Eduard Kornfeld, geboren in Bratislava, war 14 Jahre alt, als er erkannte: «Es kommt nicht gut.» Flüchten wollte er nach Budapest, mit seiner «Kinderliebe», einem zwölfjährigen Mädchen. Eltern hatten beide keine mehr. Doch das Mädchen wollte nicht weg. Und so sind die beiden deportiert worden, zusammen mit Kornfelds Onkel und dessen acht Kinder. 

Sie kamen nach Ausschwitz, der Onkel von Eduard Kornfeld wurde sofort vergast, seine Liebe ebenfalls. Im Video erzählt er, wie er immer wieder nur um ein Haar dem Tod entkommen ist. «Ich habe den SS nie in die Augen geschaut» erzählt er. So habe ihn niemand direkt ansprechen und aus der Menge auswählen können. «Ich habe immer ins Leere geschaut.»

«Man darf kein Mitläufer sein»

Heute frage er sich: «Wie konnte ein kultiviertes Volk wie die Deutschen einem solchen Verrückten einfach folgen?» Die Antwort kennt er: «Sie haben nicht hinterfragt.» Er hinterfrage alles. «Man muss hinterfragen. Und das sage ich auch den Jugendlichen. Man darf kein Mitläufer sein, man muss eine eigene Meinung haben.» 

«Ich habe die Panik gespürt»

«Ich habe die Panik gespürt»

Eva Koralnik-Rottenberg erzählt von der Flucht 

«Sie sind da», sagte der Vater von Eva Koralnik-Rottenberg. «Ich habe verstanden, mit knapp sieben Jahren, dass das etwas ganz Schlimmes ist», sagt sie heute.

Koralnik-Rottenberg ist 1936 in Budapest zur Welt gekommen, als Tochter eines Ungaren und einer Schweizerin. Der Schweizer Diplomat Harald Feller verhalf Mutter und Tochter zur Flucht. In einer «abenteuerlichen» Reise kamen die beiden in die Schweiz.

Von der Gestapo begleitet

In Österreich sind die Flüchtenden, die sich nicht als Juden zu erkennen gaben, gar von der Gestapo begleitet worden. In St.Gallen musste die Schweizer Mutter um die Aufenthaltsbewilligung in ihrer Heimat kämpfen, an die Worte der dortigen Verantwortlichen der Fremdenpolizei erinnert sich Eva Koralnik-Rottenberg noch genau: «Sie hättet halt kein Usländer hürote müese.»

Heute lebt Koralnik-Rottenberg in der Deutschschweiz. Natürlich sei sie in der Schweiz verankert, dankbar dass sie hier Fuss fassen konnte. Aber durch ihre Vergangenheit fühle sich überall zuhause und nirgends. «Ich glaube, man kommt nie wirklich an», sagt sie. Und selbst nach so vielen Jahren: «Ein Stück Unsicherheit und diese Unangepasstheit, das bleibt immer.»

Die letzten Zeitzeugen

Die beiden Videos sind Teil der Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors». Erzählt werden die Geschichten von 14 Holocaust-Überlebenden aus der Schweiz.

Lebende Zeitzeugen, welche die Schrecken des Holocaust vor 70 Jahren selber erfahren haben, gibt es nur noch wenige. Sie sind heute alle hoch betagt. Ein Teil von ihnen konnte sich durch Verstecken oder Flucht retten, einige überlebten Konzentrationslager und kamen nach dem Krieg in die Schweiz. Diese betagten Menschen legten in der Ausstellung noch einmal Zeugnis ab.

Bewusstsein für Geschichte schärfen

Konzipiert wurde die Ausstellung von der Gamaraal Foundation, die sich für bedürftige Holocaust-Überlebende engagiert. Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich hat die Ausstellung wissenschaftlich begleitet.

Die Ausstellung im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich.

Die Ausstellung im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich.

«Es ist einer der letzten Momente, in denen es möglich ist, noch lebende Zeugen zu porträtieren», sagt Anita Winter, Präsidentin der Gamaraal Foundation. «Wir haben realisiert, dass es ein entscheidender Moment ist.» Vor allem die junge Generation ist Zielpublikum der Ausstellung. Sie soll das Wissen um den Holocaust aus erster Hand erfahren und weiter tragen. Winter: «Die Holocaust-Überlebenden waren damals so alt wie die Jungen heute.»

Die Ausstellung wurde von verschiedenen Stiftungen, Kantonen, Bundesämtern und der Stadt Zürich unterstützt. Seit vergangener Woche und noch bis am 3. Juni ist sie im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich zu sehen. Danach tourt sie durch weitere Schweizer Städte. Vom 19. Oktober bis 25. November 2017 gastiert sie etwa im Kornhausforum Bern, vom 4. bis 24. Dezember 2017 an der Universität Basel und vom 17. März bis 27. Mai 2018 im Forum Schlossplatz in Aarau. (sda/nch)