Eigentlich ist es ziemlich gaga. Man muss es sich nur einmal bildlich vorstellen: In Reckenholz, Zürich, werden Kartoffeln, Weizen und Apfelbäume aufs Schärfste bewacht. Die vorbeischlendernden Spaziergänger werden dabei nicht durch einen, sondern gleich durch zwei hohe Zäune von den Pflanzen getrennt. Dazu kommen Überwachungskameras, eine Alarmanlage und Sicherheitspersonal. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist jemand vor Ort, begleitet von einem Wachhund. Dabei befindet sich das «Pflanzengefängnis» mitten im Grünen, rundherum Ackerfelder.

Gentechnik scheidet die Geister

Weshalb müssen die Pflanzen derart bewacht werden? Die einen würden antworten, weil sie böse sind. Die anderen: Wegen möglichen Vandalen, die ein wertvolles Forschungsprojekt zerstören wollen. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind hochumstritten und seit Jahren wird über deren Legitimation eine emotionale Debatte geführt. Bisher ist in der Schweiz der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen verboten. Am Dienstag diskutiert der Nationalrat über eine Verlängerung des Moratoriums (siehe Artikel unten), von dem die Forschung aber explizit ausgenommen ist.

So ist die Forschungsanlage in Reckenholz der einzige Ort in der Schweiz und einer der wenigen in Europa, wo gentechnisch veränderte Pflanzen unter Feldbedingungen erforscht werden und somit eine Technik getestet wird, die vielleicht nie in der Praxis zum Einsatz kommt. Betrieben wird die sogenannte «Protected Site» von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung.

Auf einem Feldstück innerhalb der drei Hektaren grossen Anlage wurde vor wenigen Wochen gentechnisch veränderter Winterweizen ausgesät. Dessen Körner sollen dicker sein und damit ertragsreicher als bei herkömmlichen Pflanzen. Den Samen entwickelt haben Forschende des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung. Im Gewächshaus konnten sie eine Ertragssteigerung von 5 Prozent feststellen. Der Versuch auf der «Protected Site» soll zeigen, ob sich der Effekt auch unter natürlichen Bedingungen einstellt.

Die Körner der gentechnisch veränderten Winterweizen sind dicker (oben), als jene der unveränderten Pflanzen (unten).

Die Körner der gentechnisch veränderten Winterweizen sind dicker (oben), als jene der unveränderten Pflanzen (unten).

Feuerbrand und Mehltau

Es ist das erste Mal, dass Agroscope auf ihrer Anlage eine gentechnische veränderte Pflanze untersucht, die eine Erstragssteigerung bringen soll. Bei den übrigen drei laufenden Forschungsprojekten geht es um die Ertragssicherung. Sprich: Die Pflanzen werden gentechnisch verändert, um Krankheiten und somit Ertragsausfälle zu verhindern. Die Apfelbäume sollen resistent gegen Feuerbrand sein, die Kartoffeln gegen Kraut- und Knollenfäule und der Sommerweizen gegen Mehltau.

«5 Prozent Ertragssteigerung klingt im ersten Moment nicht nach viel», sagt Michael Winzeler, Leiter des Forschungsbereichs Biodiversität und Umweltmanagement bei Agroscope . Doch man müsse die Relationen sehen. Er zieht den Vergleich zu den 80er Jahren, als mit herkömmlichen Zuchtmethoden noch grosse Fortschritte erzielt wurden. «Damals sprach man von einer jährlichen Ertragssteigerung von 0.5 Prozent.» Heutzutage könne man von solchen Zuchterfolgen nur träumen. Eine Studie von Deutsche Bank Research zeigt, dass bis 2050 doppelt so viele Lebensmittel benötigt werden. «Dazu braucht es eine erhebliche Ertragssteigerung».

Die "Protected Site" vorgestellt in einem kurzen Film (Agroscope 2014)

Die "Protected Site" vorgestellt in einem kurzen Film (Agroscope 2014)

Die in Europa zurückhaltende Forschung im Gentech-Bereich bezeichnet Winzeler als «fahrlässig». Beispiel Deutschland: Hier wurden seit 2013 keine Feldversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen mehr durchgeführt. Die Gegner der Protected Site in Reckenholz sehen es anders. Für sie ist die Gentech-Forschung fahrlässig. Als der Bund das Winterweizen-Projekt von Agroscope bewilligte, schrieb die Schweizer Allianz Gentechfrei in ihrer Medienmitteilung: «Weizenkörner bleiben im Boden während Jahren keimfähig. Die Gefahr ist gross, dass es zu Transgen-Übertragungen durch Pollen oder Samen kommen kann.»

Vlies hindert Vögel am picken

Beim Besuch der «Nordwestschweiz» auf der Forschungsanlage in Reckenholz ist die Ackerfläche, wo zwei Wochen zuvor der gentechnisch veränderte Winterweizen ausgesät wurde, noch von einem weissen Vlies überdeckt. «Es soll verhindern, dass Vögel die Samen herauspicken und aus der Anlage tragen», erklärt Winzeler. Das Vlies ist eine von vielen Auflagen, die der Bund an die Forschungsbewilligung geknüpft hat.

So müssen Mitarbeiter beispielsweise auch die Feldstreifen links und rechts des Feldwegs, der von der Anlage zum Institut führt, in regelmässigen Abständen nach «Ausbrecher» absuchen. «Bisher haben wir keine gentechnisch veränderte Pflanze ausserhalb der ‹Protected Site› gefunden», sagt Winzeler.

Am Wegrand jenes Feldwegs steht eine briefkastenähnliche grüne Box. Die darin enthaltenen Flyer informieren die Spaziergänger über die streng bewachte Forschungsanlage, die des öfters für erstaunte Blicke und ratlose Gesichter sorgt. «Wir würden nur zu gerne die Sicherheitsmassnahmen ein wenig herunterfahren», sagt Winzeler. Doch die Sicherheitsspezialisten, mit denen man regelmässig in Kontakt stehe, bescheinigen immer noch eine latente Gefahr für Vandalenakte. So wird ein grosser Teil des jährlichen Budgets von 750 000 Franken für die Bewachung verwendet.

Die Erinnerung an 2008 ist immer noch präsent. An jenem Freitag den 13. Juni stürmten rund drei duzend Gentechnik-Gegner das Forschungsfeld, bedrohten die anwesenden Forschenden, zerstörten den Weizen und warfen die damaligen Forschungsarbeiten weit zurück. Die direkte Folge der Attacke: die heutige massive Bewachung der Anlage. Überwachungskameras, Alarmanlage, 24 Stunden Sicherheitspersonal, Wachhunde und zwei Zäune – alles um Kartoffeln, Weizen und Apfelbäume zu bewachen.