Muss einer über die Klinge springen? Heute entscheidet die FDP-Fraktion in Neuenburg, wen sie ins Rennen um die Nachfolge von Didier Burkhalter schickt. Drei Kandidaten stehen zur Auswahl: Der Tessiner Fraktionschef Ignazio Cassis (56), die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret (46) und der Genfer Staatsrat Pierre Maudet (39). Sie werden dem 44-köpfigen Gremium (ohne Cassis und Moret) zuerst Rede und Antwort stehen. Der definitive Entscheid fällt danach hinter verschlossener Tür.

Fest steht: Eine Einer-Kandidatur gilt als so gut wie ausgeschlossen. Sie würde der Bundesversammlung eine Auswahl verunmöglichen. In einem ersten Schritt werden die Parlamentarier also über eine Zweier- oder Dreier-Kandidatur befinden. Im Falle eines Duos stellt sich die Frage, wen die Fraktion aufs Ticket schreibt.

Denkbar sind folgende Szenarien:

Wohlfühl-Ticket: Cassis, Moret und Maudet

  • Vorteil: Mit einem Dreier-Ticket verzichtet die Fraktion darauf, einen ihrer Kandidaten vor den Kopf zu stossen. Insbesondere Outsider Pierre Maudet würde von einer Dreier-Kandidatur profitieren. Ihm wurde wegen seines geringen Bekanntheitsgrads in Bundesbern weniger Chancen nachgesagt. Mit einer beherzten Kampagne hat Maudet aber in den letzten Wochen Boden gutgemacht. Aus taktischen Überlegungen macht ein Trio auch aus Sicht der Cassis-Anhänger Sinn, da sich die Stimmen aus der Romandie auf die beiden welschen Kandidaten verteilen werden.
  • Nachteil: De facto ist es ein Nicht-Entscheid. Die FDP überlässt die Qual der Wahl der Bundesversammlung. Profil und Leadership sehen anders aus.
  • Wahrscheinlichkeit: Am Anfang stand eine Zweier-Kandidatur klar im Zentrum. Es ist dem überzeugenden Auftritt Maudets zuzuschreiben, dass das Dreier-Ticket Auftrieb erhalten hat.

Minderheiten-Ticket: Cassis, Moret

  • Vorteil: Mit dem Paar Cassis/Moret kürt die Fraktion zwei klassische Minderheitsvertreter, die im Fokus der Debatte stehen: die italienischsprachige Schweiz und die Frauen. Sie entscheidet sich auch für zwei Bundesparlamentarier, welche die Regeln in Bern gut beherrschen.
  • Nachteil: Die FDP-Fraktion verheizt ihren Genfer Shootingstar Maudet, der als Hoffnungsträger der Partei gilt.
  • Wahrscheinlichkeit: Dieses Ticket wurde anfangs hoch gehandelt. Mit ungeschickten Aussagen hat sich Moret jedoch ins Abseits manövriert.

Macho-Ticket: Cassis, Maudet

  • Vorteil: Mit diesem Ticket liefert die FDP der Bundesversammlung eine klare Wahl. Cassis gehört zu den einflussreichsten Parlamentariern. Der Arzt und Krankenkassen-Lobbyist könnte als Nachfolger von Innenminister Alain Berset ins Spiel gebracht werden, sollte dieser ins Aussendepartement wechseln. Maudet wiederum verspricht frischen Wind im Bundesrat. Er kann Regierungserfahrung vorweisen und ist ein Macher.
  • Nachteil: Schickt die FDP zwei männliche Anwärter ins Rennen, wäre das ein Affront gegenüber den FDP-Frauen. Ein solches Ticket könnte zu einer wilden Frauenkandidatur führen, etwa der ehemaligen Tessiner Regierungsrätin Laura Sadis.
  • Wahrscheinlichkeit: Stieg mit der guten Kampagne Maudets. Zudem zweifeln Fraktionsmitglieder offen an Morets Format zur Bundesrätin. Hinter vorgehaltener Hand distanzieren sich sogar Frauen und Waadtländer Parlamentarier von Moret.

Genfersee-Ticket: Moret, Maudet

  • Vorteil: Der Bundesrat wird altersmässig erneuert. Die dynamische Genferseeregion noch stärker in der Landesregierung verankert.
  • Nachteil: Ein reines Romands-Ticket wäre eine Beleidigung gegenüber dem Tessin, das seit nunmehr 18 Jahren auf eine Vertretung im Bundesrat wartet. Und: Die Fraktion würde ihren Chef desavouieren.
  • Wahrscheinlichkeit: Tendiert gegen null. Cassis gilt praktisch als gesetzt, der Tessiner Anspruch ist breit anerkannt. Nur noch eine plötzlich entdeckte Leiche im Keller des Tessiners könnte zu diesem Szenario führen.

Der Entscheid der Fraktion wird am frühen Abend bekannt gegeben. Übernächste Woche werden die offiziellen Kandidaten dann zu Hearings bei den anderen Parteien antraben. Der letzte Akt im Wahlkrimi folgt am 20. September im Bundeshaus mit der Wahl.

Ignazio Cassis: Der Tessiner bleibt nicht fehlerfrei – aber Favorit

Natürlich hatte Fulvio Pelli seine Hände im Spiel, als die Tessiner FDP einzig Ignazio Cassis für den Bundesrat nominierte. Der ehemalige FDP-Präsident, bekannt als gewiefter Stratege, gab Cassis einen Ratschlag auf den Weg: «In der Ruhe liegt die Kraft.»

Der Tessiner Nationalrat hat den Rat (fast) beherzigt. Auf die Kritik an seinem mit 180 000 Franken entlöhnten Präsidium des Krankenkassenverbandes Curafutura reagierte Cassis routiniert. Im «Tages-Anzeiger» rief er zwar aus: «Man könnte meinen, die Kassen seien eine Terrorgruppe wie der IS.»

Ansonsten präsentierte er sich aber einfach als pflichtbewussten Treuhänder der Versicherten, der den Kostenanstieg bei den Prämien reduzieren will. Die vom Bundesrat verordneten Tarifkürzungen bei den Ärzten begrüsst er ausdrücklich. Seine Frau ist Radiologin. Ihr erklärte er: «Ich gewichte die Interessen der Versicherten höher als das Gehalt meiner Frau.»

Ignazio Cassis’ grösster Trumpf ist seine Herkunft, sie macht ihn zum turmhohen Favoriten: Seit 18 Jahren ist das Tessin nicht mehr in der Landesregierung vertreten. Wobei: Der 56-Jährige sieht sich nicht als Kandidat des Tessins, sondern der italienischsprachigen Schweiz. Das ist – natürlich – Koketterie. Als ob sich die Tessiner durch einen Bundesrat aus einem der Bündner Südtäler vertreten fühlen würden.

Doch wäre Cassis mehr als ein Quoten-Tessiner? Er sagt Ja, hat sich mit einem unbedarften Satz aber ziemlich in die Nesseln gesetzt: «Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich fast beleidigt, wenn man mich wählen würde, weil ich eine Frau bin.» Diesen Satz würde er heute nicht mehr sagen. Er rechtfertigt ihn damit, dass das Geschlecht nicht höher gewichtet werden soll als die weiteren Qualitäten einer Person.

Der Quoten-Spruch war der erste Fehler in seiner Kampagne, der zweite erfolgte erst kürzlich: Cassis gab seinen italienischen Pass ab. Das sei so stimmig für ihn. Wenn jemand Mitglied der Landesregierung sei, dürften keine Zweifel an dessen Loyalität zur Schweiz aufkommen, begründete der Freisinnige seinen Entscheid. Die Reaktionen darauf waren geteilt. Die Kritiker warfen Cassis Opportunismus vor – einen Kniefall vor der SVP.

Nachhaltig schaden wird Cassis diese Posse wohl kaum. Der ehemalige Tessiner Kantonsarzt ist der Wunschkandidat der freisinnigen Parteileitung. Dieser Rückhalt gibt dem Fraktionschef Gelassenheit. Und auch bei der Roadshow der FDP-Kandidaten hinterliess er den abgeklärtesten Eindruck.

Und die Aussensicht? Ignazio Cassis wird von den Medien wahlweise als «knallhart» und «harmoniebedürftig» beschrieben. Was stimmt? Der politische Spätzünder hat wohl tatsächlich zwei Seiten. Er ist stets höflich und humorvoll, gibt sich kompromissbereit und kann sowohl mit der SVP zusammenarbeiten wie auch mit der SP.

Manchmal zeigt er aber auch seine harte Seite: Wie er bei der Rentenreform jeglichem Druck trotzte und die Lösung seiner Partei bis zum Schluss verteidigte. Oder wie er der SVP bei der Wahl von Guy Parmelin in den Bundesrat die Leviten las: «Wir erwarten von der SVP nicht nur Versprechen, sondern auch Taten: Konkordanz, Verantwortung, kurz, die gemeinsame Lösung von Problemen anstatt deren Bewirtschaftung ausschliesslich für den eigenen parteipolitischen Gewinn.» Das tönt nicht nach einem Statement eines Opportunisten, der auf SVP-Stimmen für seine eigene Wahl schielt.

Pierre Maudet: Der Genfer Aussenseiter bewegt sich auf einem schmalen Grat

Man sagt Pierre Maudet nach, dass er seit 39 Jahren nichts anderes im Kopf hat, als Bundesrat zu werden. Nun bietet sich eine Möglichkeit, doch die Konstellation ist ungünstig für das Genfer «animal politique». Er ist weder Tessiner noch eine Frau. Maudet wäre der dritte männliche Romand in der Landesregierung – darauf hat niemand wirklich gewartet.

Maudet redet deshalb fast nicht über äusserliche Merkmale – abgesehen von seinem jugendlichen Alter und Genf als Geberkanton im Finanzausgleich –, sondern über politischen Inhalte. Es klingt beinahe wie ein Programm. Doch Maudet weiss natürlich, dass dies nicht den helvetischen Gepflogenheiten entspricht, sondern eher an einen Kandidaten für das französische Staatspräsidium erinnert.

Er spricht und schreibt deshalb von politischen Visionen. Unter dem Titel «An die Schweiz glauben» sind sie auch auf seiner Internetseite nachzulesen (auf Französisch, Deutsch und Italienisch notabene). Es geht um Sicherheit – sein Steckenpferd –, den digitalen Wandel und natürlich um die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU. Er will ein institutionelles Rahmenabkommen, aber keine fremden Richter.

Stattdessen schlägt er ein Schiedsgericht bei allfälligen Streitigkeiten vor. Der Vorschlag ist nicht neu, die Denkfabrik foraus hat diese Idee bereits vor zwei Jahren lanciert. Daraus geworden ist jedoch nichts. Es ist aber davon auszugehen, dass die Bundesverwaltung auch diese Möglichkeit längst ausgelotet hat.

Pierre Maudet bewegt sich mit seiner Kampagne auf einem schmalen Grat: Er will neue Impulse geben, riskiert jedoch, als Besserwisser wahrgenommen zu werden. Zudem hat sich der Genfer Staatsrat zwar auch in der Vergangenheit immer wieder in nationale Debatten eingemischt – legendär ist sein Ausspruch, dass Ueli Maurer das grösste sicherheitspolitische Risiko der Schweiz darstellt. Die Dossiers der Bundespolitik kennen seine Mitbewerber Ignazio Cassis und Isabelle Moret aber weit besser als der Genfer Staatsrat.

Es besteht kein Zweifel, dass Maudet die Bundesratswahl gewinnen will. Sein Wahlkampf wirkt professioneller als diejenigen seiner Mitkonkurrenten. 20 000 Franken beträgt sein Budget. Er tourte mit verschiedenen Helfern durch die Deutschschweiz, um sich auch «outre Sarine» einen Namen zu machen. Darunter Sébastien Leprat, einst Mitarbeiter im Stab von Eveline Widmer-Schlumpf, verheiratet mit einer Nichte Adolf Ogis und intimer Kenner der Berner Machtmechaniken. Sowie mit Cédric Alber, einst Lobbyist für Furrer Hugi und heute im Technologieunternehmen von André Kudelski tätig. Kein Zufall, ist der Waadtländer Kudelski einer der bekanntesten Fürsprecher des Genfers Maudet.

Sein politisches Talent ist unbestritten. Es hat sich bereits gezeigt, als er mit 15 Jahren das erste Jugendparlament der Schweiz gegründet hat – und es fiel früh auch Pascal Couchepin auf. Der Alt-Bundesrat attestierte ihm bereits vor 9 Jahren Bundesratsformat.

Die politische Karriere des Familienvaters verlief denn auch gradlinig: mit 21 Mitglied des Genfer Stadtparlaments, mit 29 Jahren Wahl in die Exekutive. Fünf Jahre später wurde Maudet in den Staatsrat gewählt. Bei all diesen Wahlen galt Maudet als Aussenseiter und strafte alle Prognostiker Lügen. Ob sein Selbstbewusstsein, das er gerne auf die Schweiz übertragen würde, auch die Bundesparlamentarier überzeugt? Normalerweise wählt das Parlament lieber Durchschnitt statt Überflieger.

Isabelle Moret: Die gute Ausgangslage mit miserablem Wahlkampf verspielt

Ende Juli listete «Le Matin Dimanche» auf, welche fünf Merkmale der Nachfolger oder die Nachfolgerin Didier Burkhalters idealerweise mitbringen müsste: erstens weibliches Geschlecht, zweitens einen Sitz im eidgenössischen Parlament, drittens Regierungserfahrung, viertens weder eine Waadtländer noch eine Freiburger Herkunft, fünftens ein moderates politisches Profil. Die Quintessenz: Niemand sei auch nur ähnlich prädestiniert wie FDP-Nationalrätin Isabelle Moret, die immerhin drei Fünftel des Anforderungsprofils erfülle.

Auch wenn bei der Analyse der Waadtländer Sonntagszeitung regionalpolitische Interessen mitgespielt haben dürften, waren die Wahlchancen Morets vor einem Monat tatsächlich nicht so schlecht. Inzwischen jedoch sind sie das. Denn die Wahlkampagne der 46-Jährigen war schlicht und einfach miserabel.

Es begann schon schlecht: Moret zögerte wochenlang, ob sie überhaupt antreten sollte. Und als sie sich endlich zur Kandidatur durchgerungen hatte, tauchte sie ab statt auf. Für Interviews stand sie nicht zur Verfügung, auf kritische Nachfragen von Journalisten und negative Zeitungsberichte reagierte sie dünnhäutig. Und wenn sie doch mal etwas sagte, blieb sie inhaltlich vage.

So vage, dass die Vermutung auf der Hand lag, es ginge ihr einzig darum, für möglichst viele Parlamentarier wählbar zu bleiben. Bloss: Wählbar zu sein, reicht nicht. Isabelle Moret muss auch gewählt werden wollen. Will sie überhaupt?

Inzwischen sind auch Waadtländer Journalisten desillusioniert: «Moret scheint angesichts der Herausforderung wie gelähmt», schrieb «24 heures» nach der ersten Etappe der FDP-Roadshow. Wenn man ihnen Anonymität zusichert, gehen mittlerweile selbst namhafte freisinnige Politiker auf Distanz zur Kandidatin. «Moret ist diesem Amt nicht gewachsen, sie wäre als Aussenministerin vom ersten Tag an überfordert», sagt ein Fraktionsmitglied. Ein anderes urteilt noch drastischer: «Eine Bundesrätin Moret wäre eine Katastrophe für die Partei.»

Im Nationalrat hat sich Moret – ähnlich wie Cassis – vor allem als Gesundheits- und Sozialpolitikerin einen Namen gemacht. Ein Hauptanliegen ist ihr der Kampf für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Als von ihrem Ehemann getrennt lebende Mutter zweier schulpflichtiger Kinder weiss sie, wie schwierig es ist, beides unter einen Hut zu bringen.

Für sich ins Feld führen jedoch will Moret weder, dass mit ihr die Untervertretung der Frauen im Bundesrat korrigiert würde noch dass sie das Zeug zur «Mutter der Nation» hätte. Dass sie einzig wegen ihrer Kompetenzen und Qualitäten gewählt werden möchte, spricht für sie. Nur hätte sie diese im Wahlkampf ein wenig mehr ins Schaufenster stellen dürfen.

In den vergangenen Wochen ist Moret von der Mitfavoritin zur Aussenseiterin mutiert. Allerdings: Schon einmal traute man der Tochter zweier Eisenbähnler nicht den Werdegang zu, den sie für sich für richtig hielt. Als sie ihrer Grossmuter 18-jährig eröffnete, Anwältin werden zu wollen, habe diese geantwortet: «Das ist kein Beruf für unsereins». So erzählte es Moret vor ein paar Tagen der «NZZ». Von ihrer Oma, die ihr Leben lang in der Fabrik gearbeitet hatte, liess sie sich nicht beirren: 24-jährig erlangte Isabelle Moret das Anwaltspatent.