In der Abenddämmerung tauchten sie auf. Die Sonne war hinter dem Thunersee untergegangen und die letzten Badegäste nahmen einen Feierabendschwumm. Dann huschten sie vorbei. Drei unscheinbare Gestalten, eine in Grau, eine in Beige und eine in Schwarz mit goldenen Säumen. Niqabs, Ganzkörperschleier waren es. Ihre Gatten steckten in Trainerhosen von Adidas, einer trug Shorts und Flipflops. Gemeinsam setzten sie sich an die Bar, bestellten Getränke und sahen zu, wie die letzten Badegäste in ihren Bikinis aus dem Wasser stiegen.

Es war ein ganz normaler Sommerabend in Interlaken. Für diese Reportage kehrten wir ein paar Tage später ins Berner Oberland zurück. Halb Europa diskutiert heftig über ein Burkaverbot. Die Gräben ziehen sich durch alle Lager. Rechte und Linke wollen die Burka verbieten. Politiker stellen sich gegen das Verbot, weil sie sich als liberal bezeichnen. Andere sind für das Verbot – auch, weil sie sich als liberal bezeichnen. Und über allem schwebt der Fakt, dass sich mit Ausnahme von Konvertitinnen kaum eine muslimische Frau ganz verschleiert, die hier lebt. Die meisten Burkaträgerinnen sind Touristinnen.

Doch wie lebt es sich unter einem Schleier? Wie erträgt man die Blicke der Einheimischen? Und wie gehen die Berner Oberländer mit den Burkaträgerinnen und der Gegenwart um, in der der Tourismus aus der Golfregion zu einer der wichtigsten Einnahmequellen geworden ist?
Auf der Höhematte im Zentrum Interlakens landen Gleitschirmpiloten im Minutentakt. Es ist Vormittag, die Luft ist klar. Touristen schauen dem Treiben vor der schneebedeckten Jungfrau zu. Gegenüber liegt Interlakens beste Adresse: das Hotel Victoria-Jungfrau. Vor dem Mittag sehe man kaum Verschleierte auf den Gassen, sagen die Interlakner. Das stimmt. Erst nach und nach treten arabische Pärchen aus dem Nobelhotel. Ein Paar flaniert auf und ab. Wir sprechen den Mann an. Er will nicht mit uns sprechen. Dann setzen er und die verschleierte Frau sich in ein Taxi. Wir erspähen eine Gruppe, darunter zwei vollverschleierte Frauen.

Im Schleier ins Hooters

Als Reporter ist man sich gewohnt, Wildfremde anzusprechen. Aber Araber? Vollverschleierte? Darf man ihnen überhaupt in die Augen sehen oder wird das als unanständig missverstanden? Soll man zuerst die Männer fragen? Etwas nervös gehen wir auf die Gruppe zu. Ich wende mich an den Mann, wie ich es mir aus Reisen in muslimische Länder gewohnt bin. Er trägt gepflegten Bart, Brille, Shorts und Hemd. Auf Englisch stellt sich der Mann als Nasser al-Khatami vor. Mit dabei: seine Frau und ihre Schwestern. Alle sind sie verschleiert, tragen den Niqab, den traditionellen Gesichtsschleier in der Golfregion.

«Manche ziehen den Niqab aus, weil sie sich hier nicht unwillkommen fühlen wollen»

«Manche ziehen den Niqab aus, weil sie sich hier nicht unwillkommen fühlen wollen»

Julie Paterson von «Alpin Raft» kennt die arabische Kultur und berät arabische Touristinnen, die Abenteuersportarten wie River Rafting oder Gleitschirmfliegen ausprobieren wollen.

Die Familie kommt aus Dubai. Auf Europa-Trip seien sie. Über die Burkadebatte wissen sie Bescheid. Die Frauen mischen sich energisch in das Gespräch ein. In fliessendem Englisch erklären sie, warum sie Gesichtsverschleierung tragen. «Es ist meine eigene Entscheidung. Ich will das tun», sagt Khatamis Frau. Bemerken sie es, wenn Einheimische und andere Touristen sie anstarren? «Ja, aber es stört mich nicht. Es ist okay.»

Die Familie steht an der Ecke zu Interlakens berühmtesten Fastfood-Restaurant, dem Hooters. Das Konzept: Leicht bekleidete junge Damen servieren Burger, Pommes und Softgetränke. Empfinden die Besucher aus Dubai es als störend, dass junge Mädchen hier so viel Haut zeigen? «Nein, überhaupt nicht», erklärt die Frau. «Wir gehen nachher sogar hier essen. Das Essen schmeckt vorzüglich.»

Verdattert stehen wir da. Nur mit halbem Ohr interessieren mich Khatamis Schilderungen, wonach er am Morgen von der Polizei gebüsst worden ist. Die Familie hat wie die meisten arabischen Touristen am Flughafen in Zürich einen Wagen gemietet. Sie will die Schweiz selbst entdecken. Dummerweise hat Khatami im Zentrum ein Signal übersehen und ist ins Fahrverbot gefahren. «200 Franken ohne Verwarnung, das finde ich nicht sehr gastfreundlich, ich habe es doch nicht extra getan», beschwert er sich.

Die arabischen Gäste und der Verkehr werden heiss diskutiert in Interlaken. Auf Facebook pöbeln die Interlakner lautstark gegen die Mietautofahrer und Burkaträgerinnen. Offen sagt es ihnen in Interlaken niemand. Aber hinter vorgehaltener Hand lästern nicht wenige über die arabischen Besucher. Abschätzig fallen für die Vollverschleierten Worte wie: Briefkästen, Kohlensäcke etc.

Ginge es ohne Araber noch?

Einer, der die arabischen Gäste liebt, heisst Ernst Vögeli. Für die SVP sitzt er im Gemeinderat von Unterseen, der grössten Gemeinde der drei Ortschaften, die zusammen den Touristenmagnet Interlaken bilden. Vögelis Welt sind die Pferde. In seiner Reiterhose und den polierten Reiterstiefeln steigt er aus dem schwarzen Mercedes. In Gstaad besitzt Vögeli ein Fünfsternehotel für Pferde. Soeben ist er zurück auf sein Gestüt in Unterseen gefahren.

Hier kutschiert Vögeli Touristen durch die Gegend. Die arabischen Frauen mit ihren Männern und Familien sind zu seiner wichtigsten Klientel geworden. Die Burkadebatte habe gar nichts mit der SVP zu tun, sagt er und verspricht: «Kommt es zu einer Abstimmung, so werde ich auch gegen das Egerkinger Komitee Stellung beziehen.» Beim Komitee um den Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann handelt es sich um die eifrigsten Verfechter eines Burkaverbots.

Cards: So verhüllen sich Muslimas

Zufrieden setzt sich Vögeli auf eine Bank vor den Pferdeställen. Den Reitlehrerinnen und Pferdebetreuerinnen gibt er immer wieder Anweisungen. Wir beobachten, wie sich eine arabische Familie auf einen Ausritt vorbereitet. Zwei Frauen tragen lange Kleider und Gesichtsschleier. «Schauen Sie sich diese wunderbaren Stoffe an», sagt Vögeli. Ob vollverschleiert oder nicht – arabische Touristinnen seien stets sorgfältig gekleidet und gepflegt, so Vögeli. Er macht keinen Hehl daraus, was er von liberalen westlichen Kleidungsgepflogenheiten hält: «Frauen hinter Gesichtstüchern sind mir lieber als Europäerinnen, die sich in zu enge Kleidung pressen, bei denen man alles sieht, was man bestimmt nicht sehen will.»

Dann setzt er noch einen oben drauf und macht seiner Abneigung gegenüber Rastazöpfchen Luft: «Negerzöpfchen», bezeichnet er sie. «Das hasse ich.»

Verkehrte Welt: In Interlaken trifft man auf offen sexistisch und rassistisch argumentierende Behördenvertreter, welche die Burkaträgerinnen aus dem Golf lieben. Auf der anderen Seite trifft man auf Frauen hinter Schleiern, die sich weniger verschlossen geben, als man vermutet hat.

Sprecht mit ihnen!

Zurück im Zentrum von Interlaken: Vor dem Coop steht eine Niqab-Trägerin. Wir fassen uns ein Herz und sprechen sie an. Schliesslich sind wir in der Schweiz. Hier kann man auf Frauen zugehen, ohne vorher ihren Mann fragen zu müssen, sagen wir uns. Die Frau schüttelt den Kopf, sagt «no English, please talk to my husband». Dieser kommt aus dem Laden heraus. Freundlich fragt er, ob er helfen könne, wir bitten ihn um ein Interview. Aus Saudi-Arabien seien sie, sagt er, doch sie hätten gerade keine Zeit, müssten weiter.

Vor dem Victoria-Jungfrau werden wir erneut fündig: Zwei Frauen hinter Gesichtsschleier und ihre Schwester im Kopftuch überzeugen ihre Männer, man möge unseren Fragen Red und Antwort stehen. Familie al-Hadi kommt aus Kuwait, erklärt uns die Frau im Kopftuch. Sie selbst trägt einen Hidschab, ihre Schwestern einen Niqab. «Weil sie das so wollen. Sie könnten aber wie ich Hidschab tragen. Keiner zwingt sie zur Vollverschleierung», so die Frau. In Interlaken habe man einen River-Rafting-Ausflug gemacht. Im Niqab? «Nein, den mussten meine Schwestern aus Sicherheitsgründen weglegen.»

Und das haben sie getan? «Ja, klar.» Würden sie auch für uns ihr Gesicht zeigen? Nein, dazu sehen die Frauen keinen Grund, wir seien ja keine Polizisten oder Grenzbeamten. Am Flughafen, da hätten sie bei der Einreise bei der Passkontrolle selbstverständlich den Schleier gelüftet. Al-Hadis geben bereitwillig Auskunft. Auch zu einem Familienfoto lässt sich die Familie überzeugen. Nur ein Videointerview, das lehnen die Kuwaiter ab. Fragen beantworten ist kein Problem, Bilder machen hingegen schon.

Das Hooters mit seinen leicht bekleideten Serviererinnen liegt um die Ecke, die Hidschabträgerin schaut uns selbstbewusst an und sagt: «Glauben Sie ja nicht, wir würden solche Sache nicht auch zu Hause tragen. Nur sieht es bei uns viel besser aus.» Die Frauen und ihre Männer brechen in Gelächter aus.