«Hilfe, mir wird ein (Stand-)Bein amputiert!» oder - noch etwas deftiger - «Herr Couchepin, jetzt längts, mer händ d Sprötze parat» oder - eindringlich auch - «Meine Stelle fällt weg» und «Liebe Patienten, wir kämpfen für Sie»: Den Aargauer Hausärztinnen und Hausärzten sowie medizinischen Praxisassistentinnen, die um ihre Stellen bangen, ist es bitter ernst.

Das zeigte sich nicht nur an ihren Transparenten, die sie durch Aarau trugen, sondern auch am Grossaufmarsch zu diesem Aktionstag. «Wir hatten für die Demo eine Bewilligung für 200 Personen», strahlte Giorgio Bugliani, Hausarzt und Präsident des Aargauer Ärzteverbands. «Gekommen sind 1250 Personen.» Sie alle protes-tierten gegen die von Bundesrat Pascal Couchpin angeordnete erneute Senkung der Labortarife und gegen eine weitere Schwächung der Hausarztmedizin.

Begrüssung zum Amtsantritt

Der eindrückliche Demonstrationszug der «Weisskittel» bewegte sich zur Bachstrasse 15, seit gestern der Arbeitsort der neuen Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli. Gegen sie, das wurde schnell klar, hegt niemand einen Groll. Im Gegenteil - man will sie als Verbündete gewinnen und hofft auf eine fruchtbare, offene Zusammenarbeit. «Alle Ärztinnen und Ärzte wünschen Ihnen viel Kraft, Durchhaltewillen und Erfolg bei der Ausübung Ihres Berufes», betonte Giorgio Bugliani. «Helfen Sie uns, dass die medizinische Grundversorgung nicht in Raten kaputt gemacht wird», lautete sein Appell.

Und er überreichte ihr die persönlichen Telefonnummern von Bundesrat Couchepin mit dem Wunsch, sie werde «einen guten Draht» zu ihm finden. «Im Moment», konterte Hochuli, «kann ich Bundesrat Couchepin nicht erreichen. Er ist beim Apéro.»

ArgoDoc-Präsidentin Patricia Herzog wies darauf hin, dass es viele Themen gebe, die die Grundversorger und den Regierungsrat gleichermassen interessierten. «Wir sind jederzeit für Gespräche bereit.» Aus den Händen von Herzog erhielt die Gesundheitsdirektorin an ihrem ersten Arbeitstag ein junges Boskop-Apfelbäumchen. «Es symbolisiert das Gesundheitswesen, und wir Grundversorger sehen uns als dessen Wurzeln.

Werden die Wurzeln vernachlässigt, gibt es bald keine Äpfel mehr zu ernten.» - «Der Boskop ist ein saurer Apfel. Wir müssen zusammen hineinbeissen», führte Hochuli die Bildsprache fort. «Ich weiss, dass die Hausärzte 80 bis 90 Prozent der Patienten abschliessend behandeln», fuhr sie anerkennend fort. Wies aber auch klar darauf hin, dass die Grundversorger offen sein müssen für notwendige strukturelle Veränderungen.

Praxislabor wie der Hobel

In aufgeräumter Stimmung zogen die Demonstranten auf den Kasinoplatz. Dort kamen sie in den Genuss von zwei feurigen Reden. «Das Praxislabor ist ein Instrument des Grundversorgers wie der Hobel für den Schreiner. Und genau wie der Schreiner muss der Grundversorger die Kosten für sein Arbeitsgerät im Auge behalten», sagte Bugliani. «Kein Schreiner verdient Geld mit dem Verkauf von Hobeln. Keine Ärztin und kein Arzt verdienen Geld mit dem Praxislabor.

Die heutigen Preise sind - bei korrekter Berechnung - kostendeckend.» Was nach der Senkung der Labortarife aber nicht mehr der Fall sei. «Dann müssen die Laboruntersuchungen ausgelagert werden - zum Nachteil der Patientinnen und Patienten. Es dauert länger, bis der Befund da ist, verzögerte Therapieentscheide verursachen zusätzliche Konsultationen, längere Abwesenheiten von der Arbeit, unnötige Behandlungen und überflüssige Spitaleinweisungen», fasst Bugliani zusammen. Ausserdem: «Wir können beweisen, dass die Umsetzung des Plans Couchepin jede Analyse um etwa 6 Franken verteuern wird.»

«Wir sind wütend!», rief Patricia Herzog und erntete Applaus. «Herr Couchepin hat uns 2006 versichert, wie wichtig er die Hausarztmedizin findet, und er hat uns Unterstützung zugesichert. Er hat sein Versprechen nicht gehalten. Wir fordern, dass der Labortarifentscheid rückgängig gemacht wird! Wir fordern den sofortigen Rücktritt von Herrn Couchepin, er hat unser Vertrauen verloren!»