Das Postauto nimmt ein paar steile Kurven vom Bahnhof Lugano, dann öffnet sich der Blick auf den San Salvatore, den Hausberg. Wenige Kurven weiter lässt der Bus Firmengebäude, Kleingewerbe und den letzten grossen Autohändler hinter sich und fährt die Collina d’Oro hinauf, den goldenen Hügel. Es folgen Palmen, Pinien und Palazzi – wobei Bausünden vergangener Jahrzehnte das Ortsbild mindestens genauso stark prägen.

Dort, wo Zypressen den Weg zur Kirche Sant’Abbondio säumen und ein Flair von Toskana versprühen, beginnt der Gemeindeteil Montagnola, der Wohnort von Ignazio Cassis.

Kehrseite der preiswerten Pasta

Vor der Piazza stockt plötzlich der Verkehr. Der Postautofahrer gestikuliert wortreich, will die entgegenkommenden Autos dazu bringen, umzukehren. Der Wirt der Osteria begutachtet das Theater von der Tür aus, seine Gäste auf der Terrasse direkt neben der Kreuzung nippen unbeeindruckt am Weisswein. Bald schlägt es zwölf. Doch die Kirchen stehen eben in den beiden anderen Dorfteilen, in Gentilino und Agra.

Mittagszeit. In der Osteria auf dem Platz kostet der Teller Taglierini 12 Franken, der Kaffee 2. Der Kellner ist Italiener – wie so häufig im Tessin. Der Gastfreundschaft tut dies keinen Abbruch. So mancher Tessiner begegnet den südlichen Nachbarn aber mit Skepsis. Täglich pendeln 65'000 Italiener über die Grenze. Verwundern tue ihn das nicht, sagt Pietro Balerna, Gemeindesekretär von Collina d’Oro: Trotz den langen Wegen lohne sich das Pendeln für die «Frontalieri». Italien stecke in der Krise. Und in der Schweiz zahlen Arbeitgeber nicht nur einen besseren Lohn, viele Italiener finden hier überhaupt Arbeit.

Zwar verspeisen die Tessiner günstigere Mittagsmenüs. Die Kehrseite ist der Druck auf die bereits tiefen Löhne – und viele verstopfte Strassen. So gehören die Frontalieri zu den Themen, die im Tessin regelmässig hochkochen und Politiker zum Handeln antreiben. Auch Cassis hat entsprechende Vorstösse eingereicht. In einem schreibt er, die Grenzgängerproblematik sorge «bei einem grossen Teil der Tessiner Bevölkerung für Unmut».

Abgeschirmtes Ferienidyll

Das Haus des FDP-Nationalrats liegt ein paar enge Strässchen unterhalb des Dorfzentrums, mit Sicht auf den Golfo di Agno, auf die bewaldete Bergkette des Malcantone und auf die frisch verschneiten Walliser Alpengipfel in weiter Ferne. Die Strasse, die von der italienischen Grenze bei Ponte Tresa nach Lugano führt, kann Cassis von seiner Terrasse aus sehen. Doch die üppige Flora, welche die Villen hier umgibt, lenkt nicht nur den Blick von Unschönem ab, sie verschluckt auch jedes störende Geräusch.

Kurz vor Mittag brausen auf den engen Strässchen rund um Cassis’ Haus Limousinen und SUVs vorbei, Menschen trifft man kaum. Und wenn doch sind es Touristen, die von Ignazio Cassis noch nie etwas gehört haben. Sie wandeln auf den Spuren des weitaus bekannteren Bewohners von Montagnola: dem deutschen Schriftsteller Hermann Hesse. Dessen ehemaliges Haus, das Museum und der Touristen-Pfad befinden sich jedoch auf der Westseite des Dorfes, mit Blick auf den Golfo di Lugano. Auf der Ostseite, wo Cassis wohnt, bleibt die Aussicht weitgehend verschlossen. Die Villen werden hier nicht nur mit Tessiner Steinmauern oder Hecken geschützt, die Bewohner riegeln sich mit gelöcherten Metallgittern oder Betonwänden gegen aussen ab. Zur Sicherheit scheint auch ein «attenti ai cani»-Schild beizutragen. Zwischen den Zäunen lässt sich der See nur ab und zu erblicken.

Kein Typ für Beizentouren

Trotzdem: Collina d’Oro will mehr sein als eine Schlafgemeinde. Am vergangenen Wochenende fand die 25. «Camminata» durch die Kastanien-Wälder rund um die Gemeinde statt. Der Spaziergang endete mit einer «Maccheronata» sowie «musica e divertimento». Auch Theater und Konzerte führt die Gemeinde im Programm. Nur den passionierten Gitarristen, Sänger und Trompetenspieler Ignazio Cassis sieht man nicht (mehr) musizieren. Auf seiner Website gibt er an, dass er zwar gerne viel arbeite, dass die Musik deshalb aber zu kurz komme.

Inwiefern Cassis selbst am Dorfleben teilhat, lässt sich schwer eruieren. Die Einheimischen wollen sich nicht über ihn äussern. Sie hoffen bloss, er werde gewählt. Pietro Balerna, der Cassis kennt, sagt, dieser sei im Dorf zwar anzutreffen, aber nicht der Typ, der in Bars verkehre.

Überhaupt sterbe das Gemeindeleben trotz vielfältigen Bestrebungen auch in Collina d’Oro langsam aus, sagt Balerna etwas geknickt. «Früher sass man noch öfters zusammen.» Erst vor Kurzem folgte ein weiterer Tiefpunkt: Anfang September schloss die Poststelle.

Nur massvoll Hände schütteln

Die breite – wenn auch zurückhaltende – Unterstützung für Ignazio Cassis fusst nicht zuletzt auf der Tatsache, dass das Dorf seit Jahren in FDP-Hand ist. Cassis selbst diente zehn Jahre im Municipio. Obwohl er erst 2002 von Paradiso (am Golfo di Lugano) an den goldenen Hügel zog, wurde er 2004 prompt in den Gemeinderat gewählt. Erst kurz vor seiner Wahl ist aus Montagnola, Gentilino und Agra die Gemeinde Collina d’Oro neu entstanden.

Das sagt Ignazio Cassis zu seiner Nomination

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Auf den ersten politischen Erfolg folgten schnell weitere. 2007 konnte Cassis in den Nationalrat nachrücken. 2008 wurde er Vizepräsident der Ärztevereinigung FMH, 2012 übernahm er das Präsidium des Heimverbands Curaviva und ein Jahr später jenes des Krankenkassenverbands Curafutura. Seit 2015 ist er sowohl Chef der FDP-Bundeshausfraktion wie auch Präsident der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit.

Cassis fand immer weniger Zeit, sich die Montage für Gemeindesitzungen freizuschaufeln. 2014 gab er sein Amt ab. «Er hatte in Bern zu viele Verpflichtungen angenommen», sagt Balerna verständnisvoll. Der Rückhalt in der Gemeinde sei ihm gewiss. «Ignazio ist ein umgänglicher Typ.» Dazu müsse er nicht immer jedem auf der Strasse die Hand schütteln. In Montagnola wäre das wohl auch eher unerwünscht.