Post

«Ich bin gegen Frauenquoten»

Gelb ist nun ihre Farbe: Die neue Post-Chefin Susanne Ruoff am Hauptsitz in Bern.

Gelb ist nun ihre Farbe: Die neue Post-Chefin Susanne Ruoff am Hauptsitz in Bern.

Die Postchefin Susanne Ruoff über Frauenquoten, die Wandlung der Poststellen und eine Schmerzgrenze für A-Post-Briefe.

Frau Ruoff, werden Sie von den Angestellten schon erkannt, wenn Sie eine Poststelle betreten?

Susanne Ruoff: Ja, mittlerweile kennt man mich vielerorts. Ich bin auch immer offen für Gespräche, wenn ich angesprochen werde.

Sie sind im Sommer aus einer ganz anderen Branche zum Konzern gestossen. Ihre Ernennung galt als riskant.

Ich habe in den ersten Monaten eine ausgedehnte «Tour de Poste» durch die ganze Schweiz, durch alle Geschäftsbereiche gemacht, um das Unternehmen mit seinen Marktbereichen Öffentlicher Personentransport, Kommunikation, Logistik und Retailfinanz kennen zu lernen und ein Gefühl für die Grösse und Anliegen der einzelnen Abteilungen zu entwickeln. Ich ging zum Beispiel mit einem Mitarbeitenden auf Hausservice-Tour. Und ich führte mit mehreren Hunderten Angestellten Gespräche.

Jetzt führen Sie 60000 Angestellte, zuvor bei British Telecom waren es 250. Ein grosser Schritt!

Die Führung wird nicht desto anspruchsvoller, je mehr Leute einem unterstellt sind. Vielmehr zählt, wie man seine direkten Mitarbeiter und deren Umfeld führt. Als Konzernchefin kann ich nicht den einzelnen Pöstler betreuen. Zudem hatte ich in einer früheren Position bei IBM auf internationaler Ebene recht grosse Abteilungen unter mir.

Sie sind die erste Frau an der Spitze der Post. Spielt das in Ihrem Arbeitsalltag eine Rolle?

In meiner Arbeit bin ich seit vielen Jahren von Männern umgeben. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich mit Frauen oder Männern zusammenarbeite. Wichtig ist, dass Frauen eine Chance erhalten, wenn sie eine höhere Position anstreben und über die nötigen Qualifikationen verfügen. Bei der Post wollen wir in diesem Bereich sicher noch mehr tun.

Braucht es Frauenquoten?

Ich bin klar gegen Quoten. Wird eine Frau in eine Geschäftsleitung oder in einen Verwaltungsrat berufen, sollten ihre Qualifikationen ausschlaggebend sein, nicht das Geschlecht. Ich würde mich als Quotenfrau fehl am Platz fühlen. Und für die Männer wäre es diskriminierend, wenn sie besser wären, aber eine Frau den Vorzug erhielte.

Was ist die grösste Herausforderung, die die Post in den kommenden Jahren meistern muss?

Die Post ist ein gesunder Konzern, der über Jahre gute Gewinne geschrieben hat. Wir haben eine hohe Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit – die Post hat in den letzten Jahren viel Geld in die Verbesserung der Dienstleistungen und in bessere Angebote für die Kunden investiert. Doch ein Management, das nicht vorwärtsschaut, bringt niemandem etwas.

Wie meinen Sie das?

Das Verhalten unserer Kunden befindet sich weiter in einem starken Wandel, die Entwicklung der Technik geht weiter. Das Volumen der Briefpost geht jedes Jahr um rund zwei Prozent zurück. Im vergangenen Jahrzehnt wurden an den Postschaltern 50 Prozent weniger Briefe, 47 Prozent weniger Pakete aufgegeben und 20 Prozent weniger Einzahlungen getätigt. Die Jungen von heute schreiben nur noch selten Briefe, sie kommunizieren per E-Mail, tauschen sich per Facebook oder Whatsapp aus und bringen Geschenke gleich selber vorbei. Auf diese Entwicklung müssen wir unser Angebot anpassen. Die Konkurrenz der elektronischen Möglichkeiten ist gross und wird noch zunehmen.

Verschwindet die Briefpost eines Tages ganz?

Nein, das glaube ich nicht, physisch greifbare Briefsendungen haben ganz klare Vorteile. Die Frage ist, wo sich das heute grosse Volumen von fast fünf Milliarden Briefsendungen und Zeitungen pro Jahr dereinst einpendelt und wie weit die Gewinne sinken. Davon wiederum hängen die Stückkosten und damit die Preise ab.

Ist die Briefpost heute zu billig?

Ich beginne von vorne: Heute kann man um sechs Uhr abends in Münster per A-Post einen Brief abschicken. Am andern Morgen ist er bereits um 8 Uhr in Genf. Dahinter steckt eine ungeheuer grosse Leistung mit unzähligen Arbeitsschritten, die minutengenau von vielen Mitarbeitenden geleistet werden. Der Preis von einem Franken deckt die Kosten im Privatkundengeschäft heute nicht.

Was kostet ein A-Post-Brief in Zukunft?

Das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Es ist klar: Man muss sich auch in Zukunft auf Preiserhöhungen einstellen. Der Preisüberwacher wird zwar keine Freude haben, aber man muss anerkennen, dass die Post eigenwirtschaftlich arbeitet und vom Bund keine Subventionen erhält, sondern eine Dividende abliefert. Für 2013 sind bei den A- oder B-Briefen keine Preiserhöhungen vorgesehen.

Gibt es eine preisliche Schmerzgrenze?

Unsere hohe Qualität und Zuverlässigkeit muss auch angemessen bezahlt werden. Mehr kann ich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wie viel wären Sie als Privatkunde denn bereit, für einen A-Post-Brief zu zahlen?

Da ich wenig Briefe schreibe, ist für mich der Preis nicht entscheidend.

Eben. Das geht doch heute vielen Menschen so. Bei den Geschäftskunden mit grossen Volumina sieht es natürlich anders aus: Da sind der Preis und die für diese Kunden existierenden Mengenrabattierungen entscheidender dafür, ob grosse Mengen Briefe verschickt werden oder nicht.

Wie wichtig ist für Sie das Monopol für Briefe bis 50 Gramm?

Das Monopol hat immer noch eine grosse Symbolkraft. Wir sind in dieser Frage aber neutral und folgen den Entscheiden der Politik und ihren Vorgaben für den Postmarkt. Ob mit oder ohne: Der eigentliche Druck kommt nicht von der physischen, sondern von der elektronischen Konkurrenz – den elektronischen Kommunikationsmitteln. Die Spielregeln im Wettbewerb sind mit dem Postgesetz und der Postverordnung soeben in Kraft getreten. Der Bundesrat will dem Parlament bis in drei Jahren eine Vorlage zur Frage der Marktöffnung unterbreiten.

Wie geht es mit dem Poststellennetz weiter? Werden unter Ihrer Führung weitere Standorte abgebaut?

Die Wandlung des Poststellennetzes ist eine Daueraufgabe, weil sich auch hier das Kundenverhalten ändert. Wenn die Kundenzahlen und abgegebenen Sendungen abnehmen, müssen wir reagieren. Mit der Postagentur, dem Hausservice und einer ganzen Reihe anderer Lösungen haben wir sehr gute, flexible Alternativen. Es ist selbstverständlich, dass wir bei der Lösungssuche immer das Gespräch in den Gemeinden suchen.

Als der Abbau vor elf Jahren begann, gab es noch Riesenproteste. Heute ist das nicht mehr der Fall. Ein Zeichen, dass die Post in der Gesellschaft an Bedeutung verloren hat?

Nein, die Notwendigkeit des Umbaus bei verändertem Kundenverhalten wird verstanden, und die Akzeptanz für die neuen Modelle hat über die Jahre zugenommen. Wir erhalten viele positive Rückmeldungen von Kunden, die froh sind, dass sie in den Postagenturen von frühmorgens bis spätabends bedient werden. Die Grundversorgung muss ohnehin in jedem Fall gewährleistet sein.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1