Derzeit haben laut Bundesamt für Statistik rund 37 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung über 15 Jahren Migrationshintergrund. Das sind 2,6 Millionen Menschen; eine knappe Million von ihnen besitzt den Schweizer Pass. In der Politik aber ist davon noch wenig zu spüren. Das gilt für die lokale Ebene wie die kantonale. Und natürlich auch für die nationale, für das Bundeshaus in Bern – obwohl die Schweiz seit letztem Jahr mit Ignazio Cassis ihren ersten eingebürgerten Bundesrat hat.

Das Parlament führt kein Buch darüber, wie viele seiner Mitglieder Migrationshintergrund haben. Einen Anhaltspunkt liefert nun eine Auswertung von Nenad Stojanovic, Politologe an der Universität Luzern. Der Tessiner mit bosnischen Wurzeln, der einst selbst im Tessin für die SP politisierte, hat nach den jüngsten nationalen Wahlen im Jahr 2015 die Familiennamen der gewählten Politiker unter die Lupe genommen.

Sämtliche Namen, die vor 1940 in einer Schweizer Gemeinde das Bürgerrecht besassen, hat er dabei als Schweizer Politiker gewertet. Parlamentsmitglieder, deren Nachnamen erst später auftauchen, gelten als solche mit Migrationshintergrund. Mit dieser Methode errechnete Stojanovic einen Migranten-Anteil von 5,5 Prozent im National- sowie 6,5 Prozent im Ständerat.

Solche Zahlen gefallen Rupan Sivaganesan gar nicht. Der 36-Jährige hat Wurzeln in Sri Lanka. Als er 2006 eingebürgert wurde, dauerte es nur drei Monate, bis er in den Zuger Kantonsrat gewählt wurde. Das Fernsehen betitelte dies damals als «Polit-Märchen», doch so schön diese Geschichte auch ist: Sie ist eine Ausnahme.

Gegen diese Untervertretung der Schweizer mit Migrationshintergrund wehrt sich der Zuger als Gesamtkoordinator von «Gewählte Stimme». In diesen Tagen hat die Organisation eine Petition lanciert, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mehr zugewanderte Schweizer in die Politik zu bringen. «Es ist dringend nötig, dass dieser grosse und wichtige Teil der Bevölkerung besser repräsentiert wird», sagt Sivaganesan, der findet, dass die Zusammensetzung etwa des Nationalrats kein bisschen zeitgemäss mehr sei. «Die Bauern zum Beispiel sind doch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in der Schweizer Politik übervertreten, Migranten dagegen untervertreten», sagt er.

«Gewählte Stimme» nimmt die Parteien in die Pflicht. Migranten sollen nicht nur als potenzielle Wähler umworben, sondern auch als Politiker gezielt gefördert werden, etwa mit guten Listenplätzen. Politikwissenschafter Stojanovic sagt, dass die Parteien es durchaus in der Hand hätten, Kandidaten mit Migrationshintergrund in den Vordergrund zu rücken. Als Beispiel nennt der Forscher den italienischstämmigen SP-Politiker Angelo Barrile (ZH), der es 2015 auch dank seines guten Listenplatzes in den Nationalrat schaffte.

Bundeshaus ohne Balkan-Einfluss

Das Engagement der Parteien ist das eine; das andere ist das der Migranten. Ist ihre schwache Vertretung in der Schweizer Politik auch Ausdruck eines kleinen Interesses an der Politik in der neuen Heimat? Nenad Stojanovic hat dazu zwar nicht geforscht, aber persönliche Erfahrungen gemacht.

Für ihn liegt es auch an den Migranten selbst, dass es trotz der vielen Einwanderer aus den Balkan-Ländern in den letzten 25 Jahren noch niemand ins Bundeshaus geschafft hat. «Meiner Erfahrung nach interessieren sich Migranten aus Ex-Jugoslawien weniger für Politik und engagieren sich demzufolge auch seltener. Ich glaube, dass das mit ihren Kriegserfahrungen zu tun hat und dem schlechten Eindruck, den sie aus ihrer Heimat von Politikern haben.»

Rupan Sivaganesan nimmt die Migranten ebenso in die Pflicht. «Es ist wichtig, dass wir auch zeigen, dass wir uns engagieren und aktiv beteiligen wollen», sagt er. Gleichzeitig wendet sich der 36-Jährige mit seiner Petition aber an die Wähler. «Sie sollten den Migranten vermehrt ihre Stimme geben.»

Dass es bisher andersherum läuft, hat Forscher Stojanovic kürzlich nachgewiesen. Eine Auswertung der Parlamentswahlen in sechs Zürcher Gemeinden ergab, dass Kandidaten mit ausländischen Namen öfter gestrichen und seltener kumuliert wurden als ihre Konkurrenten mit Schweizer Namen.