Schule

Hürzeler gehts nun mit Hochuli an

Teamwork: Alex Hürzeler und Susanne Hochuli erklären, wie sie Schulen und Familien stärken wollen. Susi Bodmer

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Teamwork: Alex Hürzeler und Susanne Hochuli erklären, wie sie Schulen und Familien stärken wollen. Susi Bodmer

Den Glauben an den grossen Wurf hat die Aargauer Regierung definitiv verloren. Sie will die Volksschule schrittweise und innerhalb der vertrauten Strukturen weiterentwickeln. Nur das schweizweit bald einmalige Modell mit fünf Jahren Primar- und vier Jahren Oberstufe scheint nicht mehr haltbar.

Urs Moser

Gebannt hat man darauf gewartet, wie die Regierung mit dem neuen SVP-Bildungsdirektor Alex Hürzeler nach dem von der SVP gebodigten Bildungskleeblatt den Scherbenhaufen zu kitten gedenkt. Gestern hat Alex Hürzeler die Karten auf den Tisch gelegt.

In diesem Ausmass habe die Ablehnung der Bildungsvorlagen niemand erwartet, das Kleeblatt sei einfach zu viel aufs Mal gewesen, fasste er die Ausgangslage nach der Schicksalsabstimmung im Mai noch einmal zusammen. Daraus haben er und der Gesamtregierungsrat nun folgendes Fazit gezogen: Der Beitritt zum Schulharmonisierungskonkordat Harmos ist für den Aargau auf absehbare Zeit vom Tisch. Damit setzt der Aargau auch national ein Zeichen: Das Quorum von 18 Kantonen, um das Konkordat landesweit verbindlich zu erklären, wird definitiv nicht erreicht.

Der Kindergarten und die Oberstufe mit Real, Sekundar- und Bezirksschule bleiben in ihrer Ausgestaltung erhalten. Angesichts der Verpflichtungen im Bildungs-Rahmenartikel der Bundesverfassung und der Lage in anderen Kantonen nicht zu umgehen ist aber ein Wechsel auf ein System mit sechsjähriger Primar- und dreijähriger Sekundarstufe.

Nachdem Neuenburg und Waadt den Harmos-Beitritt beschlossen haben und die Regierungen beider Basel demnächst Vorlagen für einen Systemwechsel ins Parlament bringen, kennt neben dem Tessin der Aargau bald noch als Einziger das 5/4-Modell. Mit der Verlängerung könnten Primarschulen in kleinen Gemeinden eher erhalten werden, macht Alex Hürzeler den Wechsel schmackhaft.

Entlastung für Lehrer

Die Frage des am vergleichsweise knappsten abgelehnten Bildungskleeblatts Tagesstrukturen geht die Regierung losgelöst von der Schulreform neu an (vgl. Artikel unten). Der Kindergarten soll in der heutigen Form erhalten bleiben, aber gestärkt und ein Teil der Volksschule werden: grundsätzlich zwei Jahre obligatorisch, eine frühere Einschulung lernwilliger Kinder ist möglich. Abgesehen von der Dauer ändert sich an der Primarschule strukturell nichts. Es bleibt den Gemeinden überlassen, ob sie das Modell der integrativen Schulung wählen. «Sozial belastete» Schulen (z. B. sehr hoher Ausländeranteil) erhalten Zusatzlektionen zugesprochen.

Das gilt auch für die Schulen der Oberstufe. An Sekundar- und Realschulen sollen Lehrkräfte mit besonders schwierigen Klassen zusätzlich durch den Beizug temporärer Assistenz-Lehrpersonen entlastet werden. Das soll insbesondere zur Stärkung der Realschule beitragen, die von einer Initiative der SVP gefordert wird. Das Konzept sei nur mit spürbaren Kostenfolgen für Kanton und Gemeinden umzusetzen, erklärt Bildungsdirektor Alex Hürzeler.

Auf einen Kostenrahmen hat sich die Regierung aber noch nicht festgelegt. Die entsprechenden Änderungen des Schulgesetzes will sie im Sommer 2010 in die Vernehmlassung schicken, die Beschlussfassung im Parlament ist für Herbst 2011 vorgesehen, eine Umsetzung ist frühestens auf den Schuljahresbeginn 2013 möglich. Ein Jahr früher soll eine Überprüfung des Berufsauftrags und der Besoldung die Attraktivität des Lehrberufs steigern.

Bedenken bleiben offen

Die ersten Reaktionen auf die skizzierte Strategie fielen gestern verhalten positiv aus. Als «erfolgversprechend und realistisch» bezeichnet die SVP das Vorgehen. Dem Bildungsrahmenartikel kann nach ihrer Auffasung aber auch ohne den Wechsel zur sechsjährigen Primarschule genüge getan werden. Die FDP konstatiert, dass die Vorstellungen des neuen Regierungskollegiums weitgehend ihren Forderungen entsprechen. Unverständlich sei, dass die Kosten der Reform nicht ausgewiesen werden. Vermisst werden zudem Aussagen zu einheitlichen Bildungsstandards.

Die CVP bezweifelt, ob die aufgezeigten Massnahmen in Bezug auf die Realschule ausreichen, um die Probleme dieses Typus zu lösen. Am kritischsten äussert sich die SP. Von einer wirklichen Stärkung der Schule Aargau könne bei so mageren Schritten in die richtige Richtung keine Rede sein. Skeptisch steht man der Auslagerung der Tagesstrukturen ins Sozialhilfe- und Präventionsgesetz gegenüber.

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