Familien-Interviews
«Ich musste alles verlassen, was ich kannte»

In Dietikon ist es 19 Uhr, in San Francisco 10 Uhr. Ich muss das Telefon lange klingeln lassen, bis sich mein Cousin meldet, der seit bald 30 Jahren als Kunstfotograf in den USA lebt. Er hat soeben seinen 4-jährigen Sohn in den Kindergarten gebracht.

Bettina Hamilton-Irvine
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Lukas, kannst du überhaupt noch Deutsch?Lukas Felzmann: Ja, wobei ich mich im Schweizerdeutschen mehr zuhause fühle als im Hochdeutschen.

Ist Englisch heute die Sprache, die dir am nahesten ist?
Englisch ist die Sprache, in der ich mich jetzt am besten herummanövriere. Wenn ich schreibe, schreibe ich auf Englisch. Wenn ich träume, träume ich auf Englisch.
Ich habe selber sieben Jahre lang in Australien gelebt und wurde oft gefragt, in welcher Sprache ich träume. Ich war mir aber lange Zeit gar nicht sicher. War dir das immer klar?
Irgendwann wachte ich auf und fragte mich, was ein Wort aus meinem Traum wohl bedeutete. Es stellte sich heraus, dass es ein englisches Wort war. Da wusste ich, dass die Sprache wirklich im Hirn angekommen war.

Hast du manchmal Heimweh?
Nein, Heimweh habe ich nicht.

Mir hat damals in Australien vor allem die Familie gefehlt. Geht das dir auch so?Die Familie fehlt mir auf jeden Fall. Die Schweiz als solches nicht, aber manchmal generell das Europäische. Ich sehe die Schweiz heute mit anderen Augen. Es ist wunderschön, ein Land zu verlassen, um dann gelegentlich zurückzukehren und es neu zu sehen, fast wie ein Aussenstehender.

Wie hat sich denn dein Blick auf die Schweiz verändert?
Was mich an Europa fasziniert und begeistert, ist die Kultur, die so dicht über das ganze Gebiet ausgebreitet ist. Hier in Amerika ist Kultur sehr schwerpunktmässig in den Städten. Sobald man diese verlässt, wird es sehr schnell sehr provinziell. In Europa ist die Architektur abwechslungsreicher und die Kultur in den kleinen Städten reicher.

Hast du dich nie mit dem Gedanken getragen, wieder für längere Zeit in die Schweiz zu kommen?
Doch, diese Idee gibt es. Doch dann schlägt schnell die Realität ein und es stellt sich die Frage nach der Arbeit. Wir haben uns etwas aufgebaut hier und können nun nicht einfach in der Schweiz auftauchen und sagen: Hallo, da sind wir wieder. (lacht)

Als ich vor zweieinhalb Jahren in die Schweiz zurückkam und nach Dietikon zog, war das Ganze erst mal auch nur als Versuch gedacht. Mit einer Familie ist das wohl etwas schwieriger.
Das ist so. Du, aber: Dietikon? (lacht) Warum gerade Dietikon?

Ja, lustig, dass ich jetzt in deiner alten Heimat bin. Dietikon ist mir einfach so zugefallen.
Gefällt es dir?

Ich mag die Limmat, den Wald, unser Haus und die Nähe zu Zürich.
Zu meinen liebsten Kindheitserinnerungen gehören der Egelsee, der Hasenberg und die Wälder. Und weisst du, was ich hier auch vermisse? Dass man in der Schweiz überall spazie-ren kann. In Amerika geht das nicht: Es ist alles privat, mit Schildern «No Trespassing». Zum Spazieren geht man in einen Nationalpark. Dass man in der Schweiz überallhin zu Fuss kann, ist unwahrscheinlich toll. Nur schon deswegen möchte ich zurückkehren, wenn ich älter bin (lacht).

Was sagst du, wenn dich die Leute fragen, wo dein Zuhause ist?
Ich habe mein Zuhause vor langer Zeit nach San Francisco mitgenommen. Es kommt mit mir mit, wohin ich auch gehe.

Wie ist das Leben für dich als Künstler in San Francisco? Ich stelle mir die Stadt sehr kreativ vor.
Das ist sie auch. Sehr, sehr kreativ sogar, und zwar in allen Bereichen der Kunst. In den 1980er-Jahren, als ich ankam, war San Francisco wunderbar. Punkmusik war überall und die Musikszene fantastisch. Das ist sie auch heute noch. Auch die visuelle Kunst ist hochinteressant. Es ist wirklich reich an Kunst hier.

Du warst 22 Jahre alt, als du 1981 nach San Francisco gingst. Glaubst du, du hättest dich als Künstler anders entwickelt, wenn du in der Schweiz geblieben wärst?
Ich denke schon. Der Bruch war wichtig, ich musste aus dem Bekannten heraussteigen. Ich habe mich einem neuen Land, einer neuen Stadt, einer neuen Kultur gestellt, ohne das Gepäck der Vergangenheit mitzunehmen. Das Denken der Schweiz über Gesellschaft, Kunst oder Fotografie habe ich zurückgelassen. Es war wie eine Befreiung. Ich musste alles verlassen, was ich kannte. Ich musste eine neue Sprache lernen und gleichzeitig meine Kunst finden. Dank dem Bruch entstand eine Freiheit.

War nur die Freiheit wichtig oder auch der Schmerz, das Alleinsein?
Ja, das gehörte auch dazu. Wenn man meine Bücher ansieht, begegnet man diesem Alleinsein und dem Schmerz immer wieder. Ich bin in den 1960er-Jahren aufgewachsen, im Kalten Krieg. Diese Bedrücktheit und die Bedrohung der Umwelt zusammen lösten etwas aus.

Ich finde deine Fotografien wunderschön. Sie machen mich aber auch immer ein bisschen wehmütig. Würdest du dich als melancholischen Menschen bezeichnen?
Ja, ich trage sicher eine gewisse Melancholie in mir.

Wieso hat es eigentlich so selten Menschen auf deinen Bildern?
Bei meinen Bildern geht es fast immer um Menschen. Aber was mich interessiert, ist das Verhältnis der Menschen zur Natur und wie sie diese kontrollieren oder verändern. Wenn ich eine Person fotografieren würde, wäre das Bild plötzlich über ein Individuum und dessen Charakter. Ich will aber nicht über einen bestimmten Menschen reden, sondern über die Menschheit. Deshalb sind meistens nur die Spuren der Menschen in den Bildern.

Du unterrichtest auch an der Stanford University. Was willst du, dass deine Schüler von dir mitnehmen?
Sehr viel. (lacht) Sicher eine Offenheit, die Neugier, alles interessant zu finden. Ich habe als Fotograf sozusagen eine demokratische Einstellung zu Platz im Allgemeinen. Jeder Ort
ist für mich interessant. Klar sind die Niagarafälle vielleicht interessanter als ein Parkplatz. Aber es gibt auch dort etwas zu entdecken. Diese Begeisterung sollen sie mitnehmen. Und sie müssen an sich selber glauben, an die Stimmen, die aus dem eigenen Werk kommen. Das sind wichtige Voraussetzungen für einen Künstler.

War es für dich denn immer klar, dass du Fotograf werden wolltest?
Ich war anfangs nicht sicher. Aber während meines ersten Jahres in San Francisco wurde mir plötzlich klar: Das ist es. Ich musste nicht einmal mehr darüber nachdenken. Ich wusste einfach, ich will Kunst machen, für den Rest meines Lebens, und irgendwie wird das auch möglich sein.

Erfüllt dich die Fotografie heute noch immer?
Ja, absolut. Das Schöne daran ist ja, dass man immer wieder aufs Neue anfangen und den ganzen Prozess durchmachen muss. Bei jeder Arbeit muss man sich die wichtigen Fragen wieder stellen: Was drückt es aus? Ist das schön? Was ist Schönheit? Wird es jemanden berühren? Wieso bin ich hier und mache das? (lacht) Dass man diese Fragen immer wieder bewältigen muss, macht Kunst so irrsinnig interessant. Es ist eine ständige Herausforderung an deine Person. Das muss ja für dich auch so sein mit dem Schreiben, oder?

Ja, obwohl ich nicht weiss, ob journalistisches Schreiben als Kunst gilt. Doch wie die Fotografie ist es mir ein Werkzeug, um unterschiedliche Botschaften zu transportieren. Das gefällt mir: Durch das Schreiben kann ich so viel entdecken.
Das ist Kunst. Wieso soll das keine Kunst sein?

Als Zeitungsjournalistin habe ich etwas weniger Freiheit. Aber du hast recht: Es ist ein kreativer Prozess und ich stelle mir auch immer wieder die Fragen, die du dir stellst.
Ja, die Fotografie ist der Sprache verwandt. Obwohl der Prozess anders ist, erforscht man mit beidem etwas.

Wann kommst du eigentlich wieder einmal in die Schweiz?
Bald. Wahrscheinlich im Frühling, um das nächste Buch zu drucken.

Es würde mich freuen, dich wieder einmal in Person zu sehen.
Auf jeden Fall. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben.

Ich weiss es auch nicht. Ich war ja erst 3 Jahre alt, als du nach San Francisco gingst.
Eben, genau. Höchste Zeit, dass du einmal nach San Francisco kommst.

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