Oscar der Luftfahrt
Helden der Lüfte: Zwei Walliser wurden für Bergrettung ausgezeichnet

Sie haben unbeschreibliches geleistet und Bergsteigern das Leben gerettet. Zwei Walliser haben dafür in Washington einen der prestigeträchtigsten Preise in der Luftfahrtbranche erhalten.

Renzo Ruf, Washington
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Die Air Zermatt.
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Hier fand das Unglück statt.
Die geretteten Bergsteiger.
Unglaubliche Bergrettung

Die Air Zermatt.

Da standen sie nun, die beiden Helden aus der Schweiz: Soeben hatte der Chefredaktor der einflussreichen Zeitschrift «Aviation Week» vor rund 400 Gästen erzählt, wie kaltblütig sie im Frühjahr 2010 vier Bergsteigern auf 7000 Meter das Leben retteten.

Nun hätten Kapitän Daniel Aufdenblatten und Bergführer Richard Lehner den «Aviaton Week Laureate Awards» – wechselweise «Oscar der Luftfahrt» oder «Nobelpreis der Aviatik» genannt – in Empfang nehmen sollen. Doch die Trophäe hatte es nicht ins noble Mellon Auditorium in der amerikanischen Hauptstadt geschafft, wie Tony Velocci ein wenig verlegen eingestehen musste. Macht nichts, gab Aufdenblatten auf Englisch zurück. «Wir werden sie mit dem Helikopter abholen.»

Das wäre wohl für Aufdenblatten, der für das Helikopter-Unternehmen Air Zermatt arbeitet, gar kein derart schwieriges Unterfangen. Selbst über die preisgekrönte Rettungsaktion vom 28. April 2010 sagt er im Gespräch: «Nein, das war nicht der schwierigste Einsatz, den ich je geflogen bin.» Die Bedingungen in Nepal seien letztlich «super» gewesen, auch weil das Thermometer «nur» gerade minus zehn Grad Celsius angezeigt habe. Und die rekordverdächtige Höhe? Immerhin handelte es sich bei der Rettungsaktion mit Helikopter um die erste überhaupt auf 7000 Meter. Nun ja, sagt Lehner. «Wir wussten, dass wir uns sehr nahe am Limit befanden.» Aber Zeit, um sich darüber gross Gedanken zu machen, habe man nicht gehabt.

Notruf aus «Camp 4»

Die beiden Walliser befanden sich im Frühjahr 2010 in Nepal, weil sie für das dortige Rettungsunternehmen Fishtail Air Einsatzkräfte ausbildeten. Die Air Zermatt geniesst, wie sie selber ohne falsche Zurückhaltung sagt, «weltweit den Ruf, die schwierigsten Bergrettungen zu leisten». Von diesem Wissen wollten Piloten und Bergführer in Nepal profitieren. Der Notruf vom 28. April war aber selbst für Aufdenblatten und Lehner, ein eingespieltes Gespann, eine Herausforderung. Sie wussten, dass sich eine Seilschaft seit über 36 Stunden auf über 7000 Meter am Annapurna-Massiv in Gefahr befand.

Den entsprechenden Notruf aus dem «Camp 4» war bei den Rettungskräften im «Base Camp» auf 4200 Meter eingegangen. Ob die drei oder vier Bergsteiger aber per Helikopter erreichbar sein würden, wussten sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Rettung per «longline»

Also entschieden sich Aufdenblatten und Lehner für eine Rettungstechnik, die sich in Zermatt bewährt hat und die im Jargon «longline» genannt wird. Bergführer Lehner hing an einer Leine unter dem Helikopter, die bis zu 200 Meter lang sein kann, in diesem Fall aber rund 30 Meter zählte – auf diese Art und Weise können schwer zugängliche Orte erreicht werden, ohne dass dabei der Helikopter in eine Gefahrenzone fliegen muss.

«Bei Flug Nummer eins handelte es sich um eine Erkundungsmission», erinnert sich Aufdenblatten. Langsam stieg der Helikopter, mit Lehner im Anhang. Dazu wehte ein stürmischer Wind. Die Bergsteiger im «Camp 4» sagten später, sie hätten geglaubt, «wir halluzinierten», als sie ihre Retter sahen. Und die Nepalesen gaben ihm den Spitznamen «Spider-Man».

Allen Ballast abgeworfen

Die Aktion war brandgefährlich: Lehner wurde nur über eine Nasensonde mit Sauerstoff versorgt. «Das war nicht ideal, denn der Fahrtwind peitschte gegen mein Gesicht», sagt er. Auch war sein Körper nicht auf die besonderen Höhenverhältnisse eingestellt. Er durfte sich deshalb nicht allzu lange dort oben aufhalten. «Ich wäre sonst gestorben.» Bei Flug Nummer zwei verfügte Lehner zwar über eine verbesserte Sauerstoffzufuhr. Aber rasch merkte er, erzählt der junge Bergführer mit dem wettergegerbten Gesicht, dass es ihm während des zehnminütigen Steigflugs schwindlig wurde.

Aufdenblatten, der auch mit Sauerstoff versorgt wurde, kehrte deshalb ins «Base Camp» zurück. Flug Nummer drei nahm der Pilot selber in Angriff, nachdem der Helikopter von überflüssigem Ballast befreit worden war. «Selbst die Tür bauten wir aus», sagt Aufdenblatten. Lehner blieb im Basislager und steuerte die Rettungsaktion per Funkgerät, in ständigem Kontakt mit den Bergsteigern und seinem Walliser Freund. Die drei Alpinisten – zwei Spanier und ein Rumäne – konnten, einer nach dem anderen, gerettet werden. Ein vierter Kletterer aus Spanien starb, abseits von «Camp 4».

«Die Luftfahrt ist cool»

In der Aviatik-Industrie machte die Kunde von der schier unglaublichen Rettungsaktion rasch die Runde. «Aviation Week»-Chef Tony Velocci erhielt einen entsprechenden Hinweis des Helikopter-Herstellers Eurocopter, «den ich daraufhin verifizierte», wie er im Gespräch sagt. Die geladenen Gäste – hauptsächlich aus der amerikanischen Rüstungsindustrie stammend – zeigten sich ehrlich begeistert.

Während der fast vierstündigen Galaveranstaltung wurden geschmorte Rindsrippen mit Bohnen serviert, während die Preisträger über die Vorzüge von Waffensystemen wie Drohnen sprachen. Zum Dessert gab es einen butterzarten Schokoladenkuchen. «Ich stimme meinem Vorredner zu», sagte Kapitän Daniel Aufdenblatten, und grinste dabei breit: «Die Luftfahrt ist cool.»