Hurra

Hurra, die Deutschen sind da

Deutsche Fussballfans während der Euro 08 auf dem Claraplatz: In der Masse unbeliebt.

Deutsche Fussballfans

Deutsche Fussballfans während der Euro 08 auf dem Claraplatz: In der Masse unbeliebt.

Ist der «deutsche Filz» in der Schweiz ein Einzelfall oder ein System? Mit ihrer Meinung steht die SVP ziemlich alleine da.In Zürich wettert die SVP gegen den «deutschen Filz». Und in Basel? Eine Bestandesaufnahme der Sonntag bz.

Bojan Stula

Der deutsche Chefarzt, der im Operationssaal keine Gespräche auf Schweizerdeutsch duldet. Der deutsche Uni-Professor, der nur Landsleute als Assistenten anstellt und so Einheimischen die Laufbahn verbaut. Der deutsche Student, der selbstverliebt in die eigene Eloquenz alle Schweizer Kommilitonen in Grund und Boden redet. Der deutsche Lehrer, der beim Anstellungsgespräch mit seinen eigenen Qualifikationen schamlos übertreibt und deshalb die Schweizer Mitbewerberin aussticht. Der deutsche Wissenschafter, der sein nationales Forschungsprojektteam aus lauter ehemaligen Kollegen aus Deutschland bildet. Der deutsche CEO, der vor versammelter Runde gegenüber einem Kollegen aus Deutschland lauthals angibt, wie viel besser er doch in der Schweiz verdiene.

Das Bild des hässlichen Deutschen hat in der Schweiz viele Gesichter. Und viele solcher Episoden, wie sie tagtäglich überall kolportiert werden, mögen wahr sein. Manche hat man schon selbst so oder in ähnlicher Form erlebt. Arroganz und Besserwisserei werden den Deutschen landauf, landab am allermeisten nachgesagt und das, was man dafür hält, am allerwenigsten verziehen. Besonders unnachgiebig reagieren die Eidgenossen, wenn sie das Gefühl bekommen, der nördliche Nachbar trete in ihrem Land wie der Kolonialherr in einem rückständigen Untertanengebiet auf.

Genau das ist das hinterhältig Berechnende an der «Deutschen-Filz»-Attacke, die die Zürcher SVP seit Ende 2009 in verschiedenen Zeitungsinseraten reitet. Aus Einzelfällen wird eine Wahlkampf-Kampagne zusammengeschustert, die eine ganze Volksgruppe, diesmal die deutsche Intelligenz, denunziert. Dass dabei gewisse Zahlen von der SVP geschönt oder weggelassen werden müssen, weil sie quer zum eigenen Behauptungskonstrukt liegen, der «deutsche Filz» breite sich in der Schweiz immer weiter aus, stört die Zürcher SVP-Strategen nicht. Ebenso wenig wie der Umstand, dass das Ziel der jüngsten SVP-Attacke nicht nur die wohl problemloseste und am besten integrierte Ausländergruppe in der Schweiz trifft, sondern auch eine der ökonomisch und kulturell unverzichtbaren. Dies geben sogar Parteiexponenten wie der Basler SVP-Präsident Sebastian Frehner zu (siehe Interview unten).
Wer seine Stimme dagegen erhebt, hat irgendwie schon verloren. Denn das bedeutet, sich auf die gleich glitschige Argumentationsebene wie die Zürcher SVP begeben zu müssen. Entweder wischt der Deutsche die Filz-Verdächtigungen energisch beiseite, worauf sich der Schweizer automatisch in seinem Verdacht der Überheblichkeit bestätigt sieht. Oder aber er gesteht eigene Schwächen selbstkritisch ein, was wiederum Wasser auf die Mühlen der Schweizer Verschwörungstheoretiker giesst.

Auf den folgenden vier Seiten dieses Schwerpunkts in der heutigen «Sonntag bz» äussern sich dennoch deutsche Persönlichkeiten aus der Region Basel zum an sie gerichteten Generalvorwurf - ebenso wie Vertreter der hiesigen SVP. Unvermeidlich kommt dabei die Kehrseite der Diskussion ins Spiel: die Verunglimpfung der Deutschen in der Schweiz, die immer wieder an Diskriminierung grenzt. Mehr als nur einmal pro Spiel habe sich Fussballer Frank Wittmann Ausdrücke wie «Huere-Schwob» auf hiesigen Sportplätzen anhören müssen. Ein Bekannter des im Kantonsspital Bruderholz tätigen Radiologen Jürgen Ederer, wurde in Zürich zusammengeschlagen, weil er Deutscher war. Für eine im Baselbiet tätige leitende Kantonsangestellte seien die Angriffe gegen sie sogar derart traumatisierend gewesen, dass sie sich nicht in der «Sonntag bz» zu ihren eigenen Erlebnissen als Deutsche in der Schweiz äussern möchte - aus Angst, sich zu exponieren und alte Feindschaften zu neuem Leben zu erwecken.
Im Grundsatz überwiegt aber die Erfahrung, die etwa Professor Michael Beckmann, Vorsteher der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Basel, in der Schweiz gemacht hat: «Aufgrund meiner Herkunft habe ich hier in der Schweiz noch nie irgendwelche Probleme gehabt.»
Was nicht heisst, dass das gegenseitige Verhältnis frei von Spannungen sei. Noch lange vor der SVP hat der «Blick» das Thema medial ausgeschlachtet. Doch auch die Schweizer Boulevardpresse konnte diesbezüglich keine anderen Schlüsse ziehen als: Was in bestimmten Einzelfällen problematisch sein kann, ist in der Summe kein ernsthaftes Thema. Was aber nicht heissen darf, ein solches Thema zu ignorieren.

Die Kampagne der Zürcher SVP trifft die am besten integrierten Ausländer.

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