Australien macht es vor. Das Land will die Infektionskrankheit Hepatitis C innerhalb von fünf Jahren ausrotten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Regierung im März 740 Millionen Franken gesprochen. Seither haben bereits 30 000 Menschen eine Therapie erhalten.

Während zwölf Wochen nahmen sie hochwirksame Medikamente ein. Heute sind zwischen 93 und 100 Prozent von ihnen geheilt. Diese Woche stellte Gregory Dore, Hepatitis-C-Spezialist und Vorsteher des Kirby Institute in Sydney, das australische Modell am Zentrum für Suchtmedizin Arud in Zürich vor. Die Fakten:

  • Jeder Infizierte erhält eine Therapie – egal, ob die Krankheit bereits fortgeschritten ist oder nicht.
  • Auch Hausärzte dürfen die Medikamente verabreichen.
  • Die Kosten pro Therapie und Patient belaufen sich auf rund 3700 Franken.

Ganz anders sieht die Situation in der Schweiz aus. Schätzungen gehen davon aus, dass 80 000 Menschen das Virus in sich tragen. Diagnostiziert sind lediglich 40 000. Erschwerend kommt hinzu: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erlaubt nur Patienten ab Stadium 2, die bereits unter Folgeschäden des Virus leiden, den Zugang zu hochwirksamen Medikamenten beispielsweise des US-Herstellers Gilead. Der Grund für diese Einschränkung ist der Preis. Eine Standardtherapie von zwölf Wochen kostet hierzulande rund 50 000 Franken.

Die Folgekosten werden weiter ansteigen

Die Situation in der Schweiz ist verworren. «Die Verhandlungen sind von beiden Seiten her blockiert», sagt Philip Bruggmann, Präsident der Expertengruppe für virale Hepatitis und Chefarzt an den Arud-Zentren. Das BAG befürchtet eine Kostenexplosion, und die Pharmafirmen stören sich an der Limitierung. «Die Leidtragenden sind die Infizierten», sagt Bruggmann.

Vergangenes Jahr rauften sich die beiden Parteien allerdings zusammen: Das BAG erlaubte Patienten ab Stadium 2 den Zugang zu den Medikamenten, und der US-Hersteller Gilead senkte die Preise um 20 Prozent. Doch nun stocken die Verhandlungen wieder. «Beim BAG fehlt bislang die Erkenntnis, dass jede betroffene Person behandelt werden sollte. Nicht zuletzt, um Folgen wie Zuckerkrankheit, Hirnschlag und Lymphdrüsenkrebs zu verhindern», sagt Bruggmann.

Stattdessen klagt man beim BAG seit der erweiterten Zulassung der Arzneimittel, dass sie «substanziell» zum diesjährigen Prämienanstieg beitrügen. Beat Müllhaupt, leitender Arzt Hepatologie am Universitätsspital Zürich, kritisiert diese Sichtweise: «Das ist leider nur kurzfristig gedacht.» Er hat in einer neuen Studie errechnet, dass ohne Behandlung die Folgekosten von Hepatitis C jährlich steigen und 2030 einen Peak erreichen. Bis zu 230 Millionen Franken könnten dann anfallen. Deshalb steht für Müllhaupt fest: «Nicht nur Therapien von Patienten mit weit fortgeschrittenem Krankheitsstadium, sondern auch jene in frühen Stadien sind kosteneffektiv.»

Was ist ein angemessener Preis?

Vielleicht kommt aber bald Bewegung in die Debatte. Denn der Medikamentenhersteller Gilead ist punkto Preis offen für Gespräche: «Ist das BAG bereit, Hepatitis C in der Schweiz zu eliminieren und allen Patienten Zugang zu gewähren, bewegt sich auch der Preis», sagt André Lüscher, Geschäftsführer von Gilead Schweiz.

Es sei aber gefährlich, die Schweiz mit Australien zu vergleichen. «Die Ausgangslage in Australien ist eine komplett andere als diejenige hier.» Rund 2500 Patienten erhielten 2015 in der Schweiz eine Therapie. Doppelt so viele wie im Vorjahr, doch zum Vergleich: In Australien werden es in fünf Jahren 230 000 Patienten sein, die von Hepatitis C geheilt sind.

Die Krankenkasse Helsana bemängelt die willkürliche staatliche Preisfestsetzung dennoch. «Der Preis für die Hepatitis-C-Medikamente ist in der Schweiz, gemessen an den Entwicklungskosten, massiv zu hoch angesetzt», sagt Guido Klaus, Leiter Ökonomie & Politik bei der Helsana. Der «angemessene» Preis für eine Therapie über zwölf Wochen müsste seiner Einschätzung nach angesichts des Wettbewerbs zwischen den verschiedenen Anbietern zwischen einigen Hundert und maximal 3000 Franken liegen. Davon ist die Schweiz weit entfernt.

Deshalb sehen sich Patienten zu unkonventionellen Mitteln gezwungen. So importieren einige Betroffene Generika aus Indien. Legal, zum Preis von 1500 Franken. Philip Bruggmann stört sich grundsätzlich an dieser Entwicklung, sieht aber auch Vorteile: «Viele Generikaverschreibungen können zu Preissenkungen beitragen.»