Rund 10 000 gehörlos Geborene leben in der Schweiz und gar mehr als 1 Million Menschen leiden an einer Hörbehinderung wie etwa Schwerhörigkeit im Alter. Sie alle sind auf Sendungen mit Untertiteln oder in Gebärdensprache angewiesen. Das heutige Angebot beim Schweizer Fernsehen (SRF) sei nicht ausreichend, ärgern sich Betroffene im Zuge der hitzigen No-Billag-Debatte in Online-Foren.

Auch die gehörlose Corinne Parrat, ehemalige Miss Handicap und Buchautorin, ärgert sich: «Ich bezahle den vollen Billag-Betrag, kann aber weder Radio hören und kaum Sendungen am Fernsehen normal mitverfolgen. Es braucht noch viel mehr Untertitel und Gebärdensprache im Fernsehen, sonst ist die ‹Billag› für mich und meine gehörlosen Freunde eine unfaire Zwangsgebühr.»

Corinne Parrats Anliegen ist auch beim Schweizerischen Gehörlosenbund ein grosses Thema, denn gemäss Sprecherin Martina Raschle ist «das heutige Angebot an gehörlosengerechten Sendungen mit Untertiteln und/oder Gebärdensprache nicht ausreichend – trotzdem warnt Raschle davor Ja zu stimmen: «Sollte ‹No Billag› angenommen werden, so haben die Hörbehinderten gar kein Angebot mehr und alle bisherigen Erfolge wären zunichtegemacht, darum muss man unbedingt Nein stimmen.»

Man habe nun damit begonnen, schweizweit in den Gehörlosenvereinen Diskussionsabende zu organisieren und aufzuklären. Raschle: «Und im Januar starten wir eine grosse öffentliche Kampagne. Wir wollen den Menschen klarmachen, wie wichtig diese Abstimmung für Betroffene ist.»

SRG will 17 Millionen investieren

Bei der SRG nimmt man im Hinblick auf die Abstimmung vom 4. März 2018 die Gehörlosen und Hörbehinderten ernst: «Die SRG unternimmt grosse Anstrengungen, um auch sinnesbehinderten Mitmenschen einen möglichst barrierefreien Zugang zu unseren Programmen zu ermöglichen und so sicherzustellen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft einbezogen werden und vollumfänglich am sozialen Leben teilhaben können», sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. «Konkret untertitelt die SRG heute rund 30 000 Stunden Programm. Das ist die Hälfte der Sendezeit.» Bis 2022 werde dieses Angebot auf 45 000 Stunden beziehungsweise 80 Prozent ausgebaut.

Estermann: «Der finanzielle Aufwand steigt von 9,5 Millionen (2016) auf 17 Millionen Franken im Jahr 2022.» Der Schweizerische Gehörlosenbund fordert von der SRG 100 Prozent Untertitel für gesprochene Inhalte und mindestens 5 Prozent Sendungen in Gebärdensprache – entweder durch Gebärdensprachdolmetscher oder als eigenes Sprachfenster wie für die rätoromanische Sprache.

«Unsere Forderungen werden unter anderem gestützt vom Service-public-Bericht des Bundesrates des Jahres 2016. Darin formuliert der Bundesrat die Erwartung an die SRG, ihre Leistung für sinnesbehinderte Menschen weiter auszubauen, was bereits zu erfolgreichen Verhandlungen mit der SRG geführt hat», so Martina Raschle.

Seit April müssen auch 13 vom Gebührentopf unterstützte Schweizer Regionalsender Untertitel für hörbehinderte Menschen anbieten. So verlangt es das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG). Martina Raschle: «Wir haben das kontrolliert und sind sehr zufrieden mit den Bemühungen der Regionalsender.»