Lange Zeit ging man davon aus, dass Locher nach acht Jahren problemlos für eine weitere Amtszeit gewählt würde. Eine Alternative war trotz massiver öffentlicher Kritik an seiner Amtsführung und seinem Geschlechterbild nicht in Sicht.

Während Locher eine intellektuelle Aura umgibt, kommt Famos aus der kirchlichen Praxis. Die 52-Jährige leitet seit fünf Jahren die Abteilung Spezialseelsorge bei der Zürcher Landeskirche mit 100 Mitarbeitern. Sie war nicht nur fast 20 Jahre als Gemeindepfarrerin tätig, sie verfügt auch über kirchenpolitische Erfahrung.

Sieben Jahre sass sie im Zürcher Kirchenparlament. Von 2011 bis 2014 war sie Ratsmitglied des Kirchenbunds und arbeitete in dieser Zeit mit Gottfried Locher zusammen. Als Gegenentwurf zu Locher sieht sie sich nicht, betont aber zugleich, dass sie einen anderen Führungsstil pflege: «Ich führe integrativ.»

«Es braucht ein neues Gesicht»

Ihren Entscheid für die Gegenkandidatur begründet Famos damit, dass die Abgeordneten dem Rat Ende April nicht gefolgt sind. Der Rat wollte dem Präsidenten im Zuge der Verfassungsreform die geistliche Führung übertragen. Die Abgeordneten hingegen haben die geistliche Leitung auf drei Ebenen verteilt: den Rat, die Synode und den Präsidenten.

Famos spricht von einem «Misstrauensvotum» gegenüber dem aktuellen Präsidenten. Mit der grössten Reform seiner Geschichte stehe der Kirchenbund vor einem Neuanfang: «Dieser braucht auch die Chance, einen neuen Kopf zu wählen», sagt Famos. Wichtig sei auch gewesen, dass sie eine Gruppe aus der Basis zu diesem Schritt ermuntert habe.

Dazu gehört Sibylle Forrer. Die durch das «Wort zum Sonntag» bekannt gewordene Pfarrerin gehört zu Lochers schärfsten Kritikerinnen. Ihr sei es wichtig, dass es nicht bei der Kritik am Amtsinhaber bleibe, sondern, dass die Basis aktiv werde und handle, sagt Forrer. «Rita Famos bringt alles mit, was es für dieses Amt braucht.» Sie wolle eine Kirche des Miteinanders und verfüge über Erfahrungen auf allen kirchlichen Ebenen.

Im Gegensatz zu Locher, der offen mit einem Bischofsamt liebäugelt, will Famos nicht Bischöfin sein: «Ein Bischofsamt passt nicht zu unserer reformierten DNA», sagt sie. Famos weiss, wie man Kinder und Karriere unter einen Hut bringt. Sie arbeitete stets im Jobsharing. Politisch verortet sich die Pfarrerin «Mitte-rechts»; ihr Mann politisiert für die FDP.

Heikle Aussagen Lochers

Locher steht wegen Aussagen zur Prostitution im Gegenwind. «Befriedigte Männer sind friedlichere Männer», heisst es in seinem Buch aus dem Jahr 2014. «Darum sage ich, wir sollten den Prostituierten dankbar sein.» Locher fühlte sich missverstanden, blieb eine Klarstellung aber bislang schuldig. Gestern weilte er in den Ferien und war nicht erreichbar.

Famos hingegen vertritt eine dezidiert andere Sichtweise: «Die Kirche muss sich gegen Ausbeutung einsetzen», sagt sie. Sie könne Prostitution nicht einfach gutheissen: «Frauen werden ausgenutzt und erniedrigt.»

Ist die Zeit nicht zu knapp, um eine seriöse Kandidatur aufzubauen? Famos bleibt zuversichtlich: «Die Zeit reicht aus, damit sich 70 Abgeordnete eine Meinung bilden, zumal mich viele aus meiner Ratszeit kennen.» Einer, der hinter ihrer Kandidatur steht, ist Michel Müller, Präsident der Zürcher Landeskirche: «Famos ist eine Krampferin, die gerne Verantwortung übernimmt». Sie habe in kurzer Zeit Beeindruckendes geleistet, etwa als sie als Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Schweiz die Taufanerkennung durchgebracht habe.

Am 17. Juni kommt es zum Duell zwischen Famos und Locher.