Corona-Virus

Hohe Lebenserwartung, viele Tote – wie steht es um die Schweiz?

Ärzte kämpfen in einer italienischen Klinik um das Leben eines Corona-Patienten.

Ärzte kämpfen in einer italienischen Klinik um das Leben eines Corona-Patienten.

Dass in Italien das Virus viele Opfer fordert, liegt auch an der grossen Zahl alter Leute.

In Italien sterben mehr Leute am neuartigen Corona-Virus als im vergleichbaren Stadium der Epidemie in China. In beiden Ländern sind hauptsächlich ältere und alte Menschen betroffen. Gemäss aktuellen Untersuchungen sind ungefähr 90 Prozent der verstorbenen Patienten über 70 Jahre alt, 50 Prozent über 80 Jahre. Da braucht man keine Mathematiker zu sein, um festzustellen, dass Länder, in denen mehr alte Menschen leben, wohl auch mehr Corona-­Virus-Tote zu beklagen haben werden. Italien ist das Land mit der fünfthöchsten Lebenserwartung weltweit. China ist in der weltweiten Lebenserwartung-­Rangliste im Mittelfeld, seine Menschen werden im Durchschnitt sieben Jahre weniger alt als die Italiener.

Noch länger als in Italien leben die Schweizerinnen und Schweizer. Eine hohe Lebenserwartung ist zwar sehr positiv für ein Land und seine Menschen, zeigt Wohlstand und ein funktionierendes Gesundheitssystem an. In diesem Fall löst es aber Bedenken aus, weil damit vielleicht mehr Corona-Virus-­Todesfälle einhergehen.

© CH Media

Allerdings müssen die statistischen Zahlen relativiert werden, alt sein allein ist zum Glück kein Corona-Todesurteil. Denn aus den Spitälern und von Infektiologen ist zu hören, dass es in erster Linie Menschen trifft, die ohnehin am Ende ihres Lebens stehen. Also Patienten mit Vorerkrankungen, die innert Kürze auch sonst gestorben wären. In Italien hat man bis heute lediglich drei Todesfälle eruiert, die allein wegen des neuartigen Virus gestorben sind. Jeder Todesfall ist ein tragisches Einzelschicksal, entscheidend ist aber nicht, ob das Corona-Virus oder ein anderer Erreger zwei Wochen später dafür verantwortlich ist. Beeinflusst wird damit nur die Corona-Virus-Sterbestatistik. Zudem ist nicht das Alter allein für das Corona-Risiko entscheidend, sondern Gesundheit und Lebensstil der älteren Menschen. Und da hat die Schweiz wohl gute Karten.

Italien und Schweiz ohne flächendeckende Tests

Trotzdem gibt die hohe Sterberate von acht Prozent Italiens im Vergleich zu drei Prozent in China zu reden. Die Diskrepanz könnte damit zusammenhängen, dass in Italien in erste Linie nur Patienten mit deutlichen Symptomen getestet werden. Wie in der Schweiz gibt es keine flächendeckenden Tests. Da beinahe 90 Prozent der Corona-Infektionen unentdeckt bleiben, wie der Infektiologe Pietro Vernazza sagt, sind auch in Italien viele Menschen Träger des Virus, die in der Statistik nicht auftauchen. Die Zahl der Infizierten ist also um einiges höher, die Sterblichkeitsrate somit eigentlich tiefer.

Letzteres gilt aber auch für China. Dort sind die Infektionszahlen nach einigen Wochen gegen null gesunken. In Wuhan sind von 10 Millionen Einwohnern weniger als 100'000 Personen erkrankt. Das ist nach Vernazza nur möglich, wenn Menschen in der Zwischenzeit durch unbemerkte Ansteckung immun geworden sind. Die Rate stummer Infektionen wird sich vielleicht nach weiteren Untersuchungen als noch höher herausstellen, was den prozentualen Anteil an Corona-Toten ­verkleinern wird, in allen Altersstufen. Wenn in Italien die Zahl der Infizierten fünf Mal höher ist als angenommen, läge die Sterberate nur noch bei 1,7 Prozent. Ein Bild soll man sich gemäss einem Artikel in der NZZ bald dank der Region Veneto machen können. Dort soll die gesamte Bevölkerung flächendeckend getestet werden.

Sollte die Sterberate in Italien aber tatsächlich höher sein als in China, hat das vielleicht auch mit der Lebensart zu tun. Das Dolce Vita der familienorientierten Italiener vereint sich wohl weniger gut mit staatlichen Zwangsmassnahmen als die autoritäre chinesische Lebensart.

Dass in wohlhabenden Staaten mit hoher Lebenserwartung die Erkrankung in den Griff zu bekommen ist, beweisen gemäss der «Financial Times» der Kleinstaat Singapur und die Stadt Hongkong, wo die Fallzahlen dank schneller Massnahmen rasch zurückgegangen sind. Hongkong hat sogar noch die höhere Lebenserwartung als die Schweiz und auch Singapur ist unter den Besten.

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Autor

Bruno Knellwolf

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