Brigitte Studer empfängt in ihrem kleinen Büro an der Uni Bern. Die Professorin für Schweizer und neueste allgemeine Geschichte erlebt im Moment hektische Tage: Ihr Forschungsgebiet Gender interessiert rund um den Frauenstreik besonders.

1991 verlangten die Frauen Lohngleichheit, ein Ende der sexuellen Belästigung, Gleichstellung bei Fragen der sozialen Sicherheit. Viele Forderungen sind bis heute nicht eingelöst. War der Streik umsonst?

Brigitte Studer: Nein. Kurz darauf hat das Parlament ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Wichtig war zu- dem der Mobilisierungseffekt, dass mehrere hunderttausend Frauen auf die Strasse gingen. Dieser Effekt zeigte sich kurz darauf auch bei der Nichtwahl von Gewerkschafterin Christiane Brunner 1993, der Hoffnungsträgerin der Frauenbewegung.

Sie nennen das Gleichstellungsgesetz etwa. Um Lohngleichheit kämpfen die Frauen bis heute.

Am Frauenstreik präsentierte sich eine breite Palette von Forderungen, welche die Frauen bewegten und welche für die Gleichstellung wichtig sind, dazu gehörte das Ende sexueller Übergriffe genauso wie Lohngleichheit. Nach dem Gleichstellungsgesetz 1996 setzte das Parlament 2002 die Fristenlösung und 2005 die Mutterschaftsversicherung um. Wobei das natürlich nicht eine direkte Wir- kung des Streiks war. Dieser hat aber Forderungen aktualisiert, die wie die Mutterschaftsversicherung fast ein Jahrhundert alt waren.

Die Forderungen gehen so weit zurück?

Das Fabrikgesetz von 1877 etablierte ein Arbeitsverbot für Schwangere und für Mütter bis acht Wochen nach der Geburt. Es war ein Arbeitsverbot ohne Bezahlung. Die Forderung nach einer Mutterschaftsversicherung, also nach einem Ausgleich des Lohnverlusts konnte erst 130 Jahre später realisiert werden. Wobei der Verfassungsartikel für die Versicherung 1945 verabschiedet wurde. Der Frauenstreik 1991 war ein Impuls, um diese Forderungen zu aktualisieren, um sie wieder in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ist ein Streik überhaupt das richtige Mittel, um solche Forderungen umzusetzen?

Es kommt auf die Absicht an. Ein Streik ist per Definition mit Lohn- und Arbeitsfragen verbunden. Der Frauenstreik 1991 ging aber weit über solche Forderungen hinaus. Er war auch aus einem zweiten Grund ausserordentlich: Seit dem Landesstreik 1918 hat es keinen anderen nationalen Streik mehr gegeben, die Sozialpartner waren seit den 1930er-Jahren stets um sozialen Frieden bemüht. Der Frauenstreik ist der bisher grösste Mobilisierungserfolg in der Schweizer Geschichte – noch vor dem Landesstreik. Mehrere hunderttausend Frauen und Männer nahmen teil. Aus Propagandazwecken den Streik als solchen zu benennen, war richtig.

Aus gewerkschaftlicher Perspektive betreffen Streikforderungen die Arbeitsbedingungen. Wurden die Hausfrauen und Studentinnen, die auf die Strasse gingen, rückblickend zu wenig ernst genommen?

In einer Marktwirtschaft ist ein Streik eine Arbeitsniederlegung von Erwerbstätigen. 1991 streikten auch Frauen, die zwar arbeiten, aber nicht unbedingt dafür bezahlt werden. Ihre Tätigkeit wird nicht als Arbeit wahrgenommen, weil sie nicht als produktiv gilt und weil kein Lohn bezogen wird. Das war in Bezug auf den Streik der erste Bruch mit Konventionen. Zweitens war der Streik nicht konfrontativ, die Frauen haben eher spielerische und festliche Formen verwendet, mit viel Farben, Tanz und Luftballonen. Wahrgenommen wurde die überwältigende Mobilisierung.

Wurde diese Kraft bis dahin unterschätzt?

Sicherlich, es war ja neu. Die Frauenbewegung der Siebzigerjahre brachte nie solche Zahlen zusammen. Überhaupt wuchs in der Schweiz die Bereitschaft zu demonstrieren erst in den Siebzigerjahren wieder. Davor galt 50 Jahre Arbeitsfrieden zwischen den Sozialpartnern – auch dank der Beteiligung der Sozialdemokraten in den Regierungen. Es galt, Konflikte zu vermeiden.

Wer kein wirkliches Mitspracherecht hat in den politischen Gremien, dem bleibt nichts anderes übrig, als mit den Forderungen auf die Strasse zu gehen.

Dass die Frauen zum Mittel des Streiks gegriffen haben, ist Ausdruck davon, dass die Frauen in den politischen Entscheidungsgremien untervertreten sind.

Die Gesetze werden immer

noch hauptsächlich von Männern bestimmt. Ist der Streik die logische Folge davon?

Ja. Der Streik ist das Mittel der Schwachen. Das ist keine Wertung. Es ist das politische Ausdrucksmittel von jenen, die nicht oder nur marginal in den Machtzentren vertreten sind. In der Schweiz ist die politische Beteiligung der Frauen jung, sie können auf nationaler Ebene erst seit 1971 mitbestimmen. Aber es ist in der Tat ein Mittel, um auf sich aufmerksam zu machen, wenn man sonst keine Möglichkeiten hat.

Der Streik von 1991 startete im Vallée de Joux im Jura. Wie konnte daraus eine Massenbewegung entstehen?

Eine Gruppe von Uhrenarbeiterinnen diskutierte an einer Gewerkschaftssitzung die Lohnungleichheit innerhalb der Arbeiterschaft. Die Frauen stellten fest, dass sie rund einen Drittel weniger verdienen als die männlichen Kollegen – und dies zehn Jahre, nachdem die Gleichstellung und damit die Lohngleichheit in der Verfassung festgeschrieben wurden. Dass der Protest einer kleinen Gruppe sich derart ausweitete, ist bemerkenswert und war nur möglich, weil es Vermittlerinnen gab, welche die Forderungen weitertrugen. Eine wichtige Rolle spielte SP-Nationalrätin und Gewerkschafterin Christiane Brunner, die den Gewerkschaftskongress überzeugte, den Frauenstreik zu unterstützen. So solidarisierten sich verschiedene Gewerkschaftsbranchen mit den Uhrenarbeiterinnen. Hinzu kamen Gruppen der Frauenbewegungen und lokal organisierte Gruppen.

Beim anstehenden Streik geht das Engagement weit über die Gewerkschaften hinaus.

Ja. Feministische Forderungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was hat sich denn seit 1991 gesellschaftlich verändert?

Die Lohnungleichheit wird nicht mehr akzeptiert, sie schockiert heute viele Leute. Es geht aber noch um mehr: um strukturelle Ungleichheit. Dass Frauen also eher in Leichtlohngruppen und Teilzeit arbeiten, trägt massgeblich zu einer Ungleichheit bei.

Der Streikaufruf an Frauen 1991 war nicht der erste. Bereits 1908 machte die Arbeiterinnensekretärin Margarethe Faas-Hardegger auf die Situation der Frauen aufmerksam. Wie würdigen Sie ihre Rolle?

Sie war revolutionär. Sie war der erste weibliche Arbeitersekretär, wie das im Gewerkschaftsbund damals hiess, und wurde bald entlassen, weil sie mit ihren männlichen Kollegen nicht zurechtkam. Sie fehlte häufig und arbeitete von zu Hause aus, um sich um ihre zwei Kinder zu kümmern.

War sie zu wenig bei der Arbeit oder sprengten ihre Forderungen jene anderer Gewerkschafter?

Es war sicher beides. Margarethe Faas-Hardegger zeichnete ein komplettes Bild der Frauenunterdrückung. Die Gewerkschaften konzentrierten sich hingegen auf die Arbeitswelt. Bei Hausarbeit, Familienverhältnissen und Sexualität herrschte auch bei den Gewerkschaften ein traditionell bürgerliches Bild vor. Faas-Hardegger war so besonders, weil sie erstens die Frauenunterdrückung ansprach und diese zweitens mit Forderungen verknüpft hatte.

Die Anerkennung von Haus- und Pflegearbeit, für die Margarethe Faas-Hardegger kämpfte, gehört zu den Hauptforderungen des anstehenden Frauenstreiks. Hat sich in über 100 Jahren nichts geändert?

Eine gesamtheitliche Sicht der Situation von Frauen fehlt noch immer. Es zählt auch heute noch hauptsächlich die Welt der Produktion, die Welt der Reproduktion ist zweitrangig. Dabei wird gerade im familiären Bereich viel produziert – etwa bei der Aufbereitung der Nahrungsmittel. Und diese Arbeit erhält zu wenig Anerkennung. Was sich verändert hat: Heute wird das thematisiert, es liegen Zahlen zu unbezahlter Arbeit vor und die politischen Forderungen liegen auf dem Tisch. Margarethe Faas-Hardegger war eine Pionierin. Sie war eine der wenigen, die das erkannt und angesprochen hatten.

2019 wollen sich die Landfrauen und die katholischen Frauen am Streik beteiligen. Der Streik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Haben wir damit eine neue Dimension erreicht?

Ja. Es ist erstaunlich. Gruppierungen, die sich historisch weit weg von der Arbeiterbewegung befinden, bedienen sich nun deren Mittel. Früher war es in katholischen und ländlichen Kreisen ein No-Go, zu streiken. Heute findet eine Enttabuisierung des Streiks als politisches Ausdrucksmittel statt.

Auf was führen Sie zurück, dass die Bewegung so breit ist?

Frauenforderungen haben sich zu einem Konsens entwickelt. Es gibt zwar eine Gegenbewegung, etwa der Rechtspopulisten. Doch sie halten sich im Moment mit Äusserungen zurück.

Hat die breite Akzeptanz auch dazu geführt, dass im Parlament nun plötzlich Lohnkontrollen und ein Vaterschaftsurlaub mehrheitsfähig sind?

Was ist da mehrheitsfähig? Ein Vaterschaftsurlaub ist ja nicht mehrheitsfähig.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ist ein breit gestützter Kompromiss.

Was Mehrheiten findet, sind völlig verwässerte Umsetzungen. Das Parlament reagiert auf den Druck der Frauen. Was es tatsächlich beschlossen hat, sind eigentliche Nichtrealisierungen. Lohnkontrollen für Firmen mit über 100 Mitarbeitenden, die nicht einmal verpflichtend sind? Die Streikbereitschaft der Frauen ist eine Kritik an der Zögerlichkeit des bürgerlich und männlich besetzten Parlaments, das Reformen hinausschiebt oder verwässert.