Christoph Schuler

«Im Gegensatz zur FDP werden wir noch lange durchhalten»

Bischof-Kandidat Schuler: «Was wir leben, sorgt in der römisch-katholischen Kirche für Zündstoff.» 	(wal)

Christoph Schuler

Bischof-Kandidat Schuler: «Was wir leben, sorgt in der römisch-katholischen Kirche für Zündstoff.» (wal)

Am 12. Juni wählen die Christkatholiken ihren neuen Bischof nach Bern. Der 47-jährige Christoph Schuler, der in Wettingen gross geworden ist, ist einer der drei Kandidaten.

Maja Sommerhalder

In der Berner Innenstadt, da steht sie die christkatholische Kirche St. Peter und Paul in Bern. Hier predigt der aus Wettingen stammende Bischofskandidat Christoph Schuler. Er ist ein sanfter Mensch und angenehmer Interviewpartner. Wenn es um seine Kirche geht, kann er aber durchaus kämpferisch werden.

Drei Kandidaten wollen christkatholischer Bischof werden. Warum sollen gerade Sie gewählt werden?
Christoph Schuler: Ich will unsere Kirche durch die Zeit führen, ohne dass das Traditionelle auf der Strecke bleibt. Ich kämpfe für eine biblisch verankerte, weltoffene und sozial engagierte Kirche. Kirchen haben es zwar heute nicht einfach, trotzdem glaube ich an die Zukunft unserer Glaubensgemeinschaft. Die Kirche hat in ihrer Geschichte vieles gemeistert.

Ihre Kirche ist mit 13 500 Mitgliedern klein. Was lässt Sie denn an die Zukunft glauben?
Schuler: Wir werden von elf Kantonen als Landeskirche anerkannt und haben einen starken Rückhalt in der Gemeinde. Unsere Überschaubarkeit ist auch eine Stärke. Es ist sehr familiär bei uns.

Sie predigen in der Bischofs- und Gemeindekirche St. Peter und Paul in Bern. Wie viele Gläubiger sitzen in Ihrem Gottesdienst?
Schuler: Etwa 30 bis 60 Leute. Das sind etwa fünf bis zehn Prozent der Mitglieder. Das ist ein höherer Anteil als bei der reformierten und sogar bei der römisch-katholischen Kirche.

Die christkatholische Kirche ist aus dem liberalen Geist des 19. Jahrhunderts geprägt. Viele Mitglieder sind Freisinnig und Intellektuelle. Ausländer gibt es kaum. Ist das volksnah?
Schuler: (Lacht) Im Gegensatz zur FDP werden wir noch lange durchhalten. Tatsächlich sitzen in den Ämtern nur Schweizer. Unsere Kirche hat wenig von der Zuwanderung profitiert. Wir haben aber auch nie Mission betrieben. In den letzten Jahren besuchen mehr Migranten die Gottesdienste. Gerade in den Städten sind viele Kulturen vertreten.

Und, was ist mit den «kleinen Leuten»?
Schuler: Neulich habe ich einer Gruppe Bauarbeiter beim Krampfen zugeschaut. Ich habe mich dann gefragt, ob unser Angebot diese Menschen überhaupt ansprechen würde. Plötzlich war ich froh, dass ich katholisch bin.

Warum?
Schuler: Wir Katholiken arbeiten viel mit Symbolen, die jeder versteht. Protestanten haben eigentlich nur die Predigt.

Überalterung ist ebenfalls ein Problem in der christkatholischen Kirche. Tun Sie denn zu wenig für die Jungen?
Schuler: Das ist ein generelles Problem in der Schweiz und betrifft auch andere Kirchen. Tatsächlich haben wir mehr Todesfälle als Taufen. Viele unserer neuen Mitglieder sind aber junge Familien. In den Gottesdiensten sind alle Generationen vertreten. Ich setze mich für die Jungen ein und investiere viel in den Religionsunterricht. Der persönliche Kontakt ist mir wichtig. Leider bin ich ein schlechtes Vorbild, was den eigenen Nachwuchs angeht. Meine Frau und ich haben nur ein Kind.

Dürfen Sie denn als Bischof überhaupt Kinder haben?
Schuler: Wir haben kein Zölibat. Wir leben den christlichen Glauben und praktizieren schöne Rituale. Dabei passen wir uns den Zeitbedingungen aber an. So dürfen seit 1999 auch Frauen alle kirchlichen Ämter ausführen.

Diese Haltung sollte doch viele Menschen ansprechen. Trotzdem ist Ihre Kirche klein und unbekannt . . .
Schuler: In den letzten Jahren sind wir ein bisschen gewachsen. In meiner Kirchgemeinde gab es seit Beginn dieses Jahres ein Duzend Neueintritte. Ein paar Tausend Mitglieder mehr wären nicht schlecht, allzu gross wollen wir aber nicht werden. Dann würde das Familiäre verloren gehen. Das Internet hilft uns, dass wir bekannter werden.

Man wird doch kaum auf sie aufmerksam, wenn man im Internet surft . . .
Schuler: Leute, die auf der Suche nach christlichem Glauben und Spiritualität sind, finden uns. Früher arbeitete ich in einer Gemeinde, die mit Mitgliederschwund zu kämpfen hatte. Nachdem wir eine Homepage aufgeschaltet hatten, kamen neue Gläubige. Aber eine Homepage alleine genügt nicht. Es braucht eine lebendige Gemeinde. Mund-zu-Mund-Propaganda ist die beste Werbung.

Die christkatholische Kirche Luzern hat in der Zeitung ein kleines Inserat geschaltet. Wäre das keine Möglichkeit für Sie?
Schuler: Momentan sehe ich keinen Handlungsbedarf. Der römisch-katholische Bischof Kurt Koch war wegen des Inserates verärgert. Er beschuldigte uns, dass wir damit Leute abwerben würden. Das war aber nie unsere Absicht. Für mich ist diese Kritik ein Zeichen von Schwäche und zeigt, dass der römisch-katholische Bischof von uns Angst hat wie der Elefant vor der Maus. Da muss mehr dahinterstecken.

Aha?
Schuler: Was wir leben, sorgt in der römisch- katholischen Kirche für Sprengstoff. Gerade, was die Gleichberechtigung von Frauen angeht. Zudem integrieren wir alle Menschen. Auch Homosexualität ist bei uns nichts Verwerfliches.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den anderen Landeskirchen?
Schuler: Sehr gut. Wir arbeiten eng zusammen und haben auch gemeinsame Gottesdienste.

Sie sind in Wettingen gross geworden. Wie haben Sie zum Glauben gefunden?
Schuler: Meine Eltern waren schon Christkatholiken und engagieren sich in der Kirchgemeinde Baden/Wettingen. Als Kind fuhr ich Abend für Abend mit dem Velo zu den Mitgliedern und habe ihnen unser Jahresbuch nach Hause gebracht. Das gab immer ein schönes Trinkgeld, und ich habe viele Menschen kennen gelernt. Damals wurde mir bewusst, wie wichtig der persönliche Kontakt ist. Als ich die Kantonsschule Wettingen besuchte, kam der Wunsch auf, Theologie zu studieren.

Warum?
Schuler: Ich habe mich damals stark für die nationale und internationale christkatholische Jugendbewegung engagiert und wollte mehr über die Theologie erfahren. Mich interessierte, wie man die Theorie in die Praxis umsetzen kann. Auch der Unterricht im ehemaligen Kloster hat mich geprägt. Ich habe mich schon gefragt, ob ich Theologie studiert hätte, wenn ich in die Kanti Baden gegangen wäre.

Wie schätzen Sie denn die christkatholische Gemeinde in der Region Baden/Wettingen heute ein?
Schuler: Es ist eine unserer Gemeinden, die wachsen. Als ich ein Kind war, hatte sie 280 Mitglieder, heute sind es 400. Sicher liegt dies am guten Pfarrer und an der Lokalität. Heute werden die Messen im gediegenen Rahmen in der Klosterkirche Wettingen abgehalten. Früher fanden die Messen in der Kapelle beim Kurtheater statt. Diese hatte den Charme einer Turnhalle.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer alten Heimat?
Schuler: Meine Eltern leben immer noch in Wettingen. Ich würde gerne wieder mal die Messe in der Klosterkirche besuchen, nur muss ich am Sonntag selbst arbeiten. Wenn ich zum Bischof gewählt würde, würde ich aber gerne die erste Predigt in meiner alten Heimat halten.

Sie haben zwei Konkurrenten. Wie hoch sind Ihre Chancen?
Schuler: Wenn der ganze Kanton Aargau hinter mir steht, habe ich gute Chancen, gewählt zu werden. Sonst werde ich mindestens Zweiter.

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