Alfred Gilgen
«Ich wusste, dass ich der Bewegung helfe»

Alt Regierungsrat Alfred Gilgen blickt auf die 80er-Bewegung zurück, zu deren Buhmann er damals avancierte. Gleich mehrere Filme über die Jugendbewegung von 1980 sorgten für Schlagzeilen. Einer davon, produziert durch Ethnologiestudenten der Uni Zürich, wurde vor allem dafür berühmt, dass seine Aufführung verboten wurde. Und zwar vom damaligen Bildungsdirektor Alfred Gilgen.

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«Ich wusste, dass ich der Bewegung helfe»

«Ich wusste, dass ich der Bewegung helfe»

Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Schon als er die Türe öffnet, wird klar, dass Alfred Gilgen auch im Alter von 80Jahren noch hellwach und schlagfertig ist. «Kommen Sie doch rein. Oder wollen Sie im Garten stehen bleiben», begrüsst er die Besucher und führt sie nach einem festen Händedruck in die gute Stube des Hauses. Eigentlich habe er sich vor vielen Jahren einmal geschworen, zu Hause keine Journalisten mehr zu empfangen, erklärt der ehemalige Zürcher Regierungsrat (1971–1995, LdU/parteilos), ohne zu verraten, weshalb er heute eine Ausnahme macht.
Alfred Gilgen: Was möchten Sie nun von mir?

Erfahren, wie Sie die Ereignisse rund um die «Bewegung» von 1980 sehen und wie sie Ihrer Meinung nach Zürich verändert haben.

Gilgen: Nun, die Exponenten der Bewegung haben bis heute das Gefühl, sie hätten die Welt wahnsinnig verändert. Bei einem Gespräch vor genau zehn Jahren legten sie mir zum Beispiel dar, wie sehr sich Werbung, Grafik oder das Layout der Zeitungen als Folge der 80er-Bewegung gewandelt hätten.

Dieses Argument begegnete uns im Verlauf dieser Serie eigentlich nicht. Eher wurde der geistige und kulturelle Aufbruch in Zürich herausgestrichen. Zuvor sei die Stadt langweilig und verknöchert gewesen.

Gilgen: Dieser Wandel wäre auch ohne Bewegung eingetreten, als Folge der Globalisierung. Die Ereignisse von 1980 haben ihn höchstens beschleunigt. Das belächelte «Zürich des Frauenvereins», das doppelt so gross sei, wie der Wiener Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig, gab es 1980 längst nicht mehr.

Ehemalige «Bewegte» betonen das veränderte Lebensgefühl. Im Sommer 1980 schien plötzlich alles möglich, man konnte alles ausprobieren ...

Gilgen: Auf Kosten der anderen.

... und ein Grund für den Ausbruch der Bewegung sei eben gewesen, dass die Stadt zuvor langweilig war.

Gilgen: Nun, ich war vielleicht etwas früher im Alter der Bewegten und erlebte meine Adoleszenz in der Zeit nach dem Krieg. Als langweilig habe ich Zürich jedoch nie empfunden. Ich glaube gerne, dass der Sommer 1980 für manche wie ein Aufbruch wirkte. Heute darf ja jeder bis morgens um vier durch die Bars ziehen und feiern. Ob das für die Stadt ein riesiger Fortschritt ist, vermag ich aber nicht zu beurteilen.

Welche Motive erkannten Sie also hinter der 80er-Bewegung?

Gilgen: Sie war sicher nie eine politische Bewegung, höchstens ganz am Rande. Erst durch mein Handeln beziehungsweise mein Verbot des Films, hat sie eine stärkere politische Komponente erhalten. Das war mir zwar unangenehm, ich aber hatte erwartet, dass dies geschehen würde. Man muss etwas nur verbieten, und schon erhält das Thema mehr Aufmerksamkeit.

Besagter Film entstand am Ethnologischen Institut der Uni Zürich. Die Studenten sollten Aktionsgruppen ausserhalb der Uni mit dem neuen Medium Video vertraut machen und Filme herstellen, die die öffentliche Diskussion über die Anliegen dieser Gruppen ankurbeln sollten, wie der Sammelband «Wir sind, was wir erinnern. Zur Geschichte der Studierenden der Uni Zürich» rapportiert. Ein Teil der Studenten nahm Kontakt auf zu Jugendlichen in der Bewegung und war am 30.Mai 1980 mit der Kamera vor Ort, als der Opernhauskrawall begann.

Sie filmten die Stein- und Eierwürfe der Demonstranten, den Einsatz der Polizei und schliesslich die Flucht des Videoteams. Der Film wurde im Theater am Neumarkt, in der Roten Fabrik und im Volkshaus gezeigt, bevor Regierungsrat Gilgen am 6. Juni 1980 weitere Aufführungen untersagte.

Der Leiter des Ethnologischen Instituts weigerte sich, den Film herauszugeben und es kam am 9.Juni an der Uni zu einer weiteren Aufführung vor rund 2000Zuschauern. Am 10.Juni zeigte das Schweizer Fernsehen einen Ausschnitt aus dem Streifen, am 17.Juni wurde das Videoband schliesslich im Tresor des Universitätsrektors eingeschlossen. Dort blieb es, bis die Staatsanwaltschaft das Video am 2.Oktober beschlagnahmte und in der Annahme visionierte, er könnte als Beweismittel gegen Demonstranten dienen.

Sie rechneten mit einem Aufruhr rund um den Film?

Gilgen: Natürlich wusste ich, dass ich der Bewegung mit dem Verbot helfe – und ein ehemaliger Bewegter hat mir das später auch bestätigt. Aus Gründen der Opportunität hätte ich den Film also besser nicht verboten. Für mich war und ist es jedoch ein Grundsatzentscheid, dass ein Streifen, der letztlich Propaganda für die Bewegung machte, nicht auf Kosten des Staates hergestellt und vorgeführt werden durfte. Die Universität ist auf öffentliche Gelder sowie das Wohlwollen von Bevölkerung und Kantonsrat angewiesen. Wenn der Eindruck entsteht, mit Staatsgeldern werde der Aufstand geprobt, wird sich das eines Tages negativ auswirken. Das wollte ich nicht.

Haben Sie sich den Film vor dem Verbot angesehen?

Gilgen: Nein. Im Vorfeld hat mich ja niemand gefragt, ob der Streifen gezeigt werden darf. Später konnte ich ihn mir nicht mehr ansehen. Nach dem Verbot wurde er erst weggeschlossen, dann versiegelt.

Haben Sie ihn seither gesehen?

Gilgen: Nein, auch nicht.

Woher wussten Sie denn, dass es sich um Propaganda für die Bewegung handelte?

Gilgen: Das wurde in den Zeitungen beschrieben, von Leuten, die den Film gesehen hatten. Dem Urteil, dass es sich um einen Propagandafilm handelt, hat im Übrigen niemand je widersprochen. Aber ich gebe zu, das ist wohl die kniffligste Frage: War es nun ein wissenschaftlicher oder ein propagandistischer Film?

Wurde nach Ihrem Entscheid innerhalb der Universitätsleitung noch über den Film diskutiert?

Gilgen: Ja, kontrovers. Der Rektor vertrat dabei die Meinung, das Verbot sei ein Fehler gewesen.

Wäre die Uni nicht der richtige Ort für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Geschehnissen gewesen?

Gilgen: Richtig, aber es wusste ja keiner, was die Bewegung eigentlich bewegen wollte. Niemand konnte artikulieren, was hinter dem Protest steckte. Es wurde zwar ständig gesagt, man wolle alles und sofort – aber nicht was.

Was, denken Sie, wurde gewollt?

Gilgen: Das weiss ich nicht. Zu Anfang ging es um ein vernünftiges Anliegen, nämlich ein Jugendhaus. Dafür konnte man Verständnis haben. Später wurde die Bewegung aber von der ausserparlamentarischen linken Opposition instrumentalisiert, und damit hielten auch der Krawall und die Gewalt Einzug. Die Exponenten der Bewegung beteuerten zwar, sie seien von der Gewalt überrascht worden. Aber keiner der Wortführer – die es entgegen allen Beteuerungen doch gab – hat sich damals öffentlich von der Gewalt distanziert. Natürlich ist es schwer, sich gegen die eigene Basis zu stellen. Aber heute verlangt man auch von jedem Fussballklub, dass er sich von Krawallmachern abgrenzt, die letztlich nur ihre eigenen Interessen verfolgen.

Ihr Film-Verbot machte Sie zum Buhmann der Studenten. Wie gingen Sie damit um?

Gilgen: Für mich war das viel weniger belastend als für meine Familie. Es ist halt so, dass man zum Buhmann wird, wenn man unpopuläre Entscheide trifft. Ich konnte mich jedoch wehren, eine Pressekonferenz abhalten oder mich sonst wie äussern. Meine Frau und meine beiden Töchter litten dagegen sehr darunter, dass wir angefeindet und bedroht wurden. Zeitweise erhielten wir in der Nacht anonyme Anrufe und hatten zu unserem Schutz die Polizei im Haus. Das war aber nicht erst 1980 so, sondern schon Mitte der 70er-Jahre.

Hat die Bewegung von 1980 in Zürich auch etwas Positives bewirkt?

Gilgen: Vielleicht, dass die so genante Alternativkultur heute von der öffentlichen Hand nicht mehr so knauserig behandelt wird wie früher.

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