Kontrolle

Im Auto mit Nationalrat Maximilian Reimann: Warum Fahrer erst ab 75 zum Arzt sollen

«Ich fühle mich diskriminiert»: Eine Autofahrt und ein Gespräch mit Maximilian Reimann.

«Ich fühle mich diskriminiert»: Eine Autofahrt und ein Gespräch mit Maximilian Reimann.

(Juni 2016)

Der Aargauer Nationalrat Maximilian Reimann will Autofahrer erst mit 75 zum Check-up schicken. Warum, erklärt er hinter dem Steuer.

Es ist der Inbegriff des privaten Freiheitsstrebens. Es ist ein Statussymbol. Es ist ein emotional angehauchtes Refugium. Es ist: das Auto. Doch all dies ist es nicht für Maximilian Reimann, Aargauer SVP-Nationalrat, ältester Bundesparlamentarier – und leidenschaftsloser Fahrer. Er sagt: «Das Auto ist für mich ein Transportmittel, mehr nicht.»

Alles andere würde auch erstaunen. Auf dem Bahnhofsparkplatz von Frick – Reimann wohnt im Nachbardorf Gipf-Oberfrick – wartet ein Toyota RAV-4 Diesel. Zwar blitzblank gereinigt, aber ein Auto zum Prahlen? Nein. Ausschlaggebend für den Kauf seien der Stauraum (die Golftasche!) und die Wirtschaftlichkeit gewesen, sagt er. Wir steigen ein.

Schön wäre es hier, auf den lieblichen Hügeln des oberen Fricktals. Wenn es denn nicht regnen würde. Zum Takt des Scheibenwischers fahren wir auf den nahen Wolberg, über Landstrassen, vorbei an Weiden und Einfamilienhäusern älteren Baujahrs. Eine Kuh dreht den Kopf, als wir gemächlich an ihr vorbeikommen. Schnell wird klar: Unmittelbare eigene Betroffenheit ist es nicht, die Maximilian Reimann dazu bewegt hat, seine parlamentarische Initiative einzureichen. Er hält die Spur tadellos, bremst für Fussgänger ab, blinkt frühzeitig und kann sich trotz Konzentration auf die Strasse noch gut unterhalten. Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln, wenn er sagt: «Ich musste schon dreimal zur Kontrolluntersuchung. Augen und Ohren testen, Kniebeugen, Liegestützen – das ganze Programm. Ich hab es immer problemlos bestanden.»

Nationalrat hat schon Ja gesagt

Und doch genau sie, die vertrauensärztliche Kontrolluntersuchung, ist ihm ein Dorn im Auge. Nicht, dass sie stattfindet. Sondern wann. Gemäss geltendem Recht müssen Senioren ab dem vollendeten 70. Altersjahr alle zwei Jahre zur Kontrolle antraben, auf eigene Rechnung, in der Regel beim Hausarzt. Nur wenn der Mediziner grünes Licht gibt, dürfen sich die Rentner weiterhin hinters Steuer setzen. Reimann will das Kontrollalter mittels Änderung des Strassenverkehrsgesetzes auf 75 Jahre hinaufsetzen. Der Nationalrat hat dem Anliegen im Dezember überraschend zugestimmt, heute ist nun der Ständerat an der Reihe. «Seit das Kontrollalter eingeführt wurde, sind die Schweizer Bürger im Schnitt sechs bis sieben Jahre älter und bedeutend fitter geworden – es ist also höchste Zeit, dass auch das Gesetz angepasst wird», sagt er.

Es sind aber nicht nur die veränderten Lebensverhältnisse, die den 74-Jährigen dazu veranlasst haben, aktiv zu werden. Er sei persönlich benachteiligt gegenüber den Autofahrern ennet des Rheins, keine zehn Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Denn sie, die deutschen Rentner, sie müssen gar nie zur Kontrolluntersuchung antreten. Wie auch die Österreicher und die Franzosen nicht. «Ich fühle mich diskriminiert», sagt Reimann. Ausgerechnet er, der Aussenpolitiker der SVP, nimmt sich also die EU als Vorbild? «Eine EU-weite Regelung gibt es in dieser Frage nicht. Die EU ist aber auch sonst für mich kein Feindbild. Es gibt durchaus Dinge, die dort besser gelöst sind.»

Nur noch per Zug nach Bern

Vor der Windschutzscheibe taucht plötzlich das Ortsschild der Gemeinde Oberhof auf. «Mein Heimatort», ruft Reimann erregt. Hier, auf dem Bauernbetrieb seines Grossvaters, habe er als Kind unzählige Stunden verbracht. Jetzt ist nur noch ein unscheinbares Wohnhaus zu sehen, eine ältere Dame geht über die Strasse.

Wir kehren um und fahren Richtung Wasserflue. Gerne hätten wir ihn dazu überredet, zwecks Symbolik gleich nach Bern zu fahren. Doch das war nicht möglich. «Früher kam ich manchmal noch mit dem Auto an die Session, damals konnte man ja noch direkt vor dem Bundeshaus parkieren. Längst lasse ich das Auto aber jeweils am Bahnhof Aarau stehen und reise mit dem Zug», sagt er.

«Tragische Einzelfälle»

Einwände gegen seinen Vorstoss lässt Reimann nicht gelten. Hausärzte, die ihre Patienten so gut kennen, dass sie Gefälligkeitsgutachten erstellen? «Blödsinn. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil er die Personen so gut kennt, kann er gut abschätzen, ob sie noch fahrtauglich sind. Wenn der Arzt Zweifel hat, leitet er den Fall weiter.» Nützt die vorgesehene Alterserhöhung nicht vor allem ihm persönlich? «Ach, wenn man so argumentiert, darf man gar kein Gesetz mehr ändern. Von den meisten ist man irgendwie betroffen. Aber ja, ich bin ein Fürsprecher der Senioren und deren Anliegen.» Und zeigen nicht gerade Fälle wie derjenige von Bad Säckingen vor einem Monat, als ein Rentner in eine Menschenmenge raste und zwei Personen zu Tode fuhr, dass es eher eine Gesetzesverschärfung braucht? «Erstens war der Unfallverursacher 84-jährig. Zweitens dürfen tragische Einzelfälle wie dieser keinen gesetzgeberischen Aktivismus auslösen. So etwas kann immer passieren.»

16 Jahre lang politisierte Reimann im Ständerat. Doch heute, wenn das Stöckli seinen Vorstoss berät, wird er, der Nationalrat, nicht mitreden können. Wenn es die Zeit erlaube, höre er sich die Debatte aber wenigstens von der Sitzbank aus an. Als Beifahrer, sozusagen.

Meistgesehen

Artboard 1