TV-Kritik
«Herr Mörgeli, Sie sagen Sachen, da frage ich mich, denken Sie überhaupt mit»

Das Lächeln blieb Zuschauern wie Teilnehmern und Medienbeobachter der Talksendung bei Anne Will im Hals stecken. Nur einem nicht, dem SVP-«Programmchef» Christoph Mörgeli.

Daniel Fuchs
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Christoph Mörgeli bei Anne Will.

Christoph Mörgeli bei Anne Will.

(Screenshot ARD)

Christoph Mörgeli doppelte nach und wagte sich nach «Compagnon» Roger Köppel – wie ihn der NZZ-Chefredaktor, der mit Mörgeli diskutierte, nannte – in die Höhle des Löwen.

Verbündete hatte Mörgeli zu Gast bei der ARD-Talkmasterin Anne Will gestern Abend keine, bis auf Frauke Petry, deren Partei Alternative für Deutschland (AfD) der SVP nacheifert.

Nachdem die Moderatorin diese aber in die Ecke gedrängt hatte, weil sie Fragen nicht gelten lassen wollte, wurde es stiller um die AfD-Sprecherin. Und so konzentrierte sich die ARD-Regie in der Folge mehr auf ihre langen Beine, denn auf ihre Äusserungen.

Mörgelis Auftritt aber spaltet heute Morgen nicht nur die Twitter-Community, sondern wurde auch in den deutschen Medien kontrovers aufgenommen.

Köppel macht Erster

«Diese Art von Populismus lässt das Hirn schwinden – wie ein Stück Zucker im Tee», resümiert die «Welt» auf ihrer Website und spielt damit Mörgelis Sprachbild an, dass er Friedrich Dürrenmatt entlehnte: Staaten ohne Grenzen – prophezeite Mörgeli – drohten sich aufzulösen wie ein Stück Zucker in einer Tasse Tee.

Die «Frankfurter Allgemeine» wirft Mörgeli auf faz.net wegen dessen Verniedlichung der «primitiven SVP-Plakate» einen «Köppel» zwischen die Beine: Nach seinem Auftritt bei der ARD würden ihm die deutschen Medien künftig den Chefredaktoren der «Weltwoche» vorziehen.

Der Schweizer Blick zu den Briten

In der Sendung ging es von Beginn weg rasant zu und her: «Sie sagen manche Sachen, da frage ich mich, denken Sie überhaupt mit?», fragte Gesine Schwan bald einmal entnervt. Die Politologin Schwan regte sich fürchterlich über die nationalistische Rhetorik des Gastes aus der Schweiz auf.

In gewohnt rechtskonservativer Manier landete SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli dagegen Hieb um Hieb gegen die Europäische Union: Dem luxemburgischen Aussenminister Jean Asselborn schleuderte er an den Kopf, ein «abgehobener EU-Funktionär» zu sein. Das machte diesen wütend, so dass er insistierte, von der luxemburgischen Bevölkerung gewählter Minister zu sein.

Mörgeli liess sich nicht beirren und trug weiterhin sein Dauerlächeln zur Schau. Die EU sei über die Köpfe der Bürger entstanden. Auch Asselborns Luxemburger würden, könnten sie denn, bei einer Volksabstimmung Ja sagen.

Asselborn wehrte sich tapfer und unterstrich, Luxemburg würde mit seinem Ausländeranteil von über 40 Prozent sehr gut mit der Personenfreizügigkeit fahren. Der Schweizer Mehrheitspolitik warf er Rosinenpickerei vor. Verkannte er die Lage, als er über Grossbritannien zu sprechen begann? Asselborn: Die Schweiz habe «das etwas Grossbritannien abgeschaut: Sie stehen am Rand der EU und wollen sich nur das herausnehmen, was gut für sie ist».

Rechtspopulismus bleibt

Weiterhin gut gelaunt zählte Mörgeli den Zuschauern und seinen Mitdiskutanten Problem um Problem auf: Von der drohenden Zubetonierung der Schweiz über die steigenden Sozialausgaben in den Städten bis hin zu den teurer werdenden Hausratsversicherungen wegen der Einbruchswelle – all das stünde im Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit.

Der NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann versuchte zwar noch, das Bild der «anderen» Schweiz zu vermitteln: In der Schweiz herrsche trotz Personenfreizügigkeit faktisch Vollbeschäftigung, wobei diese helfe, den Fachkräftemangel zu beheben.

In Erinnerung dürfte jedoch den (deutschen) Zuschauern vor allem das Dauerlächeln des Schweizer SVP-Strategen Mörgeli bleiben – und eine geballte Ladung Rechtspopulismus, wie er in der Schweiz Mehrheiten verschafft.