Hans Lüthi

Unberechenbar wie Vulkane sind auch die Hochwasser. Kein Mensch weiss, ob sie kommen, wann sie kommen und wo sie die grössten Verwüstungen anrichten werden. Klar ist so viel: Häufigkeit und Intensität haben in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen. Als Wasserschloss der Schweiz ist der Aargau betroffen wie kein anderer Kanton, schon viermal gingen die Schäden in die Dutzende von Millionen Franken, 1994 und 1999 im Mai, 2005 und 2007 im August. In den kanalisierten Flüssen steigen die Pegel immer höher, die Menschen haben ihre Siedlungen immer näher an die Ufer und in die Überflutungszonen gebaut.

Mit der gefahrenkarte, hier vor einer Woche vorgestellt, wird die Grundlage geschaffen, um solche teuren Fehlentwicklungen künftig zu vermeiden. Im effektiven Hochwasserschutz ist der Aargau längst an allen Flüssen und vielen Bächen tätig. «Der Unterhalt kostet jährlich nur 6 Millionen Franken, Hochwasserschutz und Erneuerung dieses Jahr 23 Millionen», sagt Wasserbau-Leiter Markus Zumsteg von der Abteilung Landschaft und Gewässer.

An den 3000 Kilometer Fliessgewässern im Aargau gibt es schon viele grüne Punkte (Karte), die fertige Anlagen zeigen. Gross gebaut wird dieses Jahr in Hilfikon-Villmergen für das Rückhaltebecken am Erusbach, für die mehrfache Verbreiterung der Wigger bei Brittnau und für höhere Dämme auf beiden Seiten der Aare bei Döttingen.

An der Reuss zeigt sich, wie ungeheuer komplex Entstehung und Auswirkungen eines Hochwassers sind. Für den optimalen Schutz der Unterlieger vor einem 100-jährlichen Ereignis ist eine halbe Milliarde Franken nötig. Rund die Hälfte fällt im Kanton Luzern an. Bereits im Bau steht neben dem historischen Nadelwehr in der Stadt das neue Stauwehr.

Für 150 Millionen Franken wird an der Kleinen Emme gebaut, derzeit ein Rückhaltebecken für Holz in Ettisbühl. Weitere Projekte hat der Kanton für rund 100 Millionen Franken. «In den Kantonen Aargau, Zug und Zürich geht es in den nächsten 20 Jahren um Schutzmassnahmen für 200 Millionen Franken», schildert Zumsteg. Nicht eingerechnet darin ist ein technisch machbarer Entlastungsstollen von Littau ins Horwer Seebecken, der allein 150 Millionen verschlingen würde.

Die gleiche Wirkung liesse sich mit einer vorzeitigen Absenkung des Vierwaldstättersees erreichen, «ein fünf Zentimeter tieferer Abfluss würde schon genügen», versichert Zumsteg. Mit einer Mühlauer Bedingung, ähnlich der Murgenthaler an der Aare, hat sich der Kanton Luzern bereit erklärt, maximal 800 Kubikmeter pro Sekunde via Reuss in den Aargau fliessen zu lassen.

Doch weil das Nadelwehr im Ernstfall nicht mehr regulierbar ist, brauchte es dazu ein - kaum sichtbares - Unterwasserwehr unter der Reussbrücke beim Bahnhof. Bisher zeigen die Luzerner aber dafür wenig Musikgehör. Eine vorsorgliche Absenkung des Sees ist umstritten, niemand weiss, wo sich ein Unwetter genau entlädt: im Entlebuch mit Hochwasser für die Kleine Emme und die Reuss oder im Emmental mit Hochwasser für Emme und Aare.

Klar ist die Philosophie der Gewässerbauer, statt Durchleiten wollen sie die Wassermassen in den Oberläufen der Flüsse und Bäche zurückhalten. In diesen Rückhaltebecken wird das Landwirtschaftsland nur selten überflutet. Das verursacht einen Bruchteil der Kosten, verglichen mit den Schäden, welche die braunen Wassermassen in den Industrie- und Wohngebieten weiter unten anrichten.

Im Reusstal ist der konzeptionelle Entscheid für Rückhalten statt Durchleiten gefallen, die nötigen Flächen sind via Richtplan gesichert. «Wir brauchen Flusspolder oberhalb des Flachsees, im Raum Rottenschwil und Merenschwand», erklärt Zumsteg. Das grösste Becken ist allerdings am Reussport im Kanton Zug vorgesehen.

Weitere Massnahmen sind in Bremgarten und Mellingen notwendig, hier im Städtli entweder eine neue und höhere Reussbrücke oder eine hydraulisch anhebbare. Rückhaltung der Hochwasser heisst das Zauberwort auch im Surbtal und an vielen anderen Gefahrenstellen. Fazit für das Reusstal: Wenn das Vorprojekt auf dem Tisch liegt, wird es zusätzliche Kredite für die Realisierung brauchen. Die Zustimmung hängt davon ab, wie weit das letzte grosse Hochwasser noch in den Köpfen ist. Das gilt für alle teuren Schutzprojekte.