«Ich sass die ganze Nacht vor dem TV»
«Ich sass die ganze Nacht vor dem TV»

Die pensionierten Diplomaten erinnern sich an die Rolle der Schweiz im Helsinki-Prozess und an Michail Gorbatschows Aufstieg an die Macht.

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Aargauer Zeitung

Christian Nünlist

Montagmorgen, 10 Uhr 30. Hans-Jörg Renk, langjähriger Diplomat im EDA, holt mich am Bahnhof Basel ab. Wir kennen uns von zwei Historiker-Konferenzen in Rüschlikon und Wien über den «Helsinki-Prozess» (1975-1989). Es reicht gerade noch für einen kurzen Espresso. Punkt 11 Uhr klingeln wir an der Haustür von Marianne von Grünigen. 90 Minuten lang diskutieren wir über den Beitrag der Schweiz zum Wendejahr 1989.

Wie erlebten Sie den 9.11.1989?

Marianne von Grünigen: Ich kam am 6. November von Finnland nach Bern zurück, um die neue Politische Abteilung III für Frieden, Sicherheit und Abrüstung aufzubauen. Am 9.November arbeitete ich im Aussenministerium, da ging es wie ein Lauffeuer herum: Es tut sich etwas in Berlin. Ich eilte nach der Arbeit ins Hotelzimmer und sass die ganze Nacht vor dem TV.

Hans-Jörg Renk: Ich war als Efta-Pressechef in Genf, und ich hatte zufällig am 10.November ein Treffen mit einem jungen DDR-Diplomaten. Er war total sprachlos und hatte keine Instruktionen aus Ostberlin. Ein paar Tage später traf ich einen westdeutschen Journalisten, der sofort sagte: Jetzt kommt die Wiedervereinigung. Ich war sehr skeptisch diesbezüglich. Diese beiden gegensätzlichen Begegnungen aus Ost und West waren äusserst interessant.

Wie war die Stimmung im EDA?

von Grünigen: Die Freude überwog. Man dachte: Jetzt ist es passiert. Man hatte die Massenflucht über Prag erlebt. Wir waren aber überrascht, dass es so symbolhaft mit dem Fall der Mauer passierte.

Frau von Grünigen, wie haben Sie von 1982 bis 1986 in Moskau erlebt?

von Grünigen: Es war eine äusserst spannende Zeit. Breschnew starb, drei Wochen nachdem ich auf der Schweizer Botschaft angefangen hatte. Danach gab es unter Andropow bereits erste Anzeichen eines Wandels. Gorbatschow war damals bereits im Gespräch. Im Frühling 1983 besuchte Gorbatschow Kanada, ich war damals Chargé d'Affaires und habe einen Bericht verfasst. Mein Schlusssatz war: «Ein Mann, den man im Auge behalten muss auch für künftige Aufgaben.»

Also haben Sie Gorbatschow entdeckt, nicht Thatcher, die 1984 sagte, mit Gorbatschow könne man Politik machen!

von Grünigen: Es klappte dann 1985. Vorher brauchte es noch Tschernenko als Übergangsfigur. Als Tschernenko starb, hofften viele in der Sowjetunion auf Reformen und Wandel. Als eines Morgens Trauermusik am Radio gespielt wurde, sagte ich zu meiner sowjetischen Angestellten: «Es gab heute wieder Trauermusik.» Und sie flüsterte: «Ja, man sagt, Tschernenko sei gestorben, und jetzt hoffen wir alle, dass es Gorbatschow endlich wird.» Nach all den alten Führern hat das Volk Gorbatschow 1985 mit Beifall und offenen Armen empfangen.

Auch das Politbüro wählte Gorbatschow , weil es hoffte, er würde die UdSSR wieder fit machen.

von Grünigen: Gorbatschow hat dann bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Leningrad gewaltigen Eindruck gemacht. Er hat die vorbereitete Rede beiseitegeschoben und völlig frei gesprochen. Das war eine Sensation. Alle hohen Funktionäre im Publikum suchten hektisch nach Blöcken und Stiften, um sich Notizen zu machen.

Haben Sie Gorbatschow auch persönlich getroffen?

von Grünigen: Ja, vor dem Genfer Gipfel 1985 verabschiedete ich ihn am Flughafen in Moskau. Ich sagte zu ihm: «In Genf ist alles vorbereitet, wir freuen uns, dass Sie kommen, und wünschen Ihnen alles Gute für den Gipfel.» Gorbatschow schaute mich an und sagte: «Dass ihr Schweizer gut vorbereitet seid, das weiss ich. Die Frage ist: Sind auch wir genügend vorbereitet?» Das war ein grosses Wort. Ich hatte zudem auch bei seiner Rückreise aus Genf ein interessantes Erlebnis.

Was passierte da?

von Grünigen: Wir waren wieder am Flughafen. Gorbatschow verschwand sofort mit dem Politbüro in einem Nebenzimmer, und ich kümmerte mich um Raissa Gorbatschow. Sie erzählte mir: «Wissen Sie, es war so faszinierend mit den Schweizer Frauen. Wir kommen doch aus so grundverschiedenen Systemen, aber wir haben eigentlich die gleichen Probleme. Die Doppelbelastung von Karriere und Familie.» Kurz darauf entsandte die Sowjetunion erstmals eine Frau als Botschafterin nach Bern.

Trafen Sie Gorbatschow nochmals?

von Grünigen: Ja, wenig später am Neujahrsempfang. Gorbatschow hatte offenbar ein gutes Personengedächtnis, denn als bei der Begrüssung die Reihe an mir war, lobte er den «Geist von Genf» in den höchsten Tönen. Der Gipfel sei ein grosser Erfolg gewesen. Bundesrat Kurt Furgler habe einen wichtigen Beitrag geleistet.

Herr Renk, Sie haben von 1973 bis 1975 im KSZE-Prozess auch gute Werbung für Genf gemacht. Gibt es eine direkte Verbindung von der KSZE-Schlussakte zu 1989?

Renk: Ja, auch wenn die KSZE nur einer von vielen Faktoren war, die zur Wende von 1989 führten. Mit der KSZE-Schlussakte schufen wir aber eine Grundlage, auf die sich die Bürger von Osteuropa fortan berufen konnten, und die Folgekonferenzen der KSZE zwangen durch ihre «Monitoring»-Funktion die kommunistischen Regime zu mehr Transparenz.

Die Schweiz spielte im KSZE-Prozess eine erstaunlich aktive Rolle ...

Renk: Nicht zuletzt auch dank dem damaligen Delegationschef Rudolf Bindschedler und seinem Stellvertreter Edouard Brunner hatte die Schweiz ein gewisses Prestige im KSZE-Prozess.

Erstmals seit dem Genfer Gipfelvon 1955 konnte die Schweiz einen Beitrag leisten zur Entspannung.

Renk: Das ist zweifelsohne so. Es zeigten sich aber auch die Grenzen der Neutralität. Denn die KSZE-Folgekonferenzen nach 1975 in Belgrad und Madrid zeigten, dass die Neutralen und Blockfreien die Situation auch nicht retten konnten, als die Beziehungen zwischen Ost und West ab 1975 wieder schlechter wurden. Man wahrte aber die Kontinuität und die Neutralen haben grosses Verdienst daran, dass die KSZE bis 1989 weitergeführt wurde.

Was war rückblickend die grösste Leistung der Schweiz in Helsinki?

Renk: Die Schweiz vermittelte aktiv zwischen Ost und West, aber sie konnte auch ihre eigenen Interessen durchsetzen - durchaus auch gegen die Grossmächte.

Einiges wurde erreicht im Bereich der Menschenrechte.

Renk: Ja, hier war die Schweiz für die freiere Verbreitung von Informationen zwischen Ost und West zuständig und hat den Osteuropäern viele praktische Erleichterungen gebracht.

Wurde die Schweiz vom Ostblock als neutral wahrgenommen?

Renk: Ja, das war so, weil es uns gelang, sowohl als westliche Demokratie als auch als Neutraler glaubwürdig zu bleiben, und da bin ich stolz darauf. Unsere Neutralität wurde vom Osten akzeptiert. Ich denke, im Westen wurde das manchmal weniger verstanden: Da hörte man bisweilen: Ihr gehört doch eigentlich zu uns, weshalb kritisiert ihr unsere Vorschläge?

Wie haben Sie die russischen Delegierten in Helsinki erlebt?

Renk: Wir konnten mit den russischen Delegierten durchaus reden, denn unter ihnen gab es hochintelligente Menschen. Die Verhandlungen dauerten ja zweieinhalb Jahre. Man hatte Zeit, sich beim Mittagessen kennen zu lernen, man traf sich an Empfängen. Es entwickelte sich eine gewisse Eigendynamik.

Hätten Sie 1975 gedacht, welche Bedeutung der Helsinki-Prozess später haben könnte?

Renk: Wir haben es gehofft, aber niemand konnte ahnen, dass die Schlussakte von Helsinki 15 Jahre später einen wichtigen Beitrag zum Ende des Kalten Krieges in Europa leisten würde. Für mich bleibt die grosse, heute noch unbeantwortete Frage, warum die osteuropäischen Regierungen dieses Dokument im vollen Wortlaut und in Massenauflage in ihren Zeitungen abgedruckt haben, inklusive der Bestimmungen über die Menschenrechte. Das war enorm wichtig, Edouard Brunner hat das einmal treffend als «Wurm in der Frucht» des Kommunismus bezeichnet. Wir wussten damals allerdings nicht, wie faul diese Frucht im Innern bereits war.

Im Kalten Krieg profitierte die Schweiz von der Neutralität. Ist sie heute noch zeitgemäss?

von Grünigen: Am Neutralitätsrecht im Kriegsfall würde ich festhalten, das ist auch in Finnland, Österreich und Schweden unbestritten. Bei Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen soll die Schweiz aber Stellung beziehen.

Renk: Es gibt keinen Grund, die Neutralitätspolitik aufzugeben. Die KSZE war ein wichtiger Lernprozess. Wir merkten, dass wir sehr viel mehr mitgestalten konnten, als wir uns das zugetraut hatten, auch in weltpolitischen Fragen. Wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.

Frau von Grünigen, Sie sagten einmal, dass Sie Diplomatin wurden, weil Sie fanden, die Schweiz werde aussenpolitisch zu wenig wahrgenommen in der Welt. Ist das, auch dank Ihnen, anders geworden?

von Grünigen: Sicher nicht dank mir (lacht). Aber es hat sich stark verändert. Damals war Schweizer Aussenpolitik praktisch Aussenwirtschaftspolitik. Bei politischen Fragen in internationalen Gremien galt als Regel für die Diplomaten Stimmenthaltung. Das verstand ich nicht und habe bereits an meiner ersten internationalen Konferenz um Instruktionen gebeten, in einem konkreten Fall Stellung beziehen zu können. Aussenminister Pierre Graber gab mir nach internen Diskussionen grünes Licht. In diesem Sinne finde ich Micheline Calmy-Reys aktive Aussen- und Neutralitätspolitik gut.

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