Längwald
Hirsch-Stau am Autobahn-Zaun

Seit 2006 toleriert der Kanton Bern, dass sich der Rothirsch über das Oberland hinaus ausbreitet. Inzwischen ist er auch im Oberaargau aufgetaucht. Sesshaft geworden ist er allerdings erst im Längwald zwischen Autobahn und Aare. Dort erwägt der Jagdinspektor inzwischen bereits, ihn zu bejagen.

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Hirsch

Hirsch

Berner Rundschau

Jürg Rettenmund

24 Rothirsche zählten die Wildhüter dieses Frühjahr gemäss der Statistik des kantonalen Jadginspektorats im Wildraum 4, der sich in etwa mit dem Oberaargau deckt. Gegenüber dem Vorjahr war dies eine Verdoppelung (vgl. Tabelle). Noch im Jahr 2004 war der Oberaargau «hirschfrei». Das war allerdings kein Zufall: Bis 2005 wollte der Kanton nämlich, dass Hirsche ihre angestammten Gebiete im Oberland nicht verliessen und richtete die Jagd danach aus. Seit 2006 jedoch gilt ein neues «Rothirsch-Konzept». Gemäss diesem will der Kanton die Ausbreitung für die Wald- und Landwirtschaft verträglich fördern.

Die 24 Hirsche verteilen sich jedoch nicht gleichmässig über den Oberaargau. In Beschlag genommen haben sie vor allem den Längwald, der sich zwischen Aare und Autobahn von Wangen a/A bis nach Rothrist hinzieht. Dort dürften allein rund 20 Hirsche leben.

Der Rothirsch ist das grösste Tier in der Schweiz

Der Rothirsch stammt ursprünglich aus Zentralasien, war jedoch bis um 1800 auch in der Schweiz einheimisch. Um 1850 galt er mit Ausnahme von Graubünden als ausgestorben. Konsequenter Schutz und ein besonderer Artikel in der Bundesverfassung von 1874 ermöglichten die Wiederansiedlung.
Im Kanton Bern wanderten erste Tiere 1961 im Brüniggebiet von Osten her ein. 1977 schränkte der Kanton die erwünschte Verbreitung auf das Oberland ein. Um den Bestand zu regulieren, werden die Hirsche seit 1979 in Teilen des Kantons wieder bejagt.
Der Rothirsch ist das grösste einheimische Säugetier. Er ist auch deutlich grösser als der Damhirsch und der Sikahirsch, die in der Schweiz nicht heimisch sind. Hirsch-Stiere können hier bis zu 200 Kilo schwer werden.
Dort wo Rothirsche sesshaft werden, leben sie in Rudeln. Während der meisten Zeit des Jahres werden diese von Muttertieren und ihren Jungen gebildet. Während der Brunstzeit im Herbst jedoch schart ein männlicher «Platzhirsch» ein möglichst grosses «Harem» um sich. In dieser Zeit ist auch das Geweih des Stieres voll ausgebildet. Im Frühling wirft er es ab, anschliessend wächst es mit einem «End» mehr wieder nach.
Rothirsche sind jedoch auch «Fernwanderer». Vor allem die Jungstiere, aber auch ältere Kühe legen als «Kundschafter» grosse Distanzen zurück. (jr)

Ideale Bedingungen nahe beim Stau

Peter Juesy, der kantonale Jagdinspektor, führt dies vor allem auf zwei Faktoren zurück: Einerseits stossen die Hirsche auf ihren Fernwanderungen vom Alpenraum in den Jura an den eingezäunten Fahrbahnen der Autobahn auf ein Hindernis, das sie im Gegensatz zur Aare praktisch nicht überwinden können. Anderseits finden sie dann im grossen Längwald ganz in der Nähe des «Stauraumes» einen für sie vorzüglich geeigneten Lebensraum.

Ulrich Bärtschi, der zuständige Wildhüter für den Längwald auf dem Gebiet des Kantons Bern, geht denn auch davon aus, dass die Rothirsche dort inzwischen ansässig wurden. «Die gezählten Tiere sind vermutlich nicht nur zugezogen, sondern zum Teil auch bereits dort geboren», hält er fest. Die Herkunft sicher bestimmen kann man allerdings nur bei einem: Die erste Hirschkuh, die bereits im Jahr 2005 auftauchte, war mit einem Sender ausgestattet. Dank ihm konnten die Fachleute seine Wanderschaft von Giswil OW bis ins Bipperamt verfolgen.

Hirschpark Langenthal

«Ansiedlung» mit Friktionen
Der Tierpark Langenthal hält als einziger Park im Oberaargau Rothirsche. Die «Ansiedlung» verlief allerdings auch im Park nicht ganz problemlos. Als dieser 1891 gebaut wurde, weideten dort vorerst drei Damhirsche. Erst mit einer ersten Erweiterung 1898 konnten drei Rothirsche angekauft werden.
Die Chronik* des Tierparks berichtet jedoch verschiedentlich von Zwischenfällen mit dem Rotwild. So entsprang 1902 eine Hirschkuh ihrem Gehege und konnte nicht mehr eingefangen werden. Einige Busswiler Jäger erledigten schliesslich den angeordneten Abschuss. Gleich fünf Tiere entwichen 1905. Drei kehrten von selbst zurück, zwei konnten jedoch nicht eingefangen werden und wurden darauf wiederholt gesichtet.
1950 wurde auf die Haltung von Rothirschen verzichtet. Erst als mit dem Ausbau von 1978 ein sicheres Gehege erstellt wurde, kehrten diese nach Langenthal zurück. Der seit 1993 als Tierparkwärter tätige Beat Loosli erinnert sich an keinen Ausbruch. (jr)
* Daniel Fuchs: 100 Jahre Tierpark Langenthal. Jahrbuch des Oberaargaus 1991, S. 183-199.

Der Umwelt angepasst

Nun trifft allerdings selbst ein Fachmann wie Wildhüter Bärtschi im Längwald nicht regelmässig Hirsche an: Diese haben sich der Umwelt angepasst und sind von Bewohnern lichter Auenwälder, die es heute in der Schweiz nicht mehr gibt, zu scheuen, vorwiegend in der Nacht aktiven Waldbewohnern geworden (vg. Text unten). Es könne zwar durchaus sein, dass Spaziergänger einen Hirsch antreffen, erklärt Bärtschi, besser sichtbar seien aber seine Spuren: Schäl- und Fegschäden, die sie an den Bäumen hinterlassen, Frassspuren oder Trittsiegel.

Was für den Längwald gilt, gilt noch viel stärker für die übrigen Gebiete des Oberaargaus: Ihm würden vielleicht vier bis fünf Hirschbeobachtungen pro Jahr gemeldet, die sich zudem zum Teil auf die gleichen Individuen beziehen können, schätzt Hansjörg von Allmen, Bärtschis Kollege im Amt Aarwangen und im Raum Huttwil. Bärtschi kommt ausserhalb des Längwaldes etwa auf die gleiche Zahl. Es sind durchziehende Einzeltiere, die die stark besiedelten Räume im Alpenraum auf der Suche nach neuen Lebensräumen verlassen.

Im Längwald beklagen sich der Förster und Waldbesitzer inzwischen über untragbare Schäden. Der Jagdinspektor erwägt deshalb, dort in der nächsten Jagdsaison eine gezielte Bejagung zuzulassen (wir berichteten). In den nächsten Tagen wird sich die Kommission des Wildraums mit der Frage befassen.

Gefahr auf den Strassen

Nicht ganz risikolos sind die Rothirsche für den Verkehr. Es kam auch bereits zu Unfällen. Bärtschi nennt eine Kollision mit einem Zug bei Bollodingen oder kürzlich mit einem Auto zwischen Niederbipp und Aarwangen. Auch bei Gutenburg wurde dieses Jahr ein Spiesser (ein junger Hirschstier) angefahren.

Der Wildhüter hofft auf die Aufmerksamkeit der Autofahrer, vor allem nachts und in der Dämmerung. Ein Hirsch sei bis zu acht Mal schwerer als ein Reh, gibt er zu bedenken. Zudem sei er deutlich höher auf den Beinen.

Er kann deshalb voll in die Windschutzscheibe prallen. «In der Regel endet ein Hirsch-Unfall mit einem Totalschaden.»

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