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HIV-Infizierte sind nicht in jedem Fall ansteckend

Der Schutz gilt für Paare in einer stabilen Beziehung, die ein angstfreies Sexualleben geniessen möchten.  ho

Der Schutz gilt für Paare in einer stabilen Beziehung, die ein angstfreies Sexualleben geniessen möchten. ho

Pietro Vernazza, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen (EKAF), ist zufrieden. «HIV-Infizierte sind nicht mehr ansteckend, wenn sie konsequent eine antivirale Therapie durchführen.» Das ergab eine internationale Studie.

Im Jahr 2005 startete die Studie des amerikanischen National Institute of Allergy and Infectuous Diseases mit 1763 serodifferenten Paaren (ein Partner ist HIV-positiv, der andere HIV-negativ) in 13 Aids-Zentren in Afrika, Südamerika, Asien und den USA. Die eine Gruppe erhielt eine sorgfältig überwachte Therapie mit antiviralen Medikamenten, die Kontrollgruppe ohne Medikamente sollte sich an die Regeln des Safer Sex halten.

Ansteckungsgefahr: 1:100000

In fünf Jahren hätten die Resultate veröffentlicht werden sollen. Stattdessen wurde die Studie am 11. Mai 2011 von ihrem Sicherheitsgremium, dem Data and Safety Monitoring Board, offiziell gestoppt. «Das Board fand es ethisch nicht mehr vertretbar, den unbehandelten Paaren die gute Wirkung der Therapie vorzuenthalten», sagt Infektiologe Vernazza.

In der Safer-Sex-Kontrollgruppe war es im Lauf der Studie zu 27 Ansteckungen gekommen – in der Studiengruppe der Therapierten zu einer einzigen. Und in diesem Fall ist noch nicht klar, ob diese Person die Therapie nicht konsequent durchführte oder ob die Infektion in den ersten Tagen der Therapie stattfand.

«Das sind Zahlen, welche unsere Hochrechnungen für Europa bestätigen», kommentiert Vernazza. «Die Gefahr, dass eine therapierte infizierte Person eine andere ansteckt, liegt in der Grössenordnung von 1:100000 – und nie wird eine Studie solch geringe Zahlen sicher beweisen können, denn das Nicht-Eintreten eines Ereignisses ist nicht belegbar.» Stattdessen hat die Studie quasi den Umkehrbeweis geliefert und gezeigt, dass eine Therapie vor Ansteckung schützt und für die Prävention eingesetzt werden kann.

Dafür müssen jedoch drei Regeln vollumfänglich eingehalten werden, wie Vernazza, Aids-Spezialist am Kantonsspital St.Gallen, betont: Erstens muss die infizierte Person die antivirale Therapie konsequent und unter ärztlicher Kontrolle durchführen. Zweitens muss die Viruslast während mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegen, es dürfen also keine HI-Viren mehr nachweisbar sein. Drittens darf keine Infektion mit einer anderen Geschlechtskrankheit vorliegen.

Nur für stabile Paarbeziehungen

Und: Der Schutz gilt nur für Paare in einer stabilen Beziehung, die ein angstfreies Sexualleben geniessen möchten, das sind in der Schweiz einige 1000 Paare. Nur dann kennt der nicht infizierte Partner die Situation genügend und kann abschätzen, ob sein infizierter Partner die Therapie zuverlässig einhält, sprich täglich die verschiedenen Medikamente zuverlässig einnimmt. Für alle anderen gelten nach wie vor die Regeln: «Nie ohne Kondom und kein Sperma oder Blut in den Mund.» Die Krux mit der Therapie ist ähnlich wie jene mit den Safer-Sex-Praktiken – beide bedingen ein konsequentes Verhalten. Bei der Therapie muss sich der nicht infizierte Partner jedoch voll auf die Zuverlässigkeit seines Partners verlassen.

Dafür ist der Erfolg der Variante «Therapie» klar besser. Das heisst: Würden sich alle Frischangesteckten rechtzeitig einer Therapie unterziehen, könnte die Ausbreitung des HI-Virus eingedämmt werden. «Wissenschafter sehen einen Durchbruch im weltweiten Kampf gegen Aids», titelte denn auch das «Wall Street Journal» am Tag nach Veröffentlichung des Studienabbruchs enthusiastisch.

Aids-Kommission harsch kritisiert

Das sind andere Töne als noch vor drei Jahren: Damals kassierte die EKAF harsche Schelte für ihre gewagte Botschaft «HIV-Therapie wirkt auch präventiv», die sie auf Antrag der Fachkommission Klinik und Therapie des Bundesamts für Gesundheit formuliert hatte. International wurde die Botschaft als «Swiss Statement» bekannt und veranlasste unter anderen die EU-Gesundheitskommission, den französischen nationalen Aidsrat und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu entsetzten Sofortreaktionen.

Das Statement lenke von den Präventionsbemühungen mit Safer Sex ab, hiess es, oder die Evidenz sei ungenügend. Für Facharzt Pietro Vernazza hat nun die Studie bestätigt, was er und seine Kollegen längst vermuteten: «Auch drei Jahre nach unserem Statement sind uns immer noch keine weiteren Fälle von Ansteckung unter Therapie bekannt.» Im Gegenteil, die beiden grössten Befürchtungen der Kritiker sind widerlegt: Die mangelnde Evidenz hat sich sozusagen selber bewiesen. Und die Befürchtung, das Statement torpediere Präventionsbemühungen, wurde widerlegt: «Die Anzahl neuer HIV-Fälle ist nicht gestiegen», sagt Vernazza.

WHO steht jetzt auch dahinter

Statt des befürchteten negativen Effekts seien sogar ein paar positive Effekte eingetreten: «Betroffene in einer festen Partnerschaft fühlen sich weniger stigmatisiert und können offener über ihre Sexualität reden, ausserdem kam es seither nicht mehr zu irrtümlichen Anklagen wegen Körperverletzung, wenn sich eine infizierte Person in Therapie befindet.» Ob die provokante Publikation vor drei Jahren das geeignete Vorgehen war, weiss EKAF-Präsident Vernazza nicht. «Wenigstens löste sie eine Diskussion aus – denn weltweit wussten Aids-Spezialisten längst, dass unsere Behauptung stimmt, nur wagte es niemand auszusprechen.» Heute sind die Wogen geglättet, der Beweis ist erbracht und sogar die WHO ist überzeugt, dass die Richtung stimmt. Sie plädiert inzwischen selber für «Treatment as Prevention», Therapie als Prävention.

Informationen: www.infekt.ch

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