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«Ich will regelmässig Videos posten»: Emil Steinberger über seine Twitter-Premiere, Corona-Skeptiker – und die Angst vor Nadeln

Der 87-jährige Kabarettist der Nation sorgte mit seiner neuen Social-Media-Präsenz für Aufsehen. Im Interview spricht er über seine Pläne auf Twitter und sagt, was er bei der Krisen-Kommunikation des Bundesrates nicht gut findet.

Benjamin Weinmann
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Emil Steinberger, 87, ist seit vergangenem Wochenende auf Twitter präsent: «Es ist wahnsinnig, wie viele Leute sich in dieser kurzen Zeit bei mir gemeldet haben.»

Emil Steinberger, 87, ist seit vergangenem Wochenende auf Twitter präsent: «Es ist wahnsinnig, wie viele Leute sich in dieser kurzen Zeit bei mir gemeldet haben.»

Roland Schmid

Sie sind neu auf Twitter. Ist Ihnen so langweilig im Home Office?

Emil Steinberger: Nein, im Gegenteil. Das ist doch typisch: Je mehr Stress man hat, desto mehr macht man, anstatt dass man alles Unnötige mal zur Seite stellt. Das ist ein Motor in einem drin, den man nicht bremsen kann. Und ich bin glücklich um diesen Motor. Erst kürzlich las ich von einer Frau im Altersheim, die jünger ist als ich und sich fragt: Wieso bin ich noch hier? Ich koste nur noch Geld, am liebsten würde ich noch ein letztes Mal auf die Rigi... das ist doch traurig!

Solche Gefühle überkommen Sie nie?

Nein, wirklich nicht. Ich könnte nicht bloss dasitzen, Däumchen drehen, Fernseh schauen, oder zu Baugruben gehen und stundenlang beobachten, wie die Bagger und Kräne zu Werk gehen.

Was reizt Sie denn an Twitter?

Ich bin auch schon auf Facebook und sehe, wie gerne die Leute mit mir kommunizieren. Es ist wahnsinnig, wie viele Leute sich in dieser kurzen Zeit über Twitter bei mir gemeldet haben. Das zeigt mir, dass «Emil» nicht vergessen geht und viele Leute noch immer an ihm und seinen Nummern hangen. Das hat mich sehr gefreut. Das ist wie Medizin, wenn ich all diese netten Nachrichten lese.

Ihr erster Beitrag, ein Video, wurde bis Dienstagnachmittag bereits über 70'000 Mal gesehen. Und Sie zählen knapp 6000 Follower.

Verrückt. Ich sehe dann andere Berühmte, die haben ja nur 4000, 3700, 3000. Nicht, dass mir das wichtig wäre, aber es hat mich einfach gewaltig überrascht, dass Twitter so stark beachtet wird.

Auf Twitter kommt es zum Teil zu hitzigen Wortgefechten, schlimmstenfalls sogar zu einem Shitstorm. Keine Angst davor?

Daran habe ich noch gar nie gedacht. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass ich mich mit jemandem online zerstreiten könnte. Ich bin nicht aggressiv, weder auf der Bühne noch online. Ich möchte bloss meine lustige Seite auf Twitter zeigen.

Sie haben ja nicht nur gute Erfahrungen mit Social Media gemacht. Dieses Jahr gab es zwei falsche Facebook-Konti von Ihnen, auf denen Betrüger um Geld bettelten.

Ja, das gab es. Aber das hatte ja nichts mit meiner Person zu tun, das waren einfach Gangster mit ihren Versuchsballons.

Werden Sie auf Twitter auch neue Nummern aufführen, als Weihnachtsgeschenk für Ihre Fans?

Natürlich. Ich will regelmässig lustige Videos posten, sonst versandet das wieder.

Und wann starten Sie auf TikTok?

Von TikTok habe ich schon gehört, aber ich kenne es gar nicht. Ich bin doch voll beschäftigt. Twitter passt da gerade noch in den Tagesablauf, aber mehr geht nicht.

Sie arbeiten an einer Autobiographie, wie Sie in Ihrem ersten Twitter-Video sagen. Wie kommt diese voran?

Ich habe immer wieder mal zwei, drei Stunden, in denen ich daran arbeiten und eine Episode schreiben kann. Aber am besten wäre es, man würde mich in ein Gefängnis einsperren, nur mit Papier und Schreibmaschine. Ab und zu ein Teller Gemüsesuppe, den mir der Wärter unter der Türe durchschiebt. An der Türe würde ein «Nicht stören!»-Schild hängen. Denn zu Hause kommt unweigerlich der Alltag immer wieder dazwischen.

Ihre Frau Niccel hatte dieses Jahr einen komplizierten Armbruch...

Ja, darunter leidet sie immer noch. Man schläft auch schlechter mit Schmerzen. Jede Woche kann sie die Finger und den Ellbogen ein paar Millimeter weiterbewegen. Heute konnte Sie den Suppenlöffel allein bis zum Mund führen, das sind schöne Fortschritte, aber es sind kleine Schritte.

Ein Herz und eine Seele: Emil Steinberger und Frau Niccel Steinberger.

Ein Herz und eine Seele: Emil Steinberger und Frau Niccel Steinberger.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Für manche Paare ist diese konsequente Nähe in der Pandemie ein Problem. Gingen Sie und Ihre Frau sich gegenseitig auch manchmal auf den Wecker?

Diese Leute sind selbst schuld, wenn sie nichts Gescheites zu tun haben. Aber das ist leider so. Viele Leute schauen nur noch Fussball, oder eine Netflix-Serie, und noch eine, und noch eine Serie. Aber man spricht nicht mehr miteinander. Man sieht so viele Familien in Restaurants. Und alle starren sie aufs Handy oder aufs Tablet, ohne dass sie ein Wort miteinander wechseln. Das ist doch trostlos! Dabei ist Kommunikation so wichtig. Aber so werden auch die Kleinen später nichts erzählen können.

Sie haben im Sommer in unserer Zeitung gesagt, dass Sie wegen Corona konsequent zu Hause bleiben. Bis heute?

Ja, sehr stark. Wir machen keine unnützen Dinge und sind bisher gesund geblieben. Klar sehnen wir uns manchmal nach Normalität. Kürzlich sagte ich: Komm, jetzt gehen wir einen Kaffee trinken. Wir gingen zum Bistro des Kunstmuseums hier in Basel, aber es war natürlich zu. Wir hatten völlig vergessen, dass die Restaurants geschlossen sind. Aber meine Güte, wir können problemlos auf den Kaffee verzichten, oder ihn zu Hause machen. Es ist alles nach wie vor erträglich.

Das sehen nicht alle so.

Ja, leider. Ich versteh diese Leute nicht, die nach Freiheit rufen.

Mit Komiker Marco Rima hat Emil Steinberger das Heu nicht auf der gleichen Bühne, wenn es um Corona-Fragen geht.

Mit Komiker Marco Rima hat Emil Steinberger das Heu nicht auf der gleichen Bühne, wenn es um Corona-Fragen geht.

Boris Bürgisser

Dazu gehört auch Ihr Berufskollege Marco Rima. Nervt Sie das?

Es nerven mich alle, die das Leiden nicht verstehen. Die Toten, die es gibt. Die Leute, die ins Spital müssen und auch zu Hause noch an den Folgen der Krankheit leiden. Das nervt mich grausam! Da können 500 Leute pro Tag sterben und das ist denen Wurst! Da werde ich ganz nervös. Ist es denn zu viel verlang, einmal Einschränkungen für weniger Leid und die allgemeine Gesundheit zu akzeptieren?

Ihnen fehlt es an Empathie in der Bevölkerung?

Ja. Jene, die nach Freiheit schreien, können derart rigoros auftreten, dass man fast Angst bekommt. Was sind denn das für Leute, wenn sie in diesem Fall kein Mitgefühl aufbringen können, wenn es um andere Themen geht? Da gibt es viele Egoisten und Narzissten, die sich ins Rampenlicht drängen.

Diese Stimmung schlägt auch auf das gesellschaftliche Gemüt. Geht Ihnen da das Lachen manchmal verloren?

Klar. Dieser Druck auf unser Alltagsleben kann zermürbend sein.

Was ist Ihr Rezept für mehr Leichtigkeit und Optimismus?

Ich kann dieses Negative zum Glück immer wieder zur Seite legen und mich meiner Arbeit widmen. Und ich versuche auch, die eigenen Leute aufzumuntern. Das braucht es.

Die Schweiz bekommt die Fallzahlen nicht in den Griff. Was ist aus Ihrer Sicht falsch gelaufen?

Eigentlich hätte die Regierung knallhart sagen müssen: Liebe Schweizer, wir sind nun an diesem Punkt und wir müssen da hin durch. Für eine bestimmte Zeit müssen wir auf alles Unnütze verzichten, lasst uns zusammenhalten, am Montag legen wir los! So eine Stimme hätte es gebraucht, eine Stimme, die uns nicht bloss sachlich informiert, sondern in die Augen schauend und mit Herz.

Vom Bundesrat und Gesundheitsminister Alain Berset wünscht sich Emil Steinberger bei der Kommunikation mehr Emotionen: «Man sieht von Herr Berset leider mehr von seiner Glatze als von seinen Augen».

Vom Bundesrat und Gesundheitsminister Alain Berset wünscht sich Emil Steinberger bei der Kommunikation mehr Emotionen: «Man sieht von Herr Berset leider mehr von seiner Glatze als von seinen Augen».

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Für Sie war die Kommunikation des Bundesrates zu bürokratisch?

Absolut. Der Bundesrat hat sehr bürokratisch informiert, aber das packt die Leute nicht. Man muss ihnen ins Gesicht schauen. Aber von ihrem Podium schauen sie immer auf die Journalisten runter. Man sieht von Herr Berset leider mehr von seiner Glatze als von seinen Augen. Dabei möchten die Leute zu Hause vor dem Fernseher direkt angeschaut werden. Aber ansonsten ist die Leistung von Herr Berset und seinen Leute sehr gut.

Dem gesundheitlichen Leiden steht das finanzielle Leiden gegenüber, gerade auch im Kulturwesen. Sie mussten dieses Jahr 25 ausverkaufte Vorstellungen im Bernhard-Theater absagen. Haben Sie auch Verständnis für den Frust, der sich anstaut?

Natürlich. Aber es geht um die Abwägung. Ich und das Theater wollten kein Risiko eingehen. Auch wenn alle Masken im Saal tragen gibt es Aerosole, und dann wäre ich auf der Bühne ohne Maske der einzige Empfänger. Das geht nicht. Bei mir ist das Risiko eindeutig. Wenn es mich erwischt, packt es mich total. Und ich will selbst ebenfalls niemanden anstecken.

Wissen Sie bereits, wie Sie Weihnachten feiern werden?

Nein. Wir sind zu zweit. Das ist etwas, das ich nie verstanden habe, wenn die Leute sagen: Du kannst Weihnachten auf keinen Fall allein verbringen! Während des Jahres interessiert das Alleinsein niemand. Komisch.

Mit seinen Cabaret-Nummern feierte Emil Steinberger Erfolge im In- und Ausland.

Mit seinen Cabaret-Nummern feierte Emil Steinberger Erfolge im In- und Ausland.

Beat Blättler / Neue Luzerner Zeitung

Mit 87 Jahren gehören Sie zur Risikogruppe. Werden Sie sich impfen lassen, wenn die Impfstoffe zur Verfügung stehen?

Das muss ich mir noch überlegen. Es kommt darauf an, woher der Impfstoff kommt. Wenn man sieht, dass sich nicht mal Putin mit dem russischen Impfstoff impfen lässt, sind das eindeutige Zeichen der möglichen Gefahren. Und wenn ich lese, dass die Impfstoffe nicht den ganzen Testweg durchschreiten mussten, ist das auch etwas beunruhigend. Aber ich habe eine grosse Bitte an die Medien, darf ich die äussern?

Gerne.

Zeigt nicht immer am Bildschirm demonstrativ diese lange Nadel, wie sie in den Arm sticht! Das ist doch furchtbar, immer dieses Bild zu sehen. Dann ist sie noch 5 Zentimeter lang! Es gibt sehr viele Menschen, die auf Nadeln empfindlich sind und beim Stich wegschauen müssen.

Dazu haben Sie auch mal einen Sketch aufgeführt. Spiegelte sich da Ihre eigene Angst wider?

Genau, der Blutspender, der keine Nadel in seinem «Scharnier» wollte. (lacht) Bei mir ist beim Blutspenden vor vielen Jahren sogar schon mal eine Nadel abgebrochen.

Unvergessen: «Emils» Auftritte 1977 im Zirkus Knie.

Unvergessen: «Emils» Auftritte 1977 im Zirkus Knie.

KEY

In der Schweiz gelten überall andere Regeln. Inspiriert Sie dieses Potpourri an Massnahmen zu neuen Cabaret-Nummern?

Wo sollte ich diese Nummern spielen? Jede Bühne ist zu, und das ist auch richtig. Aber ja, inzwischen gibt gewisse Auswüchse wie den Kantönligeist, an welchen ich durchaus Skurriles entdecke. Wenn man merkt, oh, hier ist die Beiz ja zu, bin ich schon im anderen Kanton? Das erinnert mich an die frühere Filmzensur, als manche Filme im Kanton Bern erlaubt, im Kanton Luzern aber verboten waren. Da gingen alle Leute nach Huttwil, weil es gleich an der Kantonsgrenze liegt. Insofern finde ich es gut, dass Herr Berset nun die Kantone härter anpackt.

Dann schreiben Sie also derzeit keine neuen Nummern?

Nein, die Nummer mit meiner Autobiographie ist gross genug! (lacht)

Emil Steinberger: Vom Postbeamten zur Humorlegende

Bevor er das Publikum zum Lachen brachte, versandte er Briefe und Pakete: Emil Steinberger beginnt seine Karriere als Postbeamter am Schalter. Doch die Bühne zieht ihn magisch an.

In den 70er- und 80er-Jahren wird der Luzerner zum erfolgreichsten Kabarettisten der Schweiz. Er feiert Erfolge in allen Landesteilen und sogar in Deutschland. Unvergessen sind seine Nummern als müder Polizist oder Autofahrlehrer.

Ein Höhepunkt sind seine Auftritte 1977 im Zirkus Knie sowie die Filmrolle in «Die Schweizermacher» 1978. Emil wird zur Ikone, seine Popularität ist enorm. Umso grösser ist die Überraschung in der Schweiz, als Steinberger 1987 seine Bühnenkarriere vorläufig beendet und 1993 nach New York auswandert. Viele Fans sind erzürnt und schreiben böse Briefe.

Sechs Jahre lebt Steinberger im «Big Apple» – und lernt dort seine heutige Frau Niccel (54) kennen. Mit der Lachtrainerin, die ursprünglich aus Köln stammt, feiert er dieses Jahr seinen 20. Hochzeitstag. Aus einer ersten Ehe und einer früheren Beziehung hat Steinberger zwei erwachsene Söhne. Zudem ist er Grossvater von zwei Enkelkindern.