Bundesratsserie
Im Skiclub trainierte Ueli Maurer einst für den Bundesrat – heute ist er in Hinwil seltsam unsichtbar

Ueli Maurer habe einen unbändigen Willen, ist in seinem Heimatort Hinwil zu erfahren. Oder dass er gern in Kanada eine Farm eröffnen würde. Eine Spurensuche am Fusse des Bachtels, im Gepäck ein Gedicht Erich Kästners.

Denis Bühler
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Ein einziges Mal ist Ueli Maurer in seinem Leben umgezogen, von Girenbad ins anderthalb Kilometer entfernte Wernetshausen.

Ein einziges Mal ist Ueli Maurer in seinem Leben umgezogen, von Girenbad ins anderthalb Kilometer entfernte Wernetshausen.

Dennis Bühler/Alex Spichale

An besonders schönen Tagen

ist der Himmel sozusagen

wie aus blauem Porzellan.

Und die Federwolken gleichen

weissen, zart getuschten Zeichen,

wie wir sie auf Schalen sahn.

Alle Welt fühlt sich gehoben,

blinzelt glücklich schräg nach oben

und bewundert die Natur.

Ruhig liegen Girenbad und Wernetshausen an diesem Montagnachmittag da, ausgestorben fast während der langen Sommerferien. Vor dem einzigen Restaurant der beiden Hinwiler Aussenwachten, das wie stets zum Wochenbeginn geschlossen hat, fegt der Pächter seinen Parkplatz, in der Käserei hofft die Verkäuferin auf Kundschaft, und am Strassenrand wartet ein Bauer, bis die Müllmänner vorfahren und die beiden Kindervelos einsammeln, die längst nicht mehr benötigt werden.

«Die kommen von unten, aus Hinwil», sagt der Mann und winkt den Arbeitern in ihren orangen Gewändern fröhlich zu. «Und doch holen sie unseren Abfall.» Dann empfiehlt er den Aufstieg zum Bachtel, den sie hier zärtlich ihren «Hausberg» nennen, obwohl er mit seinen 1115 Metern über Meer doch eher ein Hügel ist. Ach ja: «Ueli ist ein Netter», sagt der Bauer, «unsere Kinder sind zusammen zur Schule gegangen.» Leider sehe man ihn seit einigen Jahren nur noch selten im Dorf.

Vater ruft, direkt verwegen:

«’n Wetter, glatt zum Eierlegen!»

(Na, er renommiert wohl nur.)

Und er steuert ohne Fehler

über Hügel und durch Täler.

Tante Paula wird es schlecht.

Doch die übrige Verwandtschaft

blickt begeistert in die Landschaft.

Und der Landschaft ist es recht.

Weder in Girenbad, wo Ueli Maurer aufgewachsen ist, noch im anderthalb Kilometer entfernten Wernetshausen, wo er seit Jahrzehnten wohnt, erinnert eine Plakette an seine Wahl in die Landesregierung 2008 oder an seine Kür zum Bundespräsidenten vier Jahre später. Maurer ist in seiner Heimat seltsam unsichtbar. Gutes zu erzählen aber wissen alle: der Bauer, der Restaurantkellner und der Käser. Und auch sein ehemaliger Mitschüler.

Bundesrats-Serie

Merenschwand (AG), Köniz (BE), Wernetshausen (ZH), Langenthal (BE), Belfaux (FR) und Bursins (VD) – die sechs Bundesräte, die nach dem Ausscheiden von Didier Burkhalter in der Landesregierung verbleiben, haben ihre Lebensmittelpunkte und Heimatorte in sehr unterschiedlichen Ecken. Wir gehen diesen Sommer auf Erkundungstour in diesen Gemeinden sowie in der Heimat der zwei FDP-Kandidaten, die am 20. September um Burkhalters Erbe buhlen werden: Um zu erfahren, wie man in ihrer Heimat über die Bundesräte denkt; um auszuloten, wie die hohen Politiker geworden sind, was sie sind; und um zu ergründen, was die Schweiz in ihrem Innersten zusammenhält. (dbü)

Teil 1: Wer im Bundesrat zu kurz kommt – die Tessiner sind es nicht
Teil 2: «Sie isch eusi Doris blibe»: Besuch in Leuthards Heimatgemeinde
Teil 3: Vor jeder Wahl gab es für Sommaruga in Köniz einen Rehrücken

«Ueli war ein ruhiger, unscheinbarer Schüler», sagt Peter Zollinger, der wie Nachbarsbub Maurer erstmals Schuhe und lange Hosen zu tragen hatte, als er in Hinwil die Sekundarschule besuchte. Winters ging es mit dem Schlitten ins Tal, sommers zu Fuss. Ihre Jugend sei unbeschwert gewesen, sagt der 67-Jährige. «Damals schien uns die ganze Welt offen zu stehen. Unsere Generation kannte keine Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden, und nach der Bronzemedaille von Sepp Haas über 50 Kilometer Langlauf an der WM in Grenoble wurde unser Skiclub von einer Euphorie erfasst.»

Jahrelang führten Zollinger und Maurer den Verein: der Wernetshausener als Rennchef und Präsident, der Girenbader als Kassier. Eines Sommers habe Maurer innerhalb weniger Monate 60'000 Franken für ein neues Pistenfahrzeug aufgetrieben, erinnert sich Zollinger. «Fast könnte man sagen: Im Skiclub hat sich Ueli das Rüstzeug geholt fürs Finanzdepartement.»

Nach 166 Treppenstufen oben angekommen, eröffnet sich vom 75 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Bachtel ein prächtiger Blick auf die Glarner Alpen und den Zürich-, Greifen- und Pfäffikersee. Ab und an geniesse auch Bundesrat Maurer diese Fernsicht, sagt der Kellner im Restaurant Kulm unterhalb des Turms. «Wenn er kommt, dann immer zu Fuss, alleine und sehr früh am Sonntagmorgen, vor den Touristen.»

Um den Kopf weht eine Brise

von besonnter Luft und Wiese,

dividiert durch viel Benzin.

Onkel Theobald berichtet,

was er alles sieht und sichtet.

Doch man sieht’s auch ohne ihn.

Den Gesang nach Kräften pflegend

und sich rhythmisch fortbewegend

strömt die Menschheit durchs Revier.

Wenn sich Maurer nach Ruhe sehnt, übernachtet er an einem abgelegenen, geheimen Ort im Wald, irgendwo zwischen Wernetshausen und dem Gipfel. Dann lausche er den Geräuschen der Nacht und atme die frische Luft, sagte er einst in einem Interview, da war er bereits Bundespräsident, politisch ganz oben angekommen. Dort, wo er eigentlich gar nie hingewollt hatte. «Ich möchte eine eigene Kuh», hatte er jahrelang geantwortet, wenn man ihn nach seinen Zielen fragte. «Eine Kuh und ein Bauernhaus.» Mit 24: Landi-Geschäftsführer; mit 28: Gemeinderat; mit 33: Kantonsrat; mit 41: Nationalrat; mit 45: SVP-Chef; mit 58: Bundesrat; mit 62: Bundespräsident. Was treibt Ueli Maurer an?

Es ist eine Frage, die sich auch Schulfreund Zollinger oft gestellt hat. Bei der letzten Klassenzusammenkunft im Oktober 2015 habe Maurer verkündet, er wolle noch ein, zwei Jahre im Verteidigungsdepartement bleiben, danach werde er seine Rente geniessen, erzählt Zollinger. Zwei Monate später gab Maurer bekannt, er werde Finanzminister und wolle der Regierung noch jahrelang erhalten bleiben. «Vielleicht kann er schlechter loslassen, als er selbst gedacht hatte», sagt Zollinger.

Mit Maurers unbändigem Willen erklärt Paul Bieri, warum Maurer trotz Anfeindungen immer weiter gemacht habe. Als Erstklässler sass er in Girenbad ein Jahr im selben Schulzimmer wie Sechstklässler Maurer, später brachte ihm dieser als Konfirmand die Bibel-Inhalte näher. Ueli sei stets derselbe geblieben, sagt der Käser. Als Geschäftsführer der Landi sei sich Maurer nie zu schade gewesen, selbst in die Backstube zu stehen, wenn einer seiner Angestellten ausgefallen sei. «Ueli war unkompliziert», sagt Bieri. «Er war dort, wo er gebraucht wurde.»

Vielleicht kommt diese Lesart der Realität nahe: Maurer glaubt, dass ihn das Land im Bundesrat braucht. Und deshalb verzichtet er auf Kuh und Bauernhof und seinen lang gehegten Traum, in Kanada eine Farm zu eröffnen oder in einem Blockhaus an einem schwedischen See alt zu werden.

Im Skiclub schrieb Maurer einst die Liebesbriefe der anderen jugendlichen Langläufer, weil er dies mit Abstand am besten konnte. Seine gesellige, musische Seite ist trotz aller beruflichen Anstrengung und politischen Angriffigkeit nie ganz in Vergessenheit geraten. Und so rezitierte er, als er seine ehemaligen Mitschüler 2010 auf den Bundesratssitz Lohn einlud, zur Überraschung aller fehlerfrei sein Lieblingsgedicht, «Im Auto über Land» von Erich Kästner, das er in der zweiten Sek auswendig gelernt hatte.

Immer rascher jagt der Wagen.

Und wir hören Vater sagen:

«Dauernd Wald, und nirgends Bier.»

Aber schliesslich hilft sein Suchen.

Er kriegt Bier. Wir kriegen Kuchen.

Und das Auto ruht sich aus.

Tante schimpft auf die Gehälter.

Und allmählich wird es kälter.

Und dann fahren wir nach Haus.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848:

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
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Keystone