Schulsozialarbeit

«Ich hätte mir Schulsozialarbeit gewünscht»

Dani Burg: «Das Team der Schulsozialarbeit in Bremgarten war nach der Einführung vom ersten Tag an gut ausgelastet.» zvg

Dani Burg

Dani Burg: «Das Team der Schulsozialarbeit in Bremgarten war nach der Einführung vom ersten Tag an gut ausgelastet.» zvg

Dani Burg (49) ist seit 2005 Schulleiter in Bremgarten. Dort läuft momentan die zweijährige Testphase mit Schulsozialarbeit. Zuvor leitete Burg während 10 Jahren ein Internat, noch vorher war er 8 Jahre als Sekundarlehrer in Wohlen tätig. Am Sonntag entscheiden die Wohlerinnen und Wohler über die Einführung der Schulsozialarbeit. Burg legt ein Ja in die Urne.

Fabian Hägler

«Für mich ist die Schulsozialarbeit gerade in Wohlen mit seiner schwierigen Bevölkerungsstruktur dringend nötig», sagt Burg. Am kommenden Sonntag, 7. März, entscheiden die Wohlerinnen und Wohler an der Urne über die Einführung.

Herr Burg, Sie waren früher selber als Sekundarlehrer an der Schule Wohlen tätig - hätten Sie sich damals schon Schulsozialarbeit gewünscht?
Dani Burg: Ja, unbedingt. Es gab damals schon zahlreiche Fälle, die uns Lehrpersonen stark beanspruchten. Die Rektoren mussten sich ziemlich oft mit disziplinarischen Themen beschäftigen, was sehr zeitaufwändig ist.

Können Sie einen konkreten Fall nennen, den Sie als Lehrer nicht lösen konnten?
Burg: Ich erinnere mich an eine Klasse, die eigentlich sehr sozial war, aber einen Schüler völlig ausgrenzte. Für diesen Fall habe ich sehr viel Zeit und Energie investiert, bin aber einfach nicht weitergekommen.

Ist das der klassische Fall, in dem die Schulsozialarbeit zum Zug kommt?
Burg: Mobbing, Ausgrenzung und soziale Konflikte zwischen Schülerinnen und Schülern sind die eine Seite, disziplinarische Probleme die andere. Schulsozialarbeit nimmt aber den Lehrpersonen nicht alle Aufgaben ab. Die erste Ansprechperson bei Problemen der Kinder ist immer noch die Lehrerin oder der Lehrer.

Sind die Schüler denn heute so viel schwieriger als früher, dass Schulsozialarbeit nötig wird?
Burg: Viele Jugendliche werden von zu Hause aus kaum geführt, die Eltern setzen ihnen nur selten Grenzen, das führt zu Disziplinproblemen in der Schule. Die heutige Jugend ist nicht «schlechter» als früher, sie ist einfach im privaten Umfeld weniger betreut und hat mehr Freiheiten. Wir stellen immer wieder fest, dass Jugendliche häufig Mühe haben, Autorität zu akzeptieren.

Was heisst das konkret?
Burg: Es gibt heute Jugendliche, die fast denselben Tagesablauf haben wie Erwachsene. Sie sind oft alleine und auf sich gestellt, sind abends lange im Ausgang und erscheinen am Morgen völlig übermüdet in der Schule. Die sozialen Aufgaben der Lehrpersonen haben dermassen zugenommen, dass die Schulsozialarbeit für uns unverzichtbar wird.

Wäre es nicht Aufgabe der Eltern, dies zu ändern? Bei der Diskussion im Einwohnerrat argumentierte die SVP, es sei nicht Sache der Schule, mit Sozialarbeit die Erziehung zu übernehmen.
Burg: Natürlich wäre es wünschenswert, dass die Eltern ihren Erziehungspflichten nachkommen. Aber in vielen Fällen heisst die Alternative bei den Erziehungsaufgaben nicht: Die Eltern oder die Schule macht es. Sondern: die Schule oder niemand. Und «niemand» ist aus meiner Sicht keine Alternative.

Sie sind Schulleiter in Bremgarten, dort wurde die Schulsozialarbeit im August 2009 eingeführt. Wie fällt Ihr Fazit heute aus?
Burg: Sehr positiv, unser beiden Sozialarbeiter waren von der ersten Woche weg voll ausgelastet. Sie geniessen das Vertrauen der Lehrpersonen und werden auch von den Jugendlichen akzeptiert. Unter den Schülerinnen und Schülern hat es sich herumgesprochen, dass man bei Problemen zum Sozialarbeiter-Team gehen kann und dort ein offenes Ohr und Hilfe findet.

Was hat die Schulsozialarbeit in Bremgarten bisher bewirkt? Gab es zum Beispiel weniger Heimeinweisungen von Schülern?
Burg: Der Erfolg von Schulsozialarbeit lässt sich nur schwer messen, besonders auf finanzieller Ebene. Es wäre falsch, zu behaupten, die Schulsozialarbeit habe in einem konkreten Fall eine Heimeinweisung verhindert. Aber wir stellen fest, dass mehrere Klassen stabiler und ruhiger geworden sind. Das wirkt sich sehr positiv auf das Lernklima aus.

Aber wäre es nicht Aufgabe der Lehrpersonen, für ein gesundes Klima in ihrer Klasse zu sorgen?
Burg: Die erste Ansprechperson für die Jugendlichen ist auch in Schulen mit Schulsozialarbeit die Lehrperson. Erst wenn Lehrer oder Lehrerinnen nicht mehr weiterkommen, greift die Schulsozialarbeit ein. Unser Team hat einige Interventionen wegen Mobbing und Ausgrenzungen durchgeführt und konnte diese Fälle teilweise lösen.

Gibt es keine Lehrer in Bremgarten, die sich bevormundet fühlen durch die Schulsozialarbeit?
Burg: Nein, solche Beispiele sind mir nicht bekannt. Es ist nicht so, dass die Sozialarbeiter den Lehrpersonen etwas wegnehmen. Sie bieten vielmehr Unterstützung in einem Bereich, der viele Lehrpersonen überfordert. Für unsere Lehrerinnen und Lehrer bietet die Schulsozialarbeit ausserdem auch ein persönliches Coaching, das sehr geschätzt wird.

Ist die Zahl der «Problemkinder» in Bremgarten wirklich so hoch, dass die Lehrerinnen und Lehrer diese Fälle nicht selber bewältigen könnten?
Burg: Es ist eine häufig gehörte, aber falsche Ansicht, dass Schulsozialarbeit nur für «schwierige» Jugendliche etwas bringe. Schulsozialarbeit unterstützt sämtliche Schulangehörigen. Werden vorhandene Probleme durch die Schulsozialarbeiter bei uns angegangen und gelöst, profitieren davon auch die «problemlosen» Schüler, weil sich das Klima und der Umgang verbessern.

Droht hier nicht ein Kuschelkurs? Sobald ein Schüler Probleme macht, kommt die Sozialarbeit und renkt mit viel Verständnis alles wieder ein - statt den fehlbaren Schüler zu bestrafen?
Burg: Nein, mit Kuschelpädagogik hat Schulsozialarbeit nichts zu tun. Es gibt zwei Schienen in diesem Bereich. Einerseits brauchen Schüler jemanden, der Verständnis hat für sie, ihnen zuhört und hilft. Es ist aber auch wichtig, dass es klare Grenzen gibt, dass ein Rahmen gesetzt wird.

Können Sie das etwas konkreter erklären? Was passiert, wenn ein Schüler zum Schulsozialarbeiter geht und ihm erzählt, er habe die Schulhausfassade versprayt?
Burg: Grundsätzlich untersteht alles, was ein Schüler dem Sozialarbeiter anvertraut, der Schweigepflicht. Sobald ein Vorfall aber strafrechtlich relevant ist, wird dieses Prinzip aufgehoben. Das teilen unsere Schulsozialarbeiter den Jugendlichen auch klar mit.

In Bremgarten läuft derzeit eine Testphase, in Wohlen soll Schulsozialarbeit gleich definitiv eingeführt werden. Wäre ein Probelauf nicht die bessere Variante?
Burg: Wenn das Bedürfnis klar ausgewiesen ist wie in Wohlen mit den Abklärungen durch die Schulpflege und die anderen Schulbehörden, ist eine Probephase nicht unbedingt nötig. Ich kenne übrigens keine Gemeinde im Aargau, die Schulsozialarbeit nach der Einführung wieder infrage stellt. Der Trend geht eher in die andere Richtung, die Pensen werden aufgestockt und die Aufgaben erweitert.

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