Burkaverbot
Herr Lötscher hat Angst – der Kampf eines Luzerner Rentners gegen die Burka

Rentner Erwin Lötscher sieht sich selber als Winkelried im Kampf gegen ein Kleidungsstück, das die Schweiz zu spalten droht. Der 74-jährige Luzerner hat im Alleingang fast 10'000 Unterschriften für die Burkaverbotsinitiative gesammelt. Besuch bei einem Wütenden.

William Stern
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Erwin Lötscher an seinem Wohnort in Willisau.

Erwin Lötscher an seinem Wohnort in Willisau.

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Heute waren die Fallen leer. Erwin Lötscher richtet sie jeden Tag, eine nahe beim Gartenbeet, wo Kartoffeln, Zuckerhut und Tomatenstauden wachsen, eine beim Aufgang zum Vorplatz. 24. Juni: 1 Hausmaus, 2. Juli: 1 Spitzmaus, 13. Juli: 2 Schwarzmäuse, 3. August: 1 Feldmaus – akribisch notiert der 74-Jährige, wann und wo er die Mäuse gefangen hat.

Erwin Lötscher ist vielleicht gerade der bekannteste Rentner der Schweiz. Er war im «Blick», wurde von «La Liberté» porträtiert, hatte einen Auftritt in einem SRF-Dokfilm und wurde in der SVP-Hauspostille «Schweizerzeit» verewigt.

Die Zahl, die seinen Ruhm begründete, kann er rückwärts im Schlaf aufsagen: 9638. So viele Unterschriften hatte Lötscher für die Burka-Initiative des Egerkinger Komitees gesammelt. Vom 5. April 2016 bis zum 10. September 2017 fuhr Lötscher mit seinem Toyota Yaris Hunderte Schneisen in die Zentralschweiz. Herzogenbuchsee bis Mettmenstetten auf der Ost-West-Achse, Schwarzenberg bis Reinach auf der Nord-Süd-Achse. 3607 Kilometer. Ein Einzugsgebiet von knapp 800'000 Menschen. Zweimal die Stadt Zürich.

Lötscher machte unbewusst das, wovon Städter, Journalisten, Architekten, Landschaftsgestalter, Städteplaner, Zukunftsforscher, liberale und linke Politiker in letzter Zeit so oft ehrfürchtig raunen: Er fuhr ins Land und sprach mit den Leuten. Einfach so.

Willisau LU. An der Tankstelle vorbei, im grossen Kreisel die erste Ausfahrt rechts, an der zweiten Kreuzung links; danach immer links halten, sonst landen Sie in der Altstadt. Rechts sollte jetzt die Apotheke auftauchen, linkerhand die Kirche, süüferli das Steuerrad nach links halten, dann gleitig wieder rechts abbiegen, aber nicht allzu scharf, sonst gehts hoch zum Bleikiwald. Noch 300 Meter, immer geradeaus, die Garage lassen Sie links liegen, dann sollten Sie mich sehen, ich stehe im Garten, die Harke in der Hand und schaue den Autos nach, hinter mir eine grosse Schweizerfahne, die einzige hier am Platz. Hier wohne ich, Erwin Lötscher. Herzlich willkommen im Schweizer Durchschnitt.

Munition gegen die Islamisierung

Wahrscheinlich müssten die Politiker und Politologen, die Geisteswissenschafter und Historiker, die an der Seele des Schweizers in der jüngeren Vergangenheit regelmässig verzweifeln, einfach mal zu Lötscher nach Willisau fahren. Der pensionierte Gabelstapelfahrer ist ein lebendiges Umfrageinstitut. 20'000 Leute hat er in den letzten eineinhalb Jahren befragt. Lötscher war auf dem Chäsmart in Hutten, im Sport-Rock Hergiswil, am Motocross-Treff in Grosswangen und auf dem Biomarkt in Zofingen. Er war an der grossen Badenfahrt und an der Pferdeschau in Sempach, am Summermärit in Sumiswald und beim Ländlerabend in Trubschachen.

Bei Wind und Regen, beim schlimmsten Souwetter und bei Bruthitze und sengender Sonne schlich Lötscher durch Menschenmassen, tastete sich an Stammtische heran und hielt sich von Uniformierten fern – auf öffentlichem Grund ist es ja so eine Sache mit dem Unterschriftensammeln. In der Hand immer den abgewetzten weissen Plastiksack («Schwarzenegger – Textilwäsche für die ganze Familie»), darin ein weiterer Plastiksack, darin hunderte Unterschriften-Bögen, kiloweise Munition in der Abwehrschlacht gegen die angebliche Islamisierung der Schweiz.

Lötschers Reduit: Munition in der Abwehrschlacht gegen die angebliche Islamisierung.

Lötschers Reduit: Munition in der Abwehrschlacht gegen die angebliche Islamisierung.

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50 Prozent haben ihn zum Teufel gejagt, sagt Lötscher, Linke und FDP-Leute, vor allem; das habe ihm dann schüli weh getan, die anderen 50 Prozent aber, die haben ihm «aus der Hand gefressen». Schelmisches Lächeln. Lötscher hat die Begegnungen mit den Menschen tief im Gedächtnis abgespeichert. Sie sind für den 74-Jährigen der letzte Beweis dafür, dass die Burka, «dieser eklige Stofffetzen», keinen Platz hat in diesem Land.

Er erzählt von dem ägyptischen Ehepaar, eingebürgert seit mehreren Jahrzehnten, das eine Arztpraxis in der Gegend führt und ihn regelrecht «aufgefressen» hatte: im positiven Sinn. «Die Burka, sagten sie mir, sei ein Unterdrückungsobjekt, sie seien nicht aus Ägypten in die Schweiz gekommen, um hier die Islamisierung mitzuerleben. Rüdig scharf waren die auf die Initiative.» Oder die Frau eines Maschineningenieurs, der in den Achtzigerjahren im Irak gearbeitet hat: «Eine blonde Frau, nicht mehr ganz jung, sie kam auf mich zu, und ich sagte zu mir: Oh, oh, Lötscher, die führt nichts Gutes im Schild. Dann aber erzählte sie mir, dass sie in den Achtzigerjahren einmal ihren Mann im Nahen Osten besucht hatte. ‹Mal schauen, ob man dort leben kann.› Weil sie sich weigerte, ein Kopftuch anzuziehen, wurde sie von dem Saupack mit schwarzer Farbe übergossen.» Oder die junge Frau, die ihm sagte, dass sie am liebsten am Zoll arbeiten würde, damit sie den Islamfrauen den «Hudel vode Schnorre riisse chan.»

Schüüfeli mit Sauerkraut und Kartoffeln

Punkt 6.30 Uhr klingelt der Wecker. Manchmal wacht Lötscher aber auch früher auf. Heute zum Beispiel, da träumte ihm, dass die Heizung rinnt. Zwei Minuten vor halb sieben stand er hellwach im Bett. Tatsächlich leckte die Heizung. Seltsam, diese innere Uhr. Dann gehts zum Kontrollgang rund ums Haus, im Briefkasten liegen die Post und der «Blick». Frühstück, Dreiviertelstunde, dann Rasieren, Waschen, sotigs Züg. Halb 11, manchmal kommt dann ein Telefon, dann ist der ganze Zeitplan über den Haufen geworfen.

Herr Lötscher in seinem Wohnzimmer mit Morgenlektüre.

Herr Lötscher in seinem Wohnzimmer mit Morgenlektüre.

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Heute blieb das Telefon stumm, Lötscher stellte das Zmittag bereit, Reste von gestern, es gibt Schüüfeli mit Sauerkraut und Kartoffeln. Während dem Unterschriftensammeln hat er manchmal vergessen, Zmittag zu essen. Acht Kilo weniger hat die Waage am Schluss angezeigt.

Zum dritten Mal arbeitslos

Am 10. September, als Erwin Lötscher zusammen mit den Leuten vom Egerkinger-Komitee – Walter Wobmann, Anian Liebrand, Naveen Hofstetter – vor dem Bundeshaus die Burkaverbots-Initiative einreichte und mit seinem selbstgebastelten Schild (‹9638 Unterschriften gesammelt›) um den Hals an einen geistig verwirrten Prediger erinnerte, ist Lötscher ein drittes Mal arbeitslos geworden. Das erste Mal war bei seiner Pensionierung, 2008.

Die Geistlich AG – «Unser Credo heisst Vertrauen» – hatte keine Verwendung mehr für den alten Mann, der in 30 Jahren in allen Funktionen für die Firma tätig war: Gabelstapelfahrer, interner Pöstler, Knochensäger – «den Lötscher konnte man überall gebrauchen.» Stolz schwingt mit in der Stimme des alten Mannes.

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde er ein zweites Mal arbeitslos. Seine Frau, verheiratet seit den Siebzigerjahren, eine blonde Schönheit, toupiertes Haar, jahrelang im Service tätig, dem Alkohol nicht abgeneigt, starb im März 2016. Leberzirrhose. Teufelszeug. Zuvor kümmerte sich der Pensionär während Jahren um seine Frau, nachdem sie mehrere Schlägli im Kleinhirn erlitten hatte. Lötscher seufzt, joaa, so war das.

Jetzt poltert Lötscher mit der Faust auf den Tisch. Das ausgebleichte Plastiktischtuch mit den fahlpinken Rosenstauden verrutscht, die Sehnenscheidenentzündung, die er sich beim Jäten holte, ist vergessen. Lötscher, untersetzt, knapp 1.70 m gross, vierschrötig, will jetzt laut werden. Man sieht ihm den ehemaligen Bauer an. Herr Lötscher, haben Sie schon mal eine Burka gesehen, in echt?

Herrgottsternechaib, spielt es eine Rolle, ob der Lötscher schon mal eine Burka gesehen hat, in echt? Er sieht sie ja täglich im Fernsehen, er sieht sie im «Blick», wenn Nora Illi dort wieder einmal über die schikanöse Behandlung ihrer Salafisten-Truppe durch die Behörden lamentieren darf. Und ja, er hat natürlich schon einmal eine Burka gesehen, letztens nämlich, da fuhr er bei Merlischachen an einem Aussichtspunkt vorbei, da standen zwei Verhüllte neben ihrem Auto. Ein Mann aber sei weit und breit nicht zu sehen gewesen, keine Spur, das heisse ja, huere cheibegfutz, dass die Frauen selber Autofahren! Mit dem Schleier! Gefährlich sei das, jawoll.

Zu viele Menschen in der Schweiz

Lötscher hat auf einem linierten Papierblock notiert, was ihm nicht gefällt am Islam. Es ist eine lange Liste. Sieben Seiten, dicht beschrieben. Wenn er im Gespräch nicht mehr weiter weiss, konsultiert er sie. Er schiebt dann die Hornbrille etwas näher an die Augen, hält den Block fest in den Händen mit den schwieligen Fingern und liest in holprigem Deutsch: «Nur die SVP macht etwas gegen die Islamisierung der Schweiz – deshalb: Burkaverbot.» Oder: «Die Personenfreizügigkeit hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen ins Land kommen. Diese brauchen Platz und Wohnungen. Das Kulturland verschwindet. Darum: PFZ Nein!»

Lötschers Notizzettel: Stationen seiner Mobilisierungs-Tour.

Lötschers Notizzettel: Stationen seiner Mobilisierungs-Tour.

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Es gibt aber auch noch eine andere, eine persönlichere Erzählung, warum Lötscher den Islam, den er auf der ersten Silbe betont, nicht mag, und sie hat nicht allzu viel mit dieser Religion zu tun. In dieser Erzählung ist Geschichte linear und die Schweiz bald ein dunkler Ort. In den Strassen schwarze Gewänder, in den Häusern flackernde Lichter. Der Strom aus dem Ausland nimmt zu und der Strom in den hiesigen Leitungen ab. «Es ist doch sonnenklar, dass die Schweiz nicht alle aufnehmen kann, z'vil isch z'vil!»

Hidschab & Co. – Verhüllungen vom Kopftuch bis zur Burka:

Hidschab Wird vor allem als Bezeichnung für ein Kopftuch verwendet, das Haar und Ohren vollständig bedeckt, das Gesicht indes frei lässt. Meist werden zusätzlich die Halsregion, der Ausschnitt und eventuell die Schultern bedeckt.
8 Bilder
Al-Amira Ein zweiteiliger Schleier, der aus einer Art eng anliegender Kapuze und einem röhrenförmigen Schal besteht.
Chimar Ein mantelartiger Kopfüberwurf, der Haar, Hals und Schultern vollständig bedeckt, aber das Gesicht frei lässt. Der Chimar reicht bis zur Taille.
Abaja Ein mantelartiges Übergewand, das vom Hals bis zu den Füssen reicht. Sie wird in der Regel zusammen mit einem Hidschab oder einem Niqab getragen.
Tschador Besteht aus einem grossen, in aller Regel dunklen Tuch, das die Form eines Halbkreises hat. Er bedeckt den ganzen Körper, das Gesicht bleibt meistens frei. Der Tschador ist vornehmlich im Iran verbreitet.
Niqab Ein schwarzer Gesichtsschleier, der meist in Kombination mit einer Abaja oder einem Tschador getragen wird. In der Regel bleibt nur ein Sehschlitz frei. Der Niqab ist vor allem in Saudi-Arabien und in anderen Regionen der Arabischen Halbinsel verbreitet.
Burka Ein Ganzkörpergewand, das den weiblichen Körper vollständig verhüllt. Nur bei der Augenpartie weist sie ein Sichtfenster auf, das mit einem feinmaschigen Gitter versehen ist. Die Burka wird vor allem in Afghanistan und in einigen Teilen Pakistans getragen; sie besteht aus
Burkini Kein traditionelles muslimisches Kleidungsstück, sondern eine moderne Erfindung, die es Muslimas erlaubt, beim Baden auch strengen religiösen Vorschriften zu genügen. Der Schwimmanzug besteht aus zwei Teilen mit integrierter Kopfbedeckung und nimmt weniger Wasser auf als

Hidschab Wird vor allem als Bezeichnung für ein Kopftuch verwendet, das Haar und Ohren vollständig bedeckt, das Gesicht indes frei lässt. Meist werden zusätzlich die Halsregion, der Ausschnitt und eventuell die Schultern bedeckt.

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In dieser Erzählung ist nicht mehr vom Muslim die Rede, sondern vom Ausländer, der bald einmal zum Fremden wird und schliesslich zum Anderen. Es geht vom Grossen ins Kleine, und am Schluss wäre wohl auch der Nachbar aus Ettiswil einer z'vil in Willisau. Lötscher malt düstere Zukunftsvisionen in die kleine gekachelte Küche mit der hölzernen Eckbank. Es sind die gleichen Dystopien, die das Komitee «Energiegesetz Nein» bei der letzten Energieabstimmung in eine Broschüre gepackt hatte: Da werden Fussballspiele wegen Strommangel abgesagt, Staubsaugen ist nur noch bei Sonnenschein erlaubt und Bananen werden gleich ganz verboten.

«Der Wohlstand», sagt Lötscher, «ist viel zu hoch» und meint damit den Wohlstand der anderen. Ihm selber gehe es gut, moll, noch, er habe sich schliesslich immer eingeschränkt, sein Leben lang. Wenn nun die Anderen aber kommen und immer nur fordern, fordern, fordern, dann reiche es eben nicht, «dann wollen die bald auch noch, dass ich am Abend den Fernseher früher ausschalte», Gopfertelicheibnomal.

Lötscher, Jahrgang 43, ist ein Kind der Nachkriegszeit. Als er zur Welt kam, lag zwar halb Europa in Trümmern, aber die Gefahr des Faschismus schien ein für alle mal gebannt. Die Zukunft lag vor einem und sie konnte nur besser werden als die zerbombte Vergangenheit und die staubgraue Gegenwart. Die Politiker und die Arbeitgeber und die Werbeleute riefen es in die Mittelstands-Wohnzimmer dieses Kontinents: «Arbeite hart, dann lebst du gut.»

Lötscher ist dem Ruf gefolgt, er hat ein Leben lang geschuftet, trotz Hohlfuss und Speichfuss und Hallux, hat geknüppelt und gebügelt und geackert, stand so lange ohne Gehörschutz an der elektrischen Knochensäge, dass es ihm heute in den Ohren pfeift. Er radelte mit seinem alten Pöstlerrad dem Versprechen des Wirtschaftswunders hinterher und kam ihm so einige Male recht nahe. Zum Beispiel, als er mit dem Geld der Eltern ein Einfamilienhaus kaufte. Oder als er sich in den Siebzigerjahren sein eigenes Häuschen baute, in dem er jetzt noch wohnt. Den ganzen Winter '73 durch stand er auf der Baustelle, alles eigenhändig hochgezogen.

Aber Lötscher weiss auch: Wenn er heute noch einmal jung wäre, dann würde es ihm nicht mehr so gut gehen.

Vielleicht ist Lötschers Auflehnen gegen die Zukunft seine Art, Solidarität zu zeigen mit der nachfolgenden Generation.

Austritt aus der Kirche

Lötscher, der alte Mann im Entlebuech, ist auch eine Uhr, ein Geschichtsbuch, ein Gradmesser für die Veränderung der Region. Diese Uhr ist stehengeblieben. Lötschers Heimat ist nicht in Gefahr, Willisau sieht – abgesehen von den drei Eritreern, die am Mittag durchs Dorf schlendern – so aus wie vor 25 Jahren. Die Schnuddergoofe und Schnuddermeitschi, die schnäderfräsigen, die schon am frühen Abend mit der Bierflasche in der Hand am Dorfplatz blaaged und über die sich Lötscher so masslos ärgert, gab es auch schon in den Achtzigern.

Noch lässt man die Kirche im Dorf, noch regiert hier, im Stammland der Katholiken, die Hüterin der Werte, die CVP. Solide 44 Prozent gab es bei den letzten Wahlen, zweitstärkste Partei ist die FDP, dann kommt die SVP. Lötscher hat früher auch CVP gestimmt, «weils der Vater so gemacht hat», aber seitdem die Kirche in Frick ihr Kreuz zugedeckt hat, aus Angst, religiöse Gefühle der Nichtkatholiken zu verletzen, wie Lötscher weiss, kann ihm die Kirche gestohlen bleiben. Spart er halt Steuern, ja nu. Hätte er schon viel früher machen müssen, eigentlich.

Ein anderer Herr Lötscher

Drei Tage später. Telefon von Lötscher. Der Mann brüllt in den Hörer, wie es nur alte Männer machen. Man weiss ja nie, was unterwegs verloren gehen könnte, und Lötscher hat etwas zu sagen. Er tönt jetzt anders, aufgebrachter, aggressiver, unbarmherziger; das langgezogene Buuretütsch-«joaaa», mit dem er seine Sätze sonst abschliesst und mit dem er den härtesten Beleidigungen ein Versöhnungsangebot hinterherschickt, fehlt.

Lötscher sagt Dinge, die an der Grenze des Justiziablen liegen, er wettert durchs Telefon, dass alle kuschten, der Bundesrat, die linken Saucheiben, die Amerikaner, und am Schluss komme dann eben halt das Handabhacken. Nur er, der Lötscher Erwin aus Willisau, rede. «Ich rede!»

Wieso tönen Sie jetzt plötzlich so, Herr Lötscher? Lötscher fährt runter, wird kleinlaut, der Heizkessel müsse entrusst werden, da komme ihm halt gäng anderes in den Sinn.

Kann er verstehen, dass er mit seinem Kampf gegen die Burka den Leuten Angst macht? Lötscher versteht die Frage nicht, es ist ja gerade umgekehrt, der Islam macht ihm Angst.

Sind Sie eigentlich ein Rassist, Herr Lötscher? Man darf ihn das fragen, es folgt keine entrüstete Reaktion. «Neineineinei, gar nöd». Er wolle nur ein bisschen Sorge tragen zur Schweiz, «damit es ist, wies sött si, wie ichs wött.»

Vielleicht ist es so: Wenn der Heizkessel russt, wenn die Mäuse nicht in den Fallen zappeln, sondern sich an den Salatblättern vergehen, dann ist Feuer unterm Dach, dann bläst Lötscher zum Halali. Sonst ist er einfach ein knorriger alter Mann mit sehr sehr konservativen Ansichten.

Hier in der Schweiz

Wir stehen vor seinem Haus, Lötscher, die rot geäderten Hände auf das Holzgeländer gestützt, überblickt sein kleines Reich. Fünf Reihen Kartoffeln, Salate und Tomaten, dahinter die Quartierstrasse, dahinter eine Reihe Einfamilienhäuser, dahinter der Schlossfeldhügel mit dem kleinen Schulhaus obendrauf. Rechts geht es ins Dorf, links in eine Sackgasse. Die Herbstsonne taucht das Entlebuech in eine schläfrige Mittagsruhe.

Lötscher ist 74, er wird die Islamisierung, vor der er sich so sehr fürchtet, nicht mehr erleben, er hat keine Kinder, keine Nachkommen. Seine Kassettensammlung – Andy Borg, Andreas Hauff, Austria Fredy – will er dem Reporter vererben. Was treibt diesen Mann an? Lötscher schweigt lange. Letztens, da habe er seinem Schwager gesagt, «los, Toni, das mit der Burka ist der letzte Bock, den ich rauslasse. Jetzt mag ich nicht mehr.»

Und dann sagt Lötscher noch diesen Satz, den man immer öfter hört in diesem Land, meist von denen, die ohnehin schon laut sind: «Eines will ich ja sagen, wir sind freie Schweizer, wir leben in einem freien Land, wir dürfen ja wohl noch den Mund aufmachen.»

«Ja, wo sind wir denn hier?!»

Wo wir hier sind? In der Schweiz natürlich. Hinter uns weht der Stofffetzen mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund sanft im Wind.