"Organspende fördern – Leben retten": So lautet der Name der Volksinitiative, der von jungen Unternehmern und Unternehmerinnen der Jeune Chambre Internationale (JCI) im Oktober lanciert worden ist. Sie fordern, dass die Schweiz ein neues Organspendesystem einführt.

Bis jetzt waren Organentnahmen nur möglich, wenn der Verstorbene einen Spenderausweis bei sich trug oder die Angehörigen einer Entnahme zustimmten. Im Jahr 2017 wurden bis jetzt 110 Spendern Organe entnommen. 

Die Initiative will mit einer Umkehrung der momentanen Spendeordnung mehr Transplantationen ermöglichen. Neu soll ein Register in Kraft treten, in dem sich jeder, der keine Organe spenden will, eintragen lässt. Besteht kein Eintrag im Register wird man zum Spender, insofern sich die Angehörigen nicht gegen eine Organentnahme aussprechen. 

Einfache Lösung oder Paradigmawechsel

Franz Immer ist Herzchirurg und Direktor der Stiftung Swisstransplant, die die Initiative unterstützt. Er erklärt im "TalkTäglich", dass sich mit der neuen Ordnung die Organspende nicht "automatisieren" würde: "Es ist nur eine Umkehrung des Prinzips", so Immer. "Wir haben festgestellt, dass sich sehr wenige Leute über eine Organspende Gedanken machen." 

Ruth Baumann-Hölzle leitet das Institut Dialog Ethik und spricht sich klar gegen ein neues System aus: "Aus der Sicht der Empfänger mag es die einfachere Lösung sein. Aber wir nehmen damit in Kauf, dass Menschen, die das gar nicht möchten, Organe entnommen werden."

Laut Baumann sei dies eine ethische Grenzüberschreitung und ein Paradigmawechsel im Staat. "Man automatisiert die Organspende  im Rahmen einer Widerspruchslösung." Dazu käme die Frage, wie man mit "bildungsfernen Menschen oder Menschen mit Sprachproblemen" umgehe. Mit der neuen Initative würde man das Motto "der Zweck heiligt die Mittel" einführen.

TalkTäklich: Das Statemtent von Franz Immer

Herzchirurg Franz Immer: "Wenn ich meine Frau verlieren würde, ging mir alles andere durch den Kopf als stellvertretend über eine Organspende zu entscheiden."

Kommt es zum Spende-Zwang?

Die von Baumann angesprochenen Gefahren würde man heute schon haben, kontert Immer. "Heute müssen die nächsten Angehörigen in 97 Prozent der Fälle entscheiden – stellvertretend für den Verstorbenen." Ausserdem kenne man eine ähnliche Regelung bereits in Frankreich, Österreich und Italien, und das funktioniere sehr gut. "Auch wenn man es versäumen würde, sich in das Nein-Register einzutragen, können die Angehörigen immer noch eine Organspende verhindern." 

Medizinethikerin Baumann habe Angst, sich zum Schutz ihrer Organe wehren zu müssen. "Zum Beispiel gehen so viele Leute nicht abstimmen. Und es käme uns nie in den Sinn, den Leuten die Stimmerlaubnis abzusprechen." Aber genau das würde momentan passieren, sagt Baumann. Sie fügt an: "Es gehen so viele nicht zur Abstimmung, ergo, wir zwingen sie oder sonst entnehmen wir die Organe einfach." 

Chirurg Immer will nicht von einem Spende-Zwang reden und vergleicht die Würde des Verstorbenen mit den Wünschen des Empfängers. "Die Empfänger haben auch den Anspruch darauf, dass man die Wünsche des Spenders respektiert und umsetzt – und das ist heute nicht der Fall, weil sich die Leute nicht äussern." 

TalkTäglich: Franz Immer, Ex-Herzchirurg und Direktor von Swisstransplant sowie Ruth-Baumann-Hölzl, Leiterin Institut Dialog Ethik

Ruth-Baumann-Hölzle, Leiterin Institut Dialog Ethik: "Es gehen so viele nicht zur Abstimmung, ergo, wir zwingen sie oder sonst entnehmen wir die Organe einfach."

Der Tod soll einen Sinn haben

Herzchirurg Immer erklärt, wie eine Organentnahme abläuft: "Die Daten des Spenders werden im System erfasst, man macht Blutuntersuchungen, evaluiert, welche Organe brauchbar sind und entscheidet dann, welche transplantiert werden. Die Empfänger der Organe sind in klaren Ranglisten eingeteilt. Erste Priorität hat die medizinische Dringlichkeit, zweite Priorität der medizinische Nutzen und die Wartezeit dritte Priorität. Je nach diesen Prioritäten werden dann die Organe des Spenders schweizweit zugeteilt."

Er bezieht sich auf den Fall eines 16-jährigen Mädchens, dass ohne eine neue Lunge sterben würde. Der Arzt habe es auch schon erlebt, dass sich Eltern eines schwer verunfallten Kindes eine Organtransplantation wünschen, damit der Tod wenigstens jemandem geholfen habe. Ausserdem sei die "Wahrscheinlichkeit, dass wir morgen im Unispital Zürich liegen und dringend auf ein Organ warten, wesentlich grösser als selbst zum Spender zu werden."

Ethikerin Baumann fürchtet um einen Verlust der Integrität: "Ich lebe gerne in einem Staat der für Autonomie und Freiheit steht, von der Wiege bis zur Bare." 

"Geld ist kein Thema"

Organspende und die Änderung des bestehenden Systems könnte wohl endlos für Gesprächsstoff sorgen. Ein Telefonanrufer bringt den letzten Diskussionspunkt in die Runde: das Geld. Er befürchte, dass die "Organindustrie" durch die Automatisierung mehr verdienen wolle. 

"Geld ist kein Thema", sagt Swisstransplant-Chef Franz Immer. "Transplantationen finden allgemein versichert statt. Es gibt keine erste oder zweite Klasse und auch bei der Zuteilung gibt es keine Priorisierung." Auch sei eine Änderung des Systems kein Vorbehalt, mehr Operationen durch zu führen. "Operationen haben den Zweck, die Empfänger zu retten."  

Sehen Sie hier die ganze Sendung:

Automatisch Organspender?

Automatisch Organspender?

Ist die Volksinitiative „Organspende fördern – Leben retten“ eine sinnvolle Massnahme oder Missachtung eines grundlegenden Menschenrechts?