Nuklearforum Schweiz
«Ich bin keine Atom-Lobbyistin»

Nationalrätin Corina Eichenberger heisst die neue Präsidentin des Nuklearforums Schweiz. Anlässlich ihrer Wahl an der Jahresversammlung des Nuklearforums in Böttstein warb die Aargauer FDP-Nationalrätin für eine «Enttabuisierung» des Themas Atomenergie.

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Corina Eichenberger

Corina Eichenberger

Aargauer Zeitung

Hans Fahrländer

Gratulation zu Ihrer Wahl, Frau Nationalrätin. Geben Sie für dieses Amt vor allem Ihren Namen als Politikerin - oder wartet viel Arbeit auf Sie?
Corina Eichenberger: Das Nuklearforum ist eine wissenschaftlich-fachtechnische Organisation. Es dient der Information und Forschung im Bereich der Nuklearenergie. Es gilt Tagungen zu organisieren, Dienstleistungen anzubieten, eine Vereinigung mit vielen Mitgliedern zu führen - da kommt einiges an Arbeit auf mich zu.

Dass Sie Aargauerin sind, ist aber kein Zufall?
Eichenberger: Der Aargau gilt als Energiekanton. Er leistet im Bereich der Stromversorgung sehr viel für das ganze Land, hier stehen drei von fünf Atomkraftwerken. Es ist also sicher nicht falsch, wenn eine Aargauerin an der Spitze des Forums steht. Ich habe mich von jeher für Energiefragen interessiert und engagiert. Ich möchte aber betonen: Ich verstehe mich nicht einfach als Lobbyistin der Atomenergie.»

Sondern?
Eichenberger: Bei der Stromgewinnung geht es darum, einen guten Mix zu finden. Dazu gehören Wasserkraftwerke und alle anderen erneuerbaren Energien, aber auch Sparen und Effizienzsteigerungen. Es geht bei der Schliessung der sich abzeichnenden Stromlücke nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Die gestrige Jahrestagung des Forums stand unter der Affiche «Vom Tabu zum Tischgespräch». Machen Sie da nicht in Zweckoptimismus? Wer die aktuellen Debatten um ein Tiefenlager oder um Kraftwerkerneuerungen verfolgt, erinnert sich an alte Schützengraben-Kämpfe.
Eichenberger: Nach meiner Beobachtung existieren die Schützengräben zwar noch, aber sie sind nicht mehr so tief. Ich erlebe sachliche Gespräche, auch zunehmenden Pragmatismus. Es ist Aufgabe des Forums, den Dialog zwischen den «Lagern» zu organisieren. Mehr Leute als früher sehen ein: Unser Wohlstand ist von einer stabilen Energieversorgung abhängig, Versorgungssicherheit muss oberstes Ziel sein. Ältere Atomkraftwerke gelangen ans Ende ihrer Lebensdauer, Lieferverträge mit anderen Ländern laufen aus.

Transparenz gibt Akzeptanz

Das Nuklearforum Schweiz ist eine Vereinigung von rund 100 Unternehmen und Organisationen sowie mehreren hundert Einzelmitgliedern. Das Forum hat sich der Forschung sowie der Information und Aufklärung im Bereich der friedlichen Nutzung der Nuklearenergie verschrieben. An der Jahresversammlung des Forums in Böttstein referierte Manfred Thumann, CEO der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK), zum Thema «Nachhaltige Stromproduktion aus Kernenergie». Der abtretende Präsident, der ETH-Physiker und Volkswirtschafter Bruno Pellaud, und die neu gewählte Präsidentin, die Aargauer Nationalrätin Corina Eichenberger, widmeten sich in ihren Referaten den Themen «Akzeptanz», «Transparenz» und «Diskussionskultur». Sie warben für eine offene, sachliche Energie-Debatte und für einen Verzicht auf Grabenkämpfe. Corina Eichenberger wurde 2007 für die FDP in den Nationalrat gewählt. Zuvor war sie Grossrätin und Grossratspräsidentin. Sie ist Rechtsanwältin in einer Basler Kanzlei und wohnt in Kölliken. (fa)

Wie nehmen Sie die Diskussionen im Aargau wahr? Hat man hier nicht etwas genug vom Image des Atomkantons?
Eichenberger: Eine Mehrheit ist der Atomenergie freundlich gesinnt. Aber wir vertreten heute selbstbewusster den Standpunkt, dass wir dem ganzen Land einen Service bieten, dass nicht alle Infrastruktur- und Produktionsanlagen bei uns stehen müssen. Von dieser Haltung war zum Beispiel auch die Stellungnahme der Regierung zum Tiefenlager geprägt.

Aber können Sie die dumpfe Angst der Menschen vor dieser Technologie nachvollziehen? Ein Unfall ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber wenn er eintritt, hat er verheerende, kaum mehr reparierbare Folgen.
Eichenberger: Diese Angst kann ich gut nachvollziehen. Ich bin ja auch Mutter und denke an die Welt von morgen. Aber ich bin mir bewusst: Absolute Sicherheit gibt es in keinem Lebensbereich. Und ich bin mir bewusst: Unsere Grossanlagen - das bestätigen unabhängige Sicherheitsexperten immer wieder - sind in einem ausgezeichneten Zustand. Und in den Werken arbeiten verantwortungsbewusste Menschen, denen ich vertraue. So gesehen, verfügen wir über den grösstmöglichen Sicherheitsstandard. Keine eigenen Atomkraftwerke mehr zu bauen und dafür den Strom aus ausländischen zu beziehen, auf deren Sicherheitsstandard wir keinen Einfluss haben - das ist nicht die bessere Lösung.

Um psychologische Hemmnisse zu überwinden: Könnte man nicht kleinere AKW bauen?
Eichenberger: Die sind kaum sicherer als grosse, wir müssten dann einfach mehr davon haben. Kleinere Werke baut man dort, wo die Netze nicht so viel Strom aufnehmen können. Bei uns ist das nicht so.

Hat die neue AKW-Generation überhaupt noch Kühltürme?
Eichenberger: Sicher keine solchen Riesen mehr. Es gibt Hybridkühltürme, einen Drittel so hoch wie heute und ohne Dampfschwaden. In der Kühlung und auch in der Abwärmenutzung gibt es grosse Fortschritte.

Ist Uran nicht auch ein endlicher Rohstoff?
Eichenberger: Doch. Aber durch die Wiederaufbereitung von Brennstäben kann man das Ende beträchtlich hinauszögern.

Aber sind Sie mit dem Grundsatz einverstanden: «Es braucht noch eine Generation, ein oder zwei AKW, dann ist Schluss mit dieser Technologie»?
Eichenberger: Ich glaube an die technische Innovation, auch in der Energieproduktion. In einigen Jahrzehnten stehen uns ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung.

War es geschickt von der Stromwirtschaft, drei Gesuche für neue AKW einzureichen?
Eichenberger: Gesuche zu stellen, ist Sache der Wirtschaft. Sache der Politik ist jetzt, im Rahmen des Bewilligungsverfahrens die Gesuche zu bewerten. Bedarf besteht für den Ersatz von mindestens einem Werk.

Glauben Sie an einen Erfolg in der Volksabstimmung?
Eichenberger: Wenn wir gut und transparent informieren: ja.

Glauben Sie, dass es rechtzeitig gelingt, die Stromlücke zu schliessen?
Eichenberger: Wenn wir jetzt vorwärtsmachen: ja.

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