Roman Rossfeld, die Forderungen des Oltener Aktionskomitees (OAK) wie Frauenstimmrecht, Proporz-Wahlrecht oder eine Alters- und Invalidenrente waren damals moderat und nicht sonderlich revolutionär. Warum herrschte in bürgerlichen Kreisen dennoch eine derart grosse Angst vor einer Revolution?

Roman Rossfeld: Hilfreich für das Verständnis des bürgerlichen Zeitgeistes ist ein Blick auf die internationale Dynamik. Anfang November 1918 fanden in den Nachbarländern Deutschland und Österreich-Ungarn Revolutionen statt, und in Russland herrschte seit dem Sommer 1918 ein blutiger Bürgerkrieg. Aus der Perspektive der Zeitgenossen war es schwierig abzuschätzen, welches politische Lager sich durchsetzen würde. Nichtsdestotrotz hat man die Bedrohungslage in der Schweiz wohl überschätzt. Gerade was die Gewaltbereitschaft der Arbeiterschaft und den Einfluss revolutionärer Strömungen innerhalb der SP angeht.

War die Schweizer Arbeiterschaft weniger radikal als zum Beispiel die deutsche oder österreichische?

Man kann diese Länder nicht einfach miteinander vergleichen. Die Schweiz war schon seit Jahrzehnten ein demokratisches Land, im Gegensatz zu den Monarchien in Deutschland und Österreich. Auf kantonaler und kommunaler Ebene waren die Sozialdemokraten schon vor dem Ersten Weltkrieg in verschiedene Legislativen und Exekutiven eingebunden. Die Untervertretung der SP war in erster Linie ein Problem auf Bundesebene durch das bis 1919 geltende Majorzwahlrecht. Hinzu kommt, dass die Schweiz schon vor dem Krieg ein stark industrialisiertes Land mit steigenden Einkommen war und von unmittelbaren Kriegsschäden verschont blieb. Das alles führte zu einer anderen Ausgangslage als in den Nachbarstaaten. Man darf nicht vergessen, dass die Revolutionen in denjenigen Nachbarländern stattfanden, die den Krieg verloren haben. Die Verhältnisse waren also sehr unterschiedlich.

General Ulrich Wille war eine treibende Kraft des antisozialistischen Bürgertums. Sein Truppenaufgebot vom 6. und 8. November in Zürich war eine Präventivmassnahme gegen eine mögliche Revolution. Hätte es den Landesstreik ohne diese Provokation überhaupt gegeben?

Meines Erachtens sollte man sich generell weniger auf Einzelpersonen wie General Wille oder den Streikführer Robert Grimm konzentrieren. Das wird der Komplexität der Ereignisse nicht gerecht. Es kamen damals mehrere Faktoren zusammen: das Kriegsende, der Sturz der Monarchien in den Nachbarländern Deutschland und Österreich und eine schon lange aufgeheizte Stimmung zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum. Das Truppenaufgebot musste vom Bundesrat bewilligt werden und kam auch unter dem Eindruck des vorangegangenen Streiks der Bankangestellten in Zürich zustande. Es ist eine lange Kette verschiedener Ereignisse, die letztlich zum Landesstreik geführt haben.

Wie nahe war die Schweiz an einem Bürgerkrieg?

Für einen Bürgerkrieg braucht es meines Erachtens zwei bewaffnete Parteien, die Arbeiterschaft war aber nicht bewaffnet. Es gab wohl einzelne Streikende, die Pistolen oder Revolver an Demonstrationen mit sich trugen. Aber das waren Ausnahmen. Es gab keine systematische Bewaffnung der Arbeiterschaft und auch keine Diskussionen innerhalb des OAK, die in diese Richtung gingen. Der Streik wurde vom OAK auch deshalb abgebrochen, weil man kein Blutbad riskieren wollte. Ausserdem stammten die meisten Ordnungstruppen, die für die Sicherung der Städte aufgeboten wurden, aus ländlichen, agrarisch geprägten Regionen, die aus bürgerlicher Perspektive als politisch zuverlässig galten. Insgesamt war die Gefahr eines Bürgerkrieges deshalb klein; das heisst aber nicht, dass ein Teil der Bevölkerung nicht Angst davor hatte, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen könnte.

Ist die nachfolgende Epoche des Neokonservatismus der 1920er-Jahre ein Ergebnis des Landesstreiks?

Hier spielen die ersten Wahlen nach dem Proporzwahlrecht von 1919 eine wichtige Rolle. Diese haben die politische Landschaft langfristig verändert. Es kam zu einer deutlichen Aufsplitterung des Parteienspektrums. Dazu gehörte nicht nur die Stärkung der SP, sondern auch der Aufstieg von Bauernparteien, der späteren Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei (BGB), der Vorgängerin der heutigen SVP. Die SP gewann bei den Nationalratswahlen 1919 zwar massiv an Sitzen, aber nicht an Stimmenanteilen. Die Mehrheit blieb bürgerlich; und der sogenannte Bürgerblock rückte in den folgenden Jahren in Anbetracht der vermeintlichen, linksrevolutionären Gefahr näher zusammen. Ein hierfür repräsentatives Beispiel ist die Wahl von Jean-Marie Musy, einem antikommunistischen Hardliner, in den Bundesrat. Gemessen an der Parteienstärke hätte ein SP-Vertreter gewählt werden sollen. Der erste Bundesratssitz wurde der SP aber erst 1943 zugestanden; nicht zuletzt aus Angst vor einem «zweiten 1918» nach dem Zweiten Weltkrieg.

Selbst im Bürgertum war die Einsicht, dass es soziale Reformen braucht, weit verbreitet. Wieso wurden viele davon erst deutlich später realisiert?

Die scharfe Reaktion aus dem Bürgerblock gegenüber der Linken führte auch zu einer Schwächung sozialliberaler und ausgleichender Kräfte. Diese verloren in den 1920er-Jahren deutlich an Einfluss. Zugleich hatte das Bürgertum andere Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit und setzte stärker auf Rationalisierungsmassnahmen in der Industrie als auf den Ausbau des Sozialstaates. Die grösste Verzögerung im Vergleich zu anderen Ländern zeigt sich aber beim Frauenstimmrecht, einer von neun Forderungen im Landesstreik. Während das Frauenstimmrecht in vielen europäischen Ländern nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurde, dauerte es in der Schweiz wesentlich länger, bis die Frauen über das aktive und passive Wahlrecht verfügten.