Urs Masshardt
«Ich spiele gerne den kleinen Robin Hood»

Während viereinhalb Jahren vertrat Urs Masshardt die SP Langenthal im Stadtrat. Dabei scheute er sich auch nicht, «Ecken und Kanten» zu zeigen. Nun tritt Masshardt aus dem Parlament zurück.

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«Ich spiele gerne den kleinen Robin Hood»

«Ich spiele gerne den kleinen Robin Hood»

az Langenthaler Tagblatt

Oliver Andres

Den Namen Masshardt verbindet man oft eher mit Nadine als mit Urs. Sind Sie manchmal etwas eifersüchtig auf Ihre Tochter, die Sie politisch überflügelt hat und Grossrätin ist?
Urs Masshardt: Im Gegenteil: ich bin sehr stolz auf sie. Die Zukunft gehört den Jungen und ich hoffe, dass Nadine die Nationalrats-Hürde bald schafft. In Langenthal wird sie die politische Arbeit weiterführen und damit indirekt auch meine Anliegen vertreten. Obwohl: Wir haben nicht überall die gleichen Ideen. Nadine ist ökologischer als ich und wohl auch die brillantere Denkerin. Ich bin eher impulsiv, sie dagegen kongruenter und sicher auch konsequenter.

Im Vorfeld der letztjährigen Wahlen prägten Sie den Begriff «WahlSPass». Gehört Politik und Spass zusammen?
Masshardt: Die Politik muss für mich auch immer Spass machen. Das Leben ist zu kurz. Deshalb sollte man nur tun, was Freude bereit. Der Spass fehlt für mich dann, wenn kleinkarierten Anliegen zu viel Gewicht beigemessen wird.

Als Stadtrat sorgten Sie oft mit pointierten Äusserungen und überraschenden Aktionen für Aufmerksamkeit.
Masshardt: Ich war nicht aktiver als andere, hatte aber vielleicht mehr Ecken und Kanten. Ich bin überzeugt, dass es dies braucht.

Wie beurteilen Sie in dieser Hinsicht das hiesige Polit-Klima?
Masshardt: Aus meiner Sicht ist das Klima - zumindest oberflächlich - fast zu harmonisch. Zudem finde ich, dass die vorgefassten Meinungen in den Fraktionen zu stark sind. Liegt eine Fraktionsmeinung vor, wird das eigenständige Denken oft abgeschaltet. Ich selber habe meine Meinung - nach Vorliegen neuer Erkenntnisse - ab und zu noch in der Stadtratssitzung geändert.

Braucht es also mehr Konflikte?
Masshardt: Unsere Demokratie lebt von verschiedenen Meinungen. Es geht dabei immer um einen Wettbewerb der Ideen. Dazu gehört auch eine gesunde Streit- und Konfliktkultur - selbstverständlich mit dem Ziel, das Beste für die Allgemeinheit zu erreichen. Dabei orientiere ich mich am Grundsatz: «Man muss einen Chef nicht lieben, man muss ihn achten.» In diesem Sinne wünschte ich mir für die Langenthaler Politik mehr Achtung als Gegner und weniger eine oberflächlich heuchlerische «Liebe».

Wie sind Sie überhaupt zur Politik gekommen?
Masshardt: Bevor wir nach Langenthal zogen, war ich nicht politisch aktiv. Hier waren es vor allem Vorfälle im Zusammenhang mit der Schule, die mich zu einem Engagement bewogen. Denn ich fand, es nützt nichts, einfach nur untätig zuzuschauen. Daher trat ich der Schulkommission bei und entschied mich 2004, gemeinsam mit Nadine für den Stadtrat zu kandidieren. Dies obwohl meine Frau fand, es sei ein Scheidungsgrund, wenn sie mich auf Wahlplakaten sehe. Glücklicherweise hat sie sich inzwischen daran gewöhnt.

Warum kandidierten Sie ausgerechnet für die SP?
Masshardt: Tatsächlich fühlte ich mich hin und her gerissen, denn von meiner Denkweise her bin ich sozial-liberal eingestellt. Schliesslich lag jedoch die SP aufgrund meiner beruflichen Wurzeln - ich lernte ursprünglich Mechaniker - nahe. Zudem steht für mich der Mensch immer im Mittelpunkt. Ich vertrete die Maxime: «Win-win or no deal» und spiele gerne den kleinen Robin Hood. In diesem Sinne finde ich, dass die «Möchtegern-Platzhirsch-Politik» der SVP die Gesellschaft nicht weiterbringt.

2004 wurden dann sowohl Sie als auch Ihre Tochter in den Stadtrat gewählt.
Masshardt: Ja. Und seither bin ich zur positiven Erkenntnis gelangt, dass man als Politiker viel bewegen kann, wenn der Wille vorhanden ist.

Was zum Beispiel?
Masshardt: Beim Antritt als Stadtrat habe ich etwa mit einem offenen Brief das Tabu der Rechtsextremen gebrochen. Dann half ich mit, dass die Industriellen Betriebe (IBL) keine Aktiengesellschaft wurde. Ich kannte bereits damals das Modell einer öffentlich-rechtlichen Anstalt aus eigener beruflichen Erfahrung. Als Erfolg werte ich auch die Zwischenetappe zur autofreien Marktgasse, jedoch verbunden mit dem Bedauern, dass bisher nichts weiter geschehen ist. Die drei zusätzlichen Ferientage für das städtische Personal sind für mich zudem ein schöner Abschluss. Als langjähriges Mitglied der Schul- und Finanzkommission schätzte ich zudem die meist konstruktive Zusammenarbeit. Ich trug dabei beispielsweise meinen - wenn auch kleinen - Teil zur guten Finanzlage der Stadt bei und hinterfragte gewisse «Selbstverständlichkeiten» der Schulleitungen immer wieder kritisch.

Was hat Sie in Ihrer politischen Arbeit gestört?
Masshardt: Ich staune immer wieder über die herrschende Verhinderungspolitik mit einfachen K.O.-Kriterien einzelner Interessengruppen. Die Chancen und Risiken werden meines Erachtens oftmals falsch gewichtet. Ich finde, man sollte sich nicht darüber beklagen, dass das Glas halbleer ist. Vielmehr sollte man darüber nachdenken, was man mit einem halbvollen Glas alles erreichen kann. Denn: Pessimisten haben immer recht, in der Zwischenzeit machen die Optimisten jedoch die Geschäfte.

Ziehen Sie also etwas frustriert aus Langenthal weg?
Masshardt: Keineswegs. Ich finde aber, dass das Verhindern in Langenthal oftmals zu stark zum Ausdruck kommt. Natürlich werden wir auch nach unserem Wegzug viele gute Kontakte nach Langenthal aufrechterhalten.

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