Analyse
Unwetter und Klimawandel: Das Sturmtief Bernd ist kein Beweis – aber ein Zeichen, das wir ernst nehmen müssen

Am Donnerstag drohen weitere Starkregen. Die Situation ist nach den vielen Unwettern mit Hagel und Wasser bereits sehr angespannt, die Schadenskosten gehen in die Millionen, das Schweizer Gemüse wird knapp. Die Verbindung zum Klimawandel ist schnell gemacht – man muss allerdings vorsichtig sein.

Bruno Knellwolf
Bruno Knellwolf
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Die Aare führt Hochwasser in der Thuner Innenstadt.

Die Aare führt Hochwasser in der Thuner Innenstadt.

Peter Schneider/Keystone (13. Juli 2021)

Das Sturmtief Bernd hat aus den Bäumen in Zürich Kleinholz gemacht, der Hagel hat die Äpfel von den Bäumen geschlagen oder diesen zumindest eine Pockenhaut verpasst. Überall in der Schweiz pumpen die Menschen das Wasser aus den Kellern und Garagen. An Flüssen und Seen werden Barrikaden für das Hochwasser aufgestellt, die instabilen Böden beginnen zu rutschen, wenn es nun morgen weiter stark regnet. Die Schäden durch Hagel und Wasser sind enorm, die Versicherer sprechen von Hunderten von Millionen, der Gemüseverband meldet eine prekäre Situation der Schweizer Gemüseproduktion.

Nach Corona verdirbt uns nun das miese, feucht-kalte Wetter den Sommer. Der dort stattfindet, wo es eigentlich kälter sein sollte. Skandinavien freut sich über mediterrane Temperaturen, in Kanada gab es Ende Juni eine Rekordhitze mit beinahe 50 Grad Celsius. Für diese Wetterkapriolen wird in erster Linie die Umlenkung des Jetstreams verantwortlich gemacht. Die Umlenkung dieser tropischen Luftmassen führt zu Wärme in den nördlichen Polargegenden und zu viel Feuchtigkeit mit starken Stürmen in Mitteleuropa.

Der Mensch vergisst schnell, wenn die Sonne wieder scheint

Wir Menschen nehmen solch aussergewöhnliche Ereignisse bewusst wahr und erschrecken ob der Naturgewalt, während uns langsame, stetige Entwicklungen wie der Klimawandel weniger interessieren. So wäre es nun ein Leichtes, die jetzige Extremsituation dazu zu nutzen, den Klimamassnahmen Schub zu geben. Denn der Mensch vergisst auch schnell, wenn die Schäden weggeräumt sind und wieder die Sonne lacht.

Doch auch für diese Episode gilt, dass Wetter nicht gleich Klima ist. Wie ein sehr kalter Februar nicht automatisch das Ende der Erderwärmung bedeutet, gilt das umgekehrt auch für die jetzige Wettersituation. Solche Gewitterzellen, wie sie über Zürich gerast sind, hat es schon gegeben und die Meteorologen haben deshalb diese Woche darauf hingewiesen, dass die Ereignisse zwar extrem, aber nicht ganz aussergewöhnlich sind. Auch verregnete Schweizer Sommer lassen sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder finden.

Gerade was Extremereignisse betrifft, gehen die meteorologischen Daten zeitlich nicht sehr weit zurück. Somit lässt sich schwierig festlegen, ob ein einzelnes Ereignis mit dem Klimawandel zu tun hat oder eher mit der natürlich wiederkehrenden Ereignissen in Perioden von Hunderten von Jahren. So kann nicht mit totaler Sicherheit gesagt werden, dass diese Episode mit dem Klimawandel zu tun hat.

Viel Treibholz in der Limmat in Dietikon.

Viel Treibholz in der Limmat in Dietikon.

Lukas Elser

Der Juni war einer der wärmsten seit Messbeginn

Bewiesen aufgrund der Datenlage ist aber die laufende Erderwärmung, die in den vergangen Jahren mächtig Fahrt aufgenommen hat. Fast vergisst man, dass der vergangene Juni einer der wärmsten seit Messbeginn war. Auch der menschliche Einfluss auf die Erwärmung durch das Verbrennen von Kohlenstoff wird beinahe von allen Wissenschaftern weltweit anerkannt. Und aufgrund der Modelle und Projektionen zu den Auswirkungen der Erderwärmung, ist es sehr wahrscheinlich, dass es in Zukunft generell zu mehr Extremwetter-Situationen kommen kann, wie wir sie gerade erleben.

Denn extreme Niederschläge gehören wie auch zu trockene Sommer zu den von den Klimatologen vorausgesagten Veränderungen durch den Klimawandel. So wie der Meeresspiegelanstieg, Änderungen im Wasserkreislauf, die Zunahme von Hitzetagen und Tropennächten, das Schmelzen des Meereises, der Gletscher und Eisschilder sowie die Abnahme der Schneesicherheit in der Schweiz.

Deshalb bleibt uns unabhängig von der Spur der Verwüstung, die Bernd über Zürich gezogen hat, über kurz oder lang nichts anderes übrig als die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Über kurz ist dabei die eindeutig bessere Lösung, weil damit die vielen kostspieligen Anpassungen an den Klimawandel kleiner gehalten werden können. Wir tun uns schwer, unseren Lebensstil und unser Wirtschaften aufgrund von wissenschaftlichen Prognosen zu verändern. Deshalb sollten solche Zeichen wie jetzt von Bernd nicht wirkungslos verblassen.

Der Campingplatz Reussbrücke in Ottenbach (ZH) wurde überschwemmt.

Tele Züri