Ob er sich im Nachhinein gefragt hat, wie das nur passieren konnte? Vielleicht war es die Sehnsucht nach einer Frau fürs Leben, nach einer verständnisvollen Partnerin, die Zeit hat für seine Sorgen. Er hoffte jedenfalls auf die grosse Liebe. Doch sie wollte nur an sein Geld.

Es war vor einem Jahr, als sich der Senior aus dem Kanton Zug auf eine amouröse Beziehung zu einer Frau aus Ghana einliess. Die beiden verbrachten Stunden miteinander. Rein virtuell. Via Skype flirtete die Frau zunächst mit dem Mann.

Irgendwann hatte sie sein Vertrauen gewonnen – und fragte erstmals nach Geld. Einmal erzählte sie von Krankheiten in der Familie, von den teuren Behandlungen, die niemand bezahlen konnte. Dann berichtete sie ihm von der Erbschaft ihres verstorbenen Vaters, 40 Kilogramm Gold – aber leider war da noch die hohe Vermögenssteuer.

Die Geschichten waren hanebüchen. Doch das brachte ihn nicht aus der Ruhe, denn er war blind. Blind vor Liebe. Er wollte der Frau helfen und überwies mehrmals Geld nach Afrika. Immer ein paar tausend Franken, schliesslich bekäme er ja alles zurück. Also machte er weiter, selbst dann, als seine Bank wegen der vielen Transaktionen misstrauisch wurde. Die Warnungen schlug er in den Wind.

Bis Funkstille herrschte. Plötzlich liess die Frau nichts mehr von sich hören, 400 000 Franken genügten ihr offenbar. Die grosse Liebe, sie entpuppte sich als grosse Lüge. Der Senior war einer digitalen Heiratsschwindlerin aufgesessen.

Sehr hohe Dunkelziffer

Polizisten bezeichnen diese Betrugsmasche als Romance Scam, auf Deutsch so viel wie «romantischer Betrug». Die Betrüger eröffnen falsche Profile auf Dating-Seiten, Singlebörsen oder sozialen Netzwerken. Wochenlang umgarnen sie ihre Opfer mit Liebesgeflüster und machen sie gefügig.

Auf Mails folgen Chats und Telefonate. Meist in gebrochenem Englisch, manchmal mit ein paar Brocken Deutsch. Irgendwann kommt die Frage nach Geld.

Die amerikanische Bundespolizei führt Romance Scam auf der Liste der häufigsten Internet-Betrügereien. Das überrascht kaum in Zeiten, in denen sich jedes siebte Paar im Netz kennen lernt. Tatsächlich hat die Betrugsmasche auch in der Schweiz Erfolg: Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) erhielt zuletzt so viele Meldungen zu Romance Scam, dass es diese nun separat ausweist.

Gab es 2015 noch 81 Meldungen, waren es 2016 laut dem soeben veröffentlichten Jahresbericht bereits deren 140. Und damit ist längst noch nicht jeder Fall aktenkundig. «Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein als bei anderen Delikten der Internet-Kriminalität», sagt Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu. Weil Lust und Scham im Spiel seien, wende sich erfahrungsgemäss nur ein Bruchteil der Opfer an die Behörden.

Auf einem noch höheren Niveau bewegen sich die ebenfalls neu erfassten Meldungen wegen Sextortion, einem englischen Kunstwort aus Sex und Erpressung. Während bei Romance Scam mehr Frauen betroffen sind als Männer, ist es hier genau umgekehrt.

Bei Sextortion werden junge Männer dazu animiert, sich vor der Kamera auszuziehen. Wenn sie sich darauf einlassen, werden sie ohne ihr Wissen gefilmt. Die Erpresser drohen ihnen anschliessend, die Fotos an Angehörige zu schicken, wenn nicht eine gewisse Summe fliesst. 161 Meldungen wegen Sextortion sind im vergangenen Jahr beim Fedpol eingegangen.

Opfer sind finanziell ruiniert

Besonders bei Romance Scam werden die Opfer nicht selten um viel Geld betrogen. Fedpol-Sprecherin Musliu spricht von «sehr hohen Schadenssummen, die gemeldet werden, weil die Opfer teilweise über mehrere Wochen und Monate betrogen werden». Einige zehntausend Franken sind nicht aussergewöhnlich, manche Opfer kommen nahe an den finanziellen Ruin.

Die Aufklärung der entsprechenden Taten ist jedoch sehr schwierig, bestätigt Musliu. «Die Strafverfolgung steht hier vor besonderen Herausforderungen.» Die Täter arbeiten sehr professionell und vom Ausland aus. Trotzdem lohnt sich der Gang zur Polizei gemäss Fachleuten: Allein schon deshalb, weil die Corps ansonsten kaum ihren zusätzlichen Bedarf an Ressourcen im Bereich der Cyberkriminalität geltend machen können.

Die digitalen Heiratsschwindler sitzen oft in Westafrika, aber auch in Südostasien oder im Maghreb. Dem Fedpol sind unter anderem Fälle mit Urhebern in Ghana, Nigeria und Tunesien bekannt. Die Täter sind meist männlich, im Netz machen sie aber keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Männer führen bisweilen Profile mit weiblichen Identitäten. In der Regel sind sie in losen Gruppen organisiert, Frauen aus dem Bekanntenkreis werden etwa für Videochats beigezogen.

Für den Zürcher Staatsanwalt Stephan Walder fallen Sextortion und Romance Scam deshalb nicht zwingend in die Kategorie der organisierten Kriminalität, lieber spricht er von «organisiertem kriminellen Handeln einzelner Täter». Mit seinem Kompetenzzentrum für Cybercrime befasst er sich als einer von wenigen Strafverfolgern regelmässig mit dem üblen Spiel der Liebesschwindler. Der Ermittlungsaufwand in diesem Bereich sei enorm, sagt Walder. «Die internationale Rechtshilfe gehört in den meisten Fällen zum Standard.»

Die Geschichte des Ex-Generals

Singlebörsen sind im Zeitalter des Internets globalisiert, und die Kriminalität ist es erst recht. Nach und nach erschleichen sich die Täter das Vertrauen ihrer Opfer. Die Profilfotos sind geklaut aus den Weiten des Internets, die Lebensläufe frei erfunden.

Ihre Legenden wiederholen sich: Mal ist es der einsame US-Soldat in Übersee, mal der Witwer aus Grossbritannien. Grosser Beliebtheit erfreut sich aktuell die Geschichte des Ex-Generals, einsam in Feindesland, ohne Familie und kurz vor der Pleite.

Täter sind gemeinhin psychologisch geschult und darauf trainiert, Menschen emotional an sich zu binden. Selbst wenn sich eine Geschädigte über Romance Scam informieren würde, sagt Staatsanwalt Walder, würde sie wohl überzeugt sein: «Mein Märchenprinz doch nicht.»

Intelligenz schützt nicht

Es ist ein Vorwurf, den sich Betroffene immer wieder anhören müssen: Wie kann man nur so dumm sein? Auf einen Liebesschwindler reinzufallen, habe nichts mit Intelligenz zu tun, entgegnet die Kriminologin Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention. Ihrer Erfahrung nach finden sich die Opfer quer durch alle Bildungsschichten.

In die Fänge der Betrüger treibt sie das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung, gepaart mit der relativen Unerfahrenheit im Internet. «Viele der Opfer sind zu blauäugig beim Surfen», sagt Billaud. Ihnen fehle schlicht das Wissen, wie einfach Informationen manipuliert werden können.

Wer auf Romance Scam hereinfällt, gerät rasch in einen Teufelskreis. Je intensiver eine Beziehung wird, desto hartnäckiger sind Betroffene davon überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat. Denn der «emotionale und finanzielle Verlust», wie es Billaud nennt, wäre kaum mehr zu verkraften. Umso grösser ist der Ärger über den Vertrauensbruch, wenn alles aufgeflogen ist.

Die Betrüger setzen auf die Macht der Hormone, um ihre Opfer von ihrem Geld zu trennen. Das musste auch der Zuger Rentner erkennen, von seiner vermeintlich grossen Liebe aus Ghana nunmehr um 400 000 Franken erleichtert. Der Mann erstattete schliesslich doch noch Anzeige bei der Polizei. Allzu viel Hoffnung, dass sein Fall jemals aufgeklärt wird, besteht aber nicht.

Er wurde am Ende gleich dreifach betrogen: um Geld, um Illusionen, um Gefühle. Leidenschaft schafft erst recht Leiden.