ihn nicht. «Die Kinder gewöhnen sich daran. Der Vater bringt das Geld heim.» Und die Frau muss den Rasen selber mähen. Mehr Zeit zu Hause verbringen will er gar nicht. «Meine Frau sorgt sich mehr, wie es ist, wenn ich pensioniert bin und dann jeden Tag zu Hause bin.» Allerdings gibt er zu, dass er bei seiner Familie besser schlafe als in seiner temporären Wohnung im Nachbardorf von Faido. «Dort schlafe ich nur vier bis fünf Stunden. Dann habe ich wieder die Arbeit im Kopf.»

Wenn sich heute die Tunnelbohrmaschine durch den restlichen Stein frisst, ist es für Habit ein grosses Ereignis. «Im Herzen ist es unser eigenes Fest», sagt er und meint damit die Tunnelarbeiter. «Jeder, der mitgearbeitet hat, ist stolz darauf.» Den ganzen Firlefanz der Politiker und Medien dagegen findet er übertrieben.

So auch die Baracke, die eigens dafür im Berg aufgestellt wurde. «Der Palast für das Fernsehen», sagt er abschätzig. Neben der Vorfreude auf den Durchstich spürt Habit auch etwas Wehmut. Schliesslich werden danach etliche Arbeiter die Baustelle verlassen. «Wir sind halt schon ein anderes Volk. Gewisse Leute sind schon viele Jahre auf der Baustelle. Da wird es heimatlich.» Wie lange er selber noch in Faido bleibt, ist unklar. Sicher, bis die Tunnelbohrmaschine zerlegt ist. Diese wird nach Bodio transportiert und grösstenteils verschrottet. Was Habit danach macht, weiss er nicht. «Falls ich bis 2012 hier bleibe, wäre ich dann 64 und könnte in Pension gehen.» Vielleicht gehe er aber auch auf eine weitere Baustelle. Solange er gebraucht wird und es ihm Spass macht, lässt er alle Optionen offen.