Basel
Im Auge des Betrachters

Ist Turm gleich Turm? Eine Akademikerrunde diskutierte über die Bedeutung solcher Bauwerke. Türme seien Symbole, und als solche vielseitig deutbar. Zum Beispiel Minarette.

Merken
Drucken
Teilen
MInarett

MInarett

Keystone

Toprak Yerguz

Ein Turm, viele Deutungen: Steht das Minarett für Expansion und Machtanspruch? Ist es mit den christlichen Kirchtürmen vergleichbar? Oder ist es vielleicht doch einfach nur eine dekorative Leiter für den Muezzin?

Plakat-Verbot betrifft nur Allmend

Wie die «Basler Zeitung» gestern berichtete, hängen in Basel trotz Verboten diverse Plakate zur Minarett-Initiative. Dies, weil der Aushang auf privatem Grund weiterhin erlaubt bleibt, da das Verbot nur die Allmend betrifft. Ein Spezialfall sind die von von Immobilien Basel verwalteten Liegenschaften: Diese gehören zwar dem Kanton, gelten aber als privater Raum. «Die Allmendverordnung gilt tatsächlich nur für öffentlichen Grund und Boden», bestätigt André Frauchiger, Leiter Kommunikation des Tiefbauamts.
So hängen die Plakate immerhin in verschiedenen Basler Parkhäusern. Das Bau- und Verkehrsdepartement möchte die Angelegenheit nicht weiter kommentieren.
Zu dieser widersprüchlichen Situation ist es durch eine Lücke im Vertrag mit der Firma gekommen, die die Plakatwände in den Liegenschaften bewirtschaftet. Diese gelobt, die umstrittenen Plakate bald wieder zu überdecken.
Der Vertrag soll für ähnlich gelagerte Fälle in der Zukunft nachgebessert werden. Insbesondere eine Regelung für politische Plakate müsse Eingang in das Vertragswerk finden, Immobilien Basel dränge diesbezüglich auf eine baldige Anpassung. Deren Geschäftsleiter Andreas Kressler war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (TY)

Für die vom Büro Toleranzkultur versammelte Runde von Akademikern war klar: Das Minarett dient als Projektionsfläche für die Ängste von Nicht-Muslimen. «Minarette sind vorgeschobener Anlass, um über den Islam an sich zu diskutieren», sagte Farid Hafez von der Universität Wien.

Fehlende Blockade

Hafez vertrat eine pragmatische Meinung: «Mit Minaretten wird im öffentlichen Raum sichtbar, was bisher eher unsichtbar war.» Der Historiker Georg Kreis bemängelte die Ansprüche an Muslime: «Egal, was sie machen, es ist falsch: Bauen die Muslime Minarette, wirft man ihnen Machtanspruch vor. Bleiben sie in Hinterhöfen, wirft man ihnen mangelnde Offenheit vor.» Und Karin Priester von der Universität Münster fügte an: «Muslime werden zum Sündenbock gemacht, und der Sündenbock kann es eh niemandem recht machen.»

Kreis glaubt nicht, dass in der Schweiz ähnliche Attacken gewagt würden, wie sie gegen Muslime gerichtet werden: «Dafür hat Auschwitz gesorgt.» Damit sei der Rassismus nicht gänzlich verschwunden. Er charakterisierte die Mentalität im Land so: «Die Schweizer wollen nicht rassistisch sein, aber ein bisschen rassistisch sein dürfen.»

Schwieriger Umgang mit Auswüchsen

Dass im Widerstand gegen Minarette viel kruder Rassismus vorhanden sei, darüber war sich die Runde einig. Nicht jedoch, wie man die durchaus vorhandenen Schattenseiten übertriebener Religiosität anprangern soll. Zunächst wies Kreis auf die nüchternen Zahlen hin: Von den als «Muslime» eingeordneten Menschen sei, wie bei den Christen, nur ein Bruchteil wirklich praktizierend, und davon weise wiederum nur ein Bruchteil extremistische Tendenzen auf. Die Basler Ständerätin Anita Fetz, die das Gespräch im Publikum verfolgte, forderte ihr Recht ein, Auswüchse anzuprangern, und nannte namentlich Mädchenbeschneidungen und Zwangsehen: «Grundrechte gehen über die Freiheit der Religionen. Sie sind unverhandelbar.» Hafez hingegen kritisierte die Projektion eines Feindbildes auf eine ganze Religionsgruppe: «Wo ist das Verhältnis, einzelne Genitalverstümmelungen in den Medien anzuprangern, wenn jede dritte Frau Opfer von häuslicher Gewalt ist?»