Fussball WM
Hooligan-Experten: Schweizer Polizei in Putins Dienst

Die Bundespolizei schickt fünf Hooligan-Experten an die WM. Sie erklären den Russen das Kuhglocken-Phänomen.

Andreas Maurer
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Russische Polizisten vertreiben sich mit ihren Handys die Zeit bei einem Einsatz in St. Petersburg. Nun werden sie von Schweizern unterstützt.REUTERS/Maxim Shemetov

Russische Polizisten vertreiben sich mit ihren Handys die Zeit bei einem Einsatz in St. Petersburg. Nun werden sie von Schweizern unterstützt.REUTERS/Maxim Shemetov

REUTERS

Zwei Schweizer Teams fliegen am Montag nach Russland: die Fussball-Nationalmannschaft und eine fünfköpfige Delegation des Bundesamts für Polizei Fedpol. Zwei Mitarbeiter der Fedpol-Sektion Hooliganismus arbeiten ab Dienstag in einem Koordinationszentrum in der Nähe von Moskau. Sie organisieren den Informationsaustausch mit ausländischen Polizeibehörden. Drei Beamte – eine Russisch-Spezialistin von Fedpol sowie zwei Szenekenner der Zürcher Stadtpolizei und der Waadtländer Kantonspolizei – werden die Fans in Städten und Stadien begleiten. Das Trio wird einem russischen Polizeikommandanten unterstellt sein.

Die Schweizer Polizisten werden in einem heiklen politischen Umfeld tätig sein. Wladimir Putin hat per Präsidialdekret Demonstrationen an den elf Spielorten verboten und mit einem Gesetz von 2013 positive Äusserungen über Homosexualität untersagt.

David Lerch, Leiter der Sektion Hooliganismus von Fedpol, erklärt die Grenzen des Schweizer Einsatzes: «Der lokale Kommandant kann unseren Leuten nicht befehlen, polizeiliche Gewalt auszuüben. Sie sind nur für den Dialog zuständig.» Auch der Informationsaustausch sei eingeschränkt: «Wir gewähren anderen Behörden keine Einsicht in unsere ‹Hoogan›-Datenbank. Nur in speziellen Fällen geben wir einzelne Informationen daraus weiter.»

Kuhglocken statt Pyrofackeln

Fedpol hat 1200 Fussballfans im Informationssystem Hoogan registriert. 800 sind von einer aktiven Massnahme wie einem Stadionverbot betroffen. Von den 10'000 Schweizern, die ein WM-Ticket gekauft haben, dürfen alle den Flug antreten; bis jetzt hat Fedpol keine Ausreisesperre erlassen. Diese kommt für Risikofans infrage, die mit einer aktiven Massnahme in Hoogan registriert sind. Jeder Fall wird einzeln geprüft: «Wer im Klubfussball negativ aufgefallen ist, sich aber an Länderspielen positiv verhalten hat, darf an die WM reisen», sagt Lerch.

Der Hooliganismus-Experte stuft die Schweizer Nati-Fans als «grundsätzlich friedlich» ein. Von den gewalttätigen Ultras, die in Zürich Schlagzeilen machen, sind an der WM keine Ausschreitungen zu erwarten. Lerch: «Jene, die auf Klubebene Probleme machen, sind in der Regel nicht an der Nationalmannschaft interessiert. Und wenn doch: Wir beobachten immer wieder Risikofans, die wir aus dem Klubfussball kennen, wie sie sich an Länderspielen plötzlich tipptopp verhalten.»

Spiele der Nationalmannschaft haben Volksfestcharakter. Es ist ein anderes Publikum als in den Kurven der Klubs. So ist die Mehrheit der in Hoogan registrierten Problemfans jung und männlich. Die Nati-Spiele hingegen ziehen mehr Familien an. Der harte Kern hat andere Accessoires im Gepäck: Kuhglocken statt Pyrofackeln.

Die Schweizer Szenekenner werden der russischen Polizei erklären, was die Schweizer Fans singen und was ihre Aktionen oder Provokationen zu bedeuten haben, wie Lerch sagt. Dazu gehören die Instrumente aus der Viehwirtschaft: «Wir werden den Russen sagen, dass die Kuhglocken ein Schweizer Kulturgut sind und noch nie von Fans missbräuchlich verwendet worden sind.» Trotzdem dürfte es schwierig werden, die Glocken in russische Stadien zu bringen. Denn nach der WM in Südafrika hat die Fifa laute Musikinstrumente verboten; als Ausnahmen sind nur Hörner und Pfeifen vorgesehen. Das Lobbying von Fedpol zeigte allerdings bereits Wirkung. Lerch bestätigt: «Es ist uns schon gelungen, die lokalen Behörden zu überzeugen, dass sie ein Auge zudrücken.» Es sei ein Geben und Nehmen: «Wenn sich die Schweizer Fans wie gute Gäste verhalten, versuchen wir, etwas für sie herauszuholen.» Der Einsatz solle für einen positiven Auftritt der Schweiz im Ausland sorgen.

Das Fedpol-Aufgebot an Welt- und Europameisterschaften hat Tradition. Seit der WM 2006 sind ausländische Polizeidelegationen jeweils im lokalen Sicherheitsdispositiv integriert. Grund dafür waren Ausschreitungen an der EM 2000 in Belgien und Holland. 2016 unterzeichnete die Schweiz ein Übereinkommen des Europarats, das die internationale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden an Sportveranstaltungen regelt. In der Schweiz muss es noch vom Parlament abgesegnet werden. Die SVP hat Widerstand angekündigt, da sie die Eigenständigkeit der Schweiz in Gefahr sieht. Um den aktuellen Fedpol-Einsatz hat der russische Innenminister die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga in einem Amtshilfeersuchen gebeten.

Hooligans und Feierwütige

Die Bundespolizei bereitet sich nicht nur auf fröhliches Kuhglockengebimmel vor. Zwei Risiken stehen im Vordergrund. Da sind zum einen die serbischen Hooligans, die beim zweiten Gruppenspiel am 22. Juni auftauchen könnten. Hooligan-Experte Lerch bestätigt: «Der heikelste Gegner wird Serbien sein.» Als die Young Boys in der Europa League in Bern Partizan Belgrad empfingen, stufte Fedpol vierzig serbische Gästefans als gefährlich ein und verhängte Einreisesperren gegen sie. Zum anderen kann die Fröhlichkeit der Schweizer Fans bei einem gewissen Pegel kippen. Lerch charakterisiert die typischen Nati-Fans: «Sie trinken gerne Alkohol und feiern Partys. Im Übermass kann das heikel werden.» Schweizer Fans seien sich einen lockeren Umgang mit der Polizei gewohnt. Doch an der WM herrschen andere Sitten: Wird ein russischer Polizist angepöbelt, greift er härter durch als ein Schweizer Polizist. Für Probleme könnte insbesondere das Alkoholverbot im Freien sorgen, das in Russland gilt und bei den bierseligen Schweizern auf wenig Verständnis stossen dürfte.

Nach der Einschätzung der Fussball-Spezialisten von Fedpol wird das Schweizer Abenteuer in Russland nach den drei Gruppenspielen vorbei sein. 72 Stunden nach dem Ausscheiden ihrer jeweiligen Mannschaft müssen die Polizisten eines ausländischen Staates ausreisen. Fedpol hat den Rückflug auf den 30. Juni gebucht. Es entstünden aber keine Umbuchungskosten, falls Fedpol den Einsatz verlängern müsste.