Gieri Cavelty, Fabian Renz

Beim Vergleich des alten und des neuen Bundesratsfotos springt der Wechsel ins Auge: Der Ausreisser nach oben in Gestalt des hünenhaften Pascal Couchepin fehlt. Neu im Bild ist dafür die in jeder Hinsicht durchschnittlich wirkende Erscheinung am linken Fotorand. Didier Burkhalter kommt dabei ganz genau so rüber wie in Natura: zurückhaltend, nett, beinahe etwas blässlich - aber sicher nicht napoleonisch-dominant wie der Vorgänger aus dem Wallis.

Der Schein entspricht insofern der Wirklichkeit, als Burkhalter die von Couchepin hinterlassene machtpolitische Lücke tatsächlich nicht wird füllen können. Das hat mit der Wesensart des Neuen zu tun - aber auch mit den Herkulesaufgaben, die auf Burkhalter im Innendepartement warten und die den seriösen Schaffer vorerst komplett absorbieren werden.

Damit steht in der Schweizer Geschichte ein Novum an: Zum ersten Mal dürfte der Bundesrat faktisch von Frauen dominiert werden. Nummerisch machen die männlichen Mitglieder zwar nach wie vor die Mehrheit aus. Unter ihnen finden sich aber keine Platzhirsche mehr. Im Gegenteil: Die verbliebenen Männer entfallen aus verschiedenen Gründen allesamt als Taktgeber.

• Hans-Rudolf Merz ist politisch angezählt. Von seinem Libyen-Debakel dürfte sich der Bundespräsident nicht mehr erholen.

• Auch Moritz Leuenberger ist das Ablaufdatum aufgestempelt. Spätestens Ende 2011 tritt der Verkehrs- und Umweltminister ab. Dannzumal nämlich fei-ert Leuenbergers Generalsekretär den 65. Geburtstag. Und ohne Hans Werder kann der SP-Magistrat sein Riesendepartement schlicht nicht führen. Die Frage ist nur, ob das Duo nicht bereits vorher abtritt. Dagegen spricht, dass Leuenberger 2011 noch einmal das Amt des Bundespräsidenten erwartet. Allerdings fällt Leuenberger in jüngster Zeit durch rhetorische Sololäufe auf: Lautstark hat er das geplante Sparprogramm des Bundesrates kritisiert. Lautstark hat er sich für den EU-Beitritt ausgesprochen. Mancher Beobachter sieht dies als Signal dafür, dass Leuenbergers Rücktritt unmittelbar bevorsteht.

• Ueli Maurer hat zwar als SVP-Präsident bewiesen, dass er über machttaktisches Geschick verfügt. Die rigiden Positionen seiner Partei kann Maurer als Einzelkämpfer im Bundesrat aber weniger durchsetzen als sein Übervater Christoph Blocher - nicht zuletzt darum, weil ihm Blochers missionarischer Furor abgeht. Der Kampf um mehr Geld für die Armee, den Maurer derzeit wider alle Spartrends führt, dürfte ihn bundesratsintern noch stärker in die Isolation treiben.
• Dagegen verfügen die Bundesrätinnen mit ihrer Popularität beim Volk schon über einen wesentlichen Ausgangsvorteil gegenüber den männlichen Kollegen. In Beliebtheitsumfragen schwingt das Frauentrio regelmässig obenauf. Keine profitiert davon stärker als Doris Leuthard: Ihr Strahlefrau-Image macht die Wirtschaftsministerin als politische Zielscheibe fast unbrauchbar.

• Micheline Calmy-Rey wiederum ist nach Couchepins Rücktritt wohl die dominanteste Natur im Bundesrat. Für das formidable Funktionieren ihrer politischen Instinkte spricht beispielsweise, dass sie die Libyen-Affäre im Unterschied zu Kollege Merz bisher erstaunlich unbeschadet überstanden hat.

• Eveline Widmer-Schlumpf profitiert vom Angela-Merkel-Effekt: Mit ihrem bescheidenen, sachlichen Auftreten punktet sie in der Öffentlichkeit. Zugleich wird ihr Wille zu zackigem Durchgreifen unterschätzt. Als sie noch Bündner Finanzdirektorin war, tanzte die Kantonsregierung nach ihrer Pfeife.

Wie lange der Frauenvorteil anhält, muss sich indes erst noch weisen. Calmy-Rey wird aufgrund ihres Alters nicht mehr lange im Bundesrat verbleiben können. Leuthard droht Gefahr vom Agrardossier, bei dem sie dabei ist, die mächtige Bauernschaft gegen sich aufzubringen. Und bei Widmer-Schlumpf sorgt allein schon die BDP-Zugehörigkeit dafür, dass die Bäume der Bündnerin nicht in den Himmel wachsen werden.