Heute läuten die meisten Kirchen zur Viertel-, zur halben und zur ganzen Stunde. Eine ETH-Studie bringt das Kirchengeläut nun aber in Bedrängnis.

PRO von IG-Stiller Vorstandsmitglied Nancy Holten: «Der Zeitschlag ist passé, Ruhe ist Einkehr zu Lebensqualität»

Wer das Geläut aus Nostalgie weiter liebt, der kann sich eine App herunterladen und die Glocken zu Hause geniessen

Viele Zuzüger in Kirchennähe erzählen, dass der Zeitschlag sie anfangs gestört habe: «Man gewöhnt sich daran und hört es (fast) nicht mehr.» Das kann nicht als Argument dafür aufgefasst werden, dass etwas gut ist. Sonst hätte man sich ja nicht erst daran «gewöhnen müssen».

Die Empfehlung, «doch bitte Ohropax zu tragen», kann keine Alternative dafür sein, dass lärmempfindliche Menschen nachts friedlich schlafen können. Wir leben im digitalen Zeitalter der Handys und Uhren und sind nicht mehr auf eine externe Zeitansage angewiesen. Die aktuellen Entscheide in den Gemeinden Worb und Wädenswil, den Viertelstundenschlag ihrer Kirche einzustellen, werden zu weiteren Fällen dieser Art führen.

Unverständnis über den Zeitschlag zeigt sich auch bei ausländischen Gästen. Sie reagieren teilweise mit Kopfschütteln. In den meisten Fällen ist der Zeitschlag bei ihnen bereits passé. Das dies auch unsere Gastwirte in Kirchennähe spüren, zeigt sich durch Reklamationen ausländischer Gäste über gestörte Nachtruhe.

«In der Kirche soll man ruhig sein – dann soll sie das auch gegen aussen präsentieren»

In der Sendung «TalkTäglich» aus Tele Züri diskutierten Nancy Holten, Vorstandsmitglied IG Stiller, und Thomas Stössel, Anwalt der Kirchenpflege Wädenswil ZH, mit Moderator Hugo Bigi über das Dafür und Dawider von Kirchenglockengeläut. (23.8.2016)

Öffentlich bekennen sich die meisten Wirte nicht zur Einstellung des Zeitschlages, aus Angst vor den Reaktionen der Bevölkerung und vor möglichen Einbussen. Nur hinter vorgehaltener Hand wird regelmässig darüber diskutiert. Das Gleiche gilt für einige Pfarrer, die nichts dagegen hätten, würde der Zeitschlag aufhören, vor allem, wenn sie im engen Umkreis der Kirchenglocken wohnen.

Jenen, die die Zeitanschläge nicht als störend empfinden, sollte es auch nicht stören, wenn sie verstummen. Andernfalls, sei es aus nostalgischen oder traditionellen Gründen, könnten sie sich über eine entsprechende App den «Glockensound» herunterladen und ihn in ihren vier Wänden geniessen.

Die Menschen aber, die von der Ruhe des Zeitschlages profitieren würden, wären Lärmempfindliche, überarbeitete, oder kranke Menschen. Einfach jene, die Ruhe schätzen. Dass Einkehr von Ruhe zu mehr Lebensqualität führt, belegt eine ETH-Studie von 2011, welche aufgezeigt hat, dass bereits 40 Dezibel während des Schlafes zu Aufwachreaktionen führen können.

Auch wenn die Kirche diesen (Fort-) Schritt noch zu verhindern versucht, so wird die Stille, welche für unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit so essenziell ist, sich mit der Zeit durchsetzen.

Sehen Sie hier die ganze Sendung «TalkTäglich» mit Nancy Holten zum Fall Wädenswil ZH

KONTRA von Kirchenbunds-Präsident Gottfried Locher: «Das Glockenkind nicht mit dem Lärmbad ausschütten»

Die Glocke ist ein Solidaritätsaufruf und kostbar als Kunsthandwerk. Sie zeigt an, dass Frieden herrscht, im Krieg schweigt sie.

Schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus. Das «Kind», das ist in diesem Fall die Kirchenglocke. Es ist ein kostbares Kind, und es will leben. Erstens als Solidaritätsruf: Wo die Glocke läutet, gibt es nämlich eine politische Gemeinde.

Menschen leben hier miteinander, setzen sich ein für die Allgemeinheit, übernehmen Verantwortung. Alle haben die Glocke bezahlt, und allen läutet sie. Alle ruft sie jetzt auf zum persönlichen Engagement: Es gibt ein Gemeinwesen, das braucht dich. Hilf mit, wo du kannst. Das sagt die Glocke, wenn sie schlägt.

Kostbar ist die Glocke zweitens als Kunsthandwerk. Glockengiesser sind Meister ihres Fachs, und es gibt nur wenige davon. Sie verwandeln Metallkolosse in Klangkörper, und die erzeugen dann einen so mächtigen, vollen, vielfältigen Ton, dass man ihn elektronisch kaum einfangen kann. Glockenklang ist immer echt, unverfälscht, nicht kopierbar, Handarbeit.

So wird der Stundenschlag zu einem lauten Statement gegen die Virtualisierung – das tut gut in all dem billigen Handy-Gepiepse unserer Zeit. Alles wird leicht und flüchtig, nur die Glocke bleibt echt und gross und schwer.

Drittens: Glocken zeigen an, dass Frieden herrscht. Im Krieg schweigen sie, wie jetzt in Syrien. Dort wünscht man sich sehnlich, dass die Glocken wieder geschlagen werden. Stattdessen erschüttert Kriegslärm die Nacht. Wartet man verkrampft vor Angst auf die nächste Explosion? Zuckt man zusammen, wenn Schreie durch die Nacht gellen?

Wer Kirchenglocken hören darf, hat allen Grund zum Danken. Der Stundenschlag ist ein Pulsschlag des Friedens. Jede Nacht, in der wir ihn hören, ist eine friedliche Nacht. Oder in Schillers Worten: «Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.»

Wir sollten das Glockenkind nicht mit dem Lärmbad ausschütten. Sicher, es ist wie mit allem, was guttut: Man muss es mit Mass geniessen. Glockenfans mögen sogar den Viertelstundenschlag, aber nicht alle sind Glockenfans. Vermeiden wir, dass der kostbare Glockenklang zum Lärmproblem wird.

Darum mein Tipp: Freuen wir uns einmal pro Stunde an diesem Solidaritätsruf, Kunsthandwerk und Friedenspuls. Dann werden Kirchenglocken zur Gratis-Klangtherapie.