Multimedia-Story

«Ich wollte nur noch sterben»: Genitalverstümmelung bei Frauen – ein illegales Geschäft, mitten in der Schweiz

Obwohl sie hier verboten ist, wird die Genitalverstümmelung bei Frauen auch in der Schweiz durchgeführt. Symbolbild.

Obwohl sie hier verboten ist, wird die Genitalverstümmelung bei Frauen auch in der Schweiz durchgeführt. Symbolbild.

Trotz Verbot und schwerer Strafen werden Frauen auch in der Schweiz beschnitten. Darauf lassen die Indizien schliessen, die wir während der Recherchen gesammelt haben. Und die Zahl der betroffenen Frauen steigt.

Um die 22'000 Betroffene. Das ist die vermutete Zahl der Frauen, die in der Schweiz an ihren Genitalien verstümmelt wurden oder akut davor gefährdet sind. Ein Grossteil dieser Frauen sind Migrantinnen aus afrikanischen Ländern, wo Beschneidungen zur «Tradition» gehören und seit Hunderten von Jahren angewandt werden.

Diese Tradition macht vor der Schweiz keinen Halt. Mit der Immigration aus diesen Ländern wird das Thema Genitalbeschneidung in der Schweiz akut. Es wird seit Jahren vermutet, dass Frauen auch hierzulande beschnitten werden. Es gibt Hinweise, wonach ältere Frauen, welche die Beschneidungen typischerweise durchführen, während der Sommer- und Herbstferien, der traditionellen «Schneide-Saison», nach Europa eingeflogen werden. In der Schweiz angekommen, führen sie Beschneidungen irgendwo in einer Asylunterkunft, einem Hinterhof oder einer Tiefgarage durch. Das ist illegal – aber kaum zu verhindern. Eine betroffene Frau meinte: «Es passiert ja bei den Menschen zu Hause, das erfährt niemand.»

Die Multimedia-Story zum Thema

Zum Jahresgedenktag der Genitalbeschneidung werfen wir den Fokus auf ein Thema, das uns alle etwas angeht: die Verstümmelung der Geschlechtsteile bei Frauen. Klicken Sie auf den Button im untenstehenden Bild, damit sich die Geschichte in einem zusätzlichen Fenster öffnet:

Beweise gibt es kaum, Kontaktpersonen nehmen keine Stellung. Fast alle Personen, mit denen wir im Rahmen unserer Recherche gesprochen haben, bestätigten, dass es unzählige Verdachtsfälle gebe, man diese aber nicht sicher belegen könne. Wer bei Frauen und Männern – etwa der somalischen Gemeinschaft – nachfragt, trifft auf eine Mauer des Schweigens. Doch die Indizien sprechen eine klare Sprache.

Bekannter ist das Phänomen der «Beschneidungsferien». Wenn also die Familie zurück in das Heimatland reist, um die Beschneidung durchzuführen. 

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rechnet in einer neuen, noch nicht publizierten Situationseinschätzung mit mindestens 20'000 betroffenen Frauen in der Schweiz. Ähnliche Zahlen gibt auch die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes Schweiz (TdF) an, die von 22'000 Betroffenen spricht.

«Das sind Schätzungen, harte Fakten gibt es jedoch nicht», sagt Marisa Birri von Terre des Femmes Schweiz. «Es ist jedoch eine Tatsache, dass die Zahl der beschnittenen Frauen in der Schweiz in den letzten Jahren zugenommen hat.»

Und dies, obwohl die weibliche Beschneidung seit 2011 in der Schweiz strafrechtlich verboten ist und seit dann verfolgt wird. Tätern und Mittätern drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Und dabei spielt es keine Rolle, ob die Beschneidung in der Schweiz oder im Ausland durchgeführt worden ist.

Anhand dieses Strafbestandes sprach 2018 ein Gericht im Kanton Neuenburg das erste Urteil zum Verbot der Verstümmelung weiblicher Genitalien, welches 2019 vom Bundesgericht bestätigt wurde. Doch danach wurde es ruhig. Zu ruhig, könnte man anführen. Denn die Beschneidung ist ein barbarischer Akt. Ohne Narkose, mit ungeeigneten Mitteln, wie stumpfen Messern oder Nägeln, werden Schamlippen und mehr abgeschnitten. Eine in der Schweiz lebende betroffene Frau aus Somalia sagt: «In diesem Moment will man einfach nur noch sterben.»

Meistgesehen

Artboard 1