Post-Skandal

Im Post-Skandal verhärten sich die Fronten: Wer trägt Schuld am Desaster bei Postauto?

Die Gewinne der Postauto AG wurden systematisch kleingerechnet. So wurden 100 Millionen Franken Subventionen betrogen.

Die Gewinne der Postauto AG wurden systematisch kleingerechnet. So wurden 100 Millionen Franken Subventionen betrogen.

Topmanager, die Tricksereien verbergen. Revisorinnen, die nicht gehört werden. Externe Kontrollstellen, die nichts unternehmen. Verwaltungsräte, die jahrelang wegschauen. Wer trägt Schuld am Desaster bei Postauto?

Die Köpfe rollen. Konzernchefin Susanne Ruoff musste per sofort gehen, ebenso die gesamte achtköpfige Geschäftsleitung der Postauto AG. Gleichzeitig wurde die Leiterin der internen Revision in Frühpension geschickt. Und schliesslich stolperte auch Ex-Finanzchef Pascal Koradi über den Skandal. Er trat als Direktionspräsident der Aargauischen Kantonalbank zurück.

Seit vergangenem Montag liegen die wichtigsten Fakten auf dem Tisch. Die Untersuchungsberichte der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard und ein Rechtsgutachten lesen sich stellenweise wie ein Wirtschaftsthriller – obwohl die brisantesten Kapitel bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Die «Schweiz am Wochenende» hatte Einsicht in Teile der nicht öffentlichen Stellen des Berichts. Sie enthalten brisante Würdigungen der involvierten Post-Kaderleute durch die Gutachter.

Auf diesen nichtöffentlichen rund 100 Seiten ist von grossen Fehlern, pflichtwidrigem Verhalten und Pflichtverletzungen die Rede. Interessant ist: Die Ex-Chefin der Post, Susanne Ruoff, kommt dabei einigermassen glimpflich weg. Sie war zwar auf Stufe Geschäftsleitung die oberste Verantwortungsträgerin, doch offenbar wird ihr verziehen, dass sie als Gesamtverantwortliche keinen vertieften Einblick in die buchhalterischen Tricks der Postauto-Tochter hatte.

Geheimbericht nicht gesehen

Anders bei Pascal Koradi, dem Ex-Finanzchef der Post. Er soll in der Geschäftsleitung am besten über die Vorgänge bei der Post im Bilde gewesen sein. So kommen die Gutachter im Geheimbericht zum Schluss, dass Koradi seine Pflichten verletzt haben soll. Der Manager sagt auf Anfrage, dass er dazu keine Stellung nehmen könne, da er den Inhalt des Geheimberichts nicht kenne.

Pascal Koradi: «Das Wichtigste ist das Vertrauen»

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Der AKB-CEO am Dienstag über die Gründe für seinen Rücktritt.

Er habe lediglich den öffentlichen Teil des Gutachtens zu Gesicht bekommen. Koradi hält fest, dass er zu keiner Zeit Kenntnis von möglicherweise illegalen Machenschaften hatte, und steht weiterhin zu allen getroffenen Entscheidungen in seiner damaligen Funktion. Er bedauert, dass er nie angehört wurde, und verlangt eine lückenlose Klärung der Vorkommnisse.

Die Untersuchungsberichte der Post werfen tatsächlich Fragen auf. Die federführende Kanzlei Kellerhals Carrard durfte keine Gespräche mit den beteiligen Personen führen. Trotzdem formulierten die Gutachter zum Teil harsche Würdigungen, die potenziell ehrverletzend sind.
Hart angefasst wird neben Koradi auch Vizepräsident Adriano Vassalli.

AKB-Chef Pascal Koradi geht: «Eine Email wurde ihm zum Verhängnis»

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Nach dem Rücktritt von Post-Chefin Susanne Ruoff und der gesamten Postauto-Geschäftsleitung löst der Postauto-Skandal einen weiteren Abgang aus: der ehemalige Post-Finanzchef Pascal Koradi nimmt den Hut bei der Aargauer Kantonalbank, wo er zwei Jahre lang Direktionspräsident war. Was ist ihm zum Verhängnis geworden?

Die Rechtsgutachter gehen bei ihm ebenfalls von einer Pflichtverletzung aus, unter Umständen sogar von einer «erheblichen». Auf Ebene Verwaltungsrat dürfte der Wirtschaftsprüfer am meisten gewusst haben über die zweifelhafte Buchungspraxis bei Postauto, so legen es die Untersuchungsberichte nahe. Trotzdem will er seine Amtszeit regulär beenden und bis
im Frühling 2019 bleiben.

Das erstaunt. Denn Vassalli galt im Verwaltungsrat manchen gar als «Mister Postauto», wie mehrere Quellen aus dem Umfeld des Gremiums bestätigen. In seinem Heimatkanton Tessin sitzt er in einem dreiköpfigen Beirat der regionalen Postauto-Gesellschaft. Dieser ist ausschliesslich beratend tätig und pflegt vornehmlich den Austausch mit lokalen Behörden.

Just im Tessin förderten die Untersuchungen besonders zweifelhafte Praktiken zutage. Im Südkanton steht der Verdacht im Raum, dass der Ortsverkehr mit Gewinnen aus dem Regionalverkehr quersubventioniert worden ist.

Die Kontroverse um Vassallis Rolle dreht sich primär um eine brisante Aktennotiz vom 21. August 2013. Laut einem Verteiler der internen Revision gehörte Vassalli als Chef des Prüfausschusses zu den Adressaten des Dokuments. Darin hiess es, dass «der Wertezufluss punktuell nicht eingehalten wird, was in bestimmten Fällen zu Quersubventionierung zulasten des öffentlich finanzierten Geschäfts führt».

Vertrauen verloren

Vassalli beteuert, er habe just dieses Papier nie erhalten. Doch die Rechtsgutachter belasten ihn selbst für den Fall, dass das Dokument nicht bei ihm gelandet ist. Dann müsse man noch immer von einer «minderschweren Pflichtverletzung» ausgehen. Bereits im Vorfeld versuchte Adriano Vassalli erfolglos, die Veröffentlichung der Untersuchung in der vorliegenden Form zu verhindern. Das belegen Briefe, die er an Post-Präsident Schwaller geschickt hat.

Nach der Publikation, als Politiker bereits seinen Kopf forderten, ging er in die Offensive. Mitte Woche sagte er im Gespräch mit der «Nordwestschweiz»: Sämtliche ihm unterstellten Punkte weise er entschieden zurück. Sollte seine Integrität verletzt werden, erklärte Vassalli, werde er «gerichtlich vorgehen». Die Androhung rechtlicher Konsequenzen richtet sich auch gegen Kellerhalls Carrard. Aus der Sicht von Vassalli hat die Anwaltskanzlei «gestützt auf einer Falschannahme eine Anklageschrift präsentiert».

Vassalli als Sündenbock? Dass der Post-Vize an die Öffentlichkeit trat, seine Kollegen angriff und dabei bisher unveröffentlichte Teile der Untersuchungsberichte kommentierte, könnte ihm rechtliche Probleme einbringen. Recherchen zeigen: Wie alle anderen Inhaber der Berichte musste er eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnen. Dieses Agreement gelte für nicht publizierte Teile unverändert, bestätigt Post-Sprecherin Léa Wertheimer. Auf Vassallis Äusserungen will sie nicht eingehen. «Zu persönlichen Ansichten von Adriano Vassalli nehmen wir keine Stellung.»

Die Nummer zwei im Aufsichtsgremium klammert sich mit allen Kräften an sein Amt. Das Vertrauen von Urs Schwaller dürfte er verloren haben. Der Präsident selbst äussert sich nicht zu der Personalie, der Missmut ist jedoch spürbar. Gefragt, ob er die im Anforderungsprofil für Verwaltungsräte geforderten Skills wie «Teamfähigkeit» oder «Verschwiegenheit» noch bei allen Mitgliedern sehe, lässt Schwaller via Sprecherin ausrichten: «Das sind berechtigte Fragen, die sich stellen.» Die Zusammensetzung des Verwaltungsrats liege einzig in der Verantwortung des Eigners, also des Bundes.

Eine Abwahl von Vassalli wurde beim Bund mehreren Quellen zufolge zumindest erwogen. Die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard stellt sich aber weiterhin hinter den Post-Vizepräsidenten. In einer Stellungnahme des Verkehrsdepartements heisst es, ihm habe keine «erhebliche Pflichtverletzung» nachgewiesen werden können. Dennoch sei angesichts der vorliegenden Informationen sein Rücktritt per Frühjahr 2019 vereinbart worden. Vassalli selbst war gestern nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

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