Schnell verdrückt sie noch ein Pizza-Stück, bevor es mit dem Interview losgeht. Silvia Schaub ist gerade von einer Vorlesung an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen in ihre Wohnung in Kleinandelfingen ZH zurückgekehrt. Später flanieren wir durch den Andelfinger Schlossgarten, unserem Heimatort, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben.

Silvia, magst du dich noch an unsere erste Begegnung erinnern? Es war an einem Familienfest, du warst gerade mal 3 Jahre alt und völlig irritiert, dass es da noch eine andere Silvia Schaub gab.

Silvia Schaub: Ich mag mich nur noch vage daran erinnern, ich war ja noch sehr klein. Jedenfalls hatte es dort zwei gleiche Namensschilder. Ich verstand überhaupt nicht, wieso ich jetzt zwei Schilder haben sollte.

Du warst dann immer an meiner Seite. Ich hatte damals noch keine Kinder und dachte – so mit dir an meiner Hand – ja, das könnte ich mir auch noch vorstellen. Wie sind wir eigentlich genau miteinander verwandt?

Ich glaube, das ist ziemlich kompliziert, ich habe mal meine Eltern gefragt (holt ein Blatt Papier und beginnt zu schreiben).

Ah, du bist auch Linkshänderin? Ich auch.


Megalustig, noch was Gemeinsames ausser unserem Namen. Also, mein Urgrossvater, der Handörgeli-Schaub, muss ein Bruder von deinem Grossvater gewesen sein. Das heisst, dass du eine Tante 3. Grades von mir bist.

Interessant, dann sind wir der Sache doch etwas auf die Spur gekommen. Du hast aber auch noch Aargauer Wurzeln.

Ja, meine Mutter ist aus Oberentfelden. Ich war als Kind viel im Aargau und habe zu meiner Grossmutter immer noch eine enge Beziehung. Das hat übrigens auch ein bisschen auf meinen Dialekt abgefärbt.

Du bist in Marthalen aufgewachsen und wohnst jetzt in Kleinandelfingen. Keine Lust, in die weite Welt hinauszugehen?

Reisen schon. Ich war erst diesen Sommer 10 Wochen in Irland. Aber sonst? Nein, ich finde das Weinland sehr schön. Ich bin überhaupt kein Stadtmensch.

Du hast zuerst die Matura gemacht und anschliessend eine Gärtnerlehre. Ein eher ungewöhnlicher Schritt?

Ehrlich gesagt habe ich das Gymnasium gemacht, weil ich nicht wusste, in welche Richtung mein Beruf gehen soll. Ich hatte dann aber schon bald genug von der Schule und begann in diversen Gartenbaubetrieben zu schnuppern, weil ich gerne in der Natur bin.

Und trotzdem hast du die Schule abgeschlossen?

Ich bin jemand, der gerne eine Sache bis zum Ende durchzieht. Deshalb war für mich klar, dass ich die Matura will.

Aber du arbeitest jetzt nicht auf deinem Beruf, sondern hast noch ein Studium als Primarlehrerin angefangen. Hat es dir im Gartenbau doch nicht gefallen?

An sich schon. Ich wollte anfangs auch in diesem Bereich weiterarbeiten, zum Beispiel als Umweltingenieurin. Aber mein Leben lang nur auf dem Gartenbau zu arbeiten, konnte ich mir nicht vorstellen. Auch weil man sich in diesem Beruf körperlich kaputtmacht. Ich hatte dann prompt auch gesundheitliche Probleme und bekam das Karpaltunnel-Syndrom. Dadurch hatte ich Taubheitsgefühle in den Händen. Also musste ich zwangsläufig einen anderen Weg einschlagen.

Wieso ist die Wahl auf Primarlehrerin gefallen?

Bei der Berufsberatung kristallisierte sich dann aufgrund meiner Bedürfnisse und Neigungen heraus, dass Lehrerin der ideale Beruf wäre. Ich bin gerne kreativ und bringe anderen etwas bei. Das hat auch damit zu tun, dass ich seit vielen Jahren bei der Cevi aktiv bin und immer gerne mit Menschen zusammenarbeitete. Die Cevi ist eine Lebensschule, von der ich enorm profitiert habe. Das wird mir als Primarlehrerin bestimmt sehr helfen, denn gerade in den unteren Stufen unterrichtet man eine breite Palette an Fächern.

Und jetzt hast du deinen Traumberuf gefunden?

Ja. Trotzdem werde ich wohl nicht mein Leben lang unterrichten. Aber das Ziel wäre schon, irgendwie und irgendwann meinen ersten Beruf mit dem jetzigen zu verbinden.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Je nach dem, vielleicht verheiratet und mit Kindern. Das möchte ich auf jeden Fall. Im Moment hat es aber noch Zeit. Ich will aber sicher nicht erst mit 40 Kinder haben. Ich finde diese Tendenz, dass die Frauen immer später Kinder haben, komisch. Ich glaube, dass man in jungen Jahren manches lockerer sieht – und man hat die Kinder dann irgendwann auch wieder einmal draussen.

Wirst du dann weiter arbeiten? Oder bist du eher für die traditionelle Rollenverteilung?

Ich will mich da noch nicht festlegen. Aber wenn schon Kinder, dann muss ich sie nicht fremdbetreuen lassen. Ich will sie aufwachsen sehen. Mein Freund und ich sind diesbezüglich gleicher Meinung, wir wollen möglichst beide Teilzeit arbeiten. Ob das dann machbar ist, ist eine andere Frage.

Das würde dein Freund machen?

Wenn es gehen würde. Aber da müssten die Männer sich halt mehr engagieren. Ich bin überzeugt, dass es nämlich schon möglich wäre, wenn sie auch wirklich wollten. Bei den Frauen geht es ja auch. Oft arbeiten die Männer dann trotzdem nicht Teilzeit, weil die Karriere eben doch wichtiger ist.

Was würdest du gerne von unserer Generation haben, was dir jetzt fehlt?

Im Moment ist es sicher schwieriger, weil die Rollen sehr viel offener sind. Gleichzeitig bin ich froh darum. Ich bin auch froh, lebe ich heute und nicht früher. Klar gibt es viele negative Sachen. Mich stört zum Beispiel das heutige Rollenbild der Eltern. Megaviele geben ihre Kinder in die Krippe, das finde ich nicht gut.

Ich habe meine Kinder von einer Tagesmutter betreuen lassen und ich glaube, das tat ihnen gut. Würdest du dir denn wünschen, dass die Frauen wieder mehr am Herd ständen?

Das muss nicht unbedingt die Frau sein. Heutzutage wird die Erziehungsfrage häufig an die Schule delegiert. Das kann doch einfach nicht unser Job sein. Ich sehe das nun bei meinen Schülern. Es hat sicher einen Grund, weshalb heute viele Kinder unter Aufmerksamkeitsstörungen leiden. Der Druck auf die Kinder ist so enorm gross, sie müssen so viel leisten. Und gleichzeitig bedingt das, dass sie noch mehr im Kopf arbeiten und nicht draussen spielen können. Die Bewegung fehlt in der heutigen Generation bei den Kindern – wie übrigens bei den Erwachsenen auch.

Das merkst du sicher in der Cevi. Habt ihr denn noch genug Kinder?

Nein, eben nicht. Ich hoffe, das ändert sich wieder. Gerade die sozialen Kompetenzen werden ja heute immer wichtiger. Und das steht dort im Vordergrund. Heute sind auch die Freizeitaktivitäten nur darauf ausgerichtet, dass die Kinder irgendwo die Besten sein und gewinnen können. In der Cevi sind alle gleich. Ein Pokal bringt aber nie so viel wie alles, was man dort lernt.

Du müsstest politisch aktiv werden. Wäre das nichts für dich?

Nein, ich stimme zwar immer ab. Aber ich bin auch an den Wurzeln unten gefragt. Ich mache die Arbeit lieber dort, weil ich glaube, dass ich etwas bewirken kann. In der Politik wird viel geredet, aber nicht immer auch gehandelt. Und wenn ich nicht gehört werde, dann ärgert mich das.

Es heisst heute immer, die Jungen seien so passiv und konsumorientiert. Findest du das auch?

Ich weiss nicht, ob meine Generation wirklich so ist. Ich glaube, dass man das einfach schon immer von der jungen Generation gesagt hat. Das war bei dir sicher nicht anders. Ich kann auch verstehen, weshalb man in der Jugend auch mal abhängen will. Die Jugend ist sonst schon eine genügend schwierige Zeit.

Was erwartest du noch vom Leben? Welche Ziele verfolgst du? Welche Träume möchtest du dir erfüllen?

Wenn man in zu grossen Bögen lebt, wird man enttäuscht. Das Leben kann so schnell eine neue Wendung nehmen und man steht an einem anderen Ort. Ich lebe jetzt und möchte so zufrieden sein, wie es geht. Alles andere nehme ich vorzu. Ich bin eher der bodenständige Typ – ohne abgehobene Träume.