TV-Kritik

«Heinrich, mir graubündt’s vor dir»

Ab nächster Woche im Fokus des Parlaments: Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens.

Ab nächster Woche im Fokus des Parlaments: Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens.

Ganze Teams von Grafikern und Politologen sind auf dem Marathon, eine aber kam frisch ins Ziel: Moderatorin Susanne Wille machte ihren Job grandios. Anfänglich wirkte sie etwas einsam, doch dann mit den 3D-Grafiken war sie perfekt.

Gerade als wir einschalteten, kündigte Susanne Wille eine kurze Pause an – Werbung. Okay, dachten wir, noch ist die Welt im Lot. Vor der «Elefantenrunde» abends klinkten wir uns wieder aus, nach fünf Stunden.

«Der Mist ist geführt», sagte zu jenem Zeitpunkt gerade der Kollege von Tele M1. Auf eine letzte regionale Schaltung verzichteten wir, zum Bündner Sender und den dortigen «Seven sinking Ships». Aus Rücksicht auf Gret, eine Zuschauerin: «Heinrich, mir graubündt’s vor dir.»

Die Zürcher Nationalrätin mit rätischem Nebelhorn, Magdalena Martullo-Blocher, schwang aber auch global obenaus, auf Twitter. Zusammen mit dem Schicksalduo Köppel/Mörgeli. Das wissen wir, weil wir Fernsehen SRF followten, ohne es zu wissen. Ein Schlack im Konfirmandenanzug, Social-Media-Redaktor genannt, musste da gelegentlich melden, wie hoch der Pegel stand im Internet für diesen oder den.

Dem willigen Kollaborateur wurde wohl eingeimpft, neue Medien lieferten automatisch auch neue Erkenntnisse. Insgeheim diente er freilich eher dem Dekor, nicht anders als die Rauchglas-Duschwand.

Dahinter sammelten weitere Kollaborateure schemenhaft Daten. Der vertrauensvolle TV-Konsument nimmt mal an, dass sie nicht nur als Statisten so agierten, sondern wirklich von PC-Schirm zu PC-Schirm pirschten. Auch das ist moderne TV-Travestie mit Grossraumbüro und XY-Studio.

Wo eine Wille ist, ist auch ein Sog

Trotzdem: Die neuen Gadgets bieten auch fantastischen Gewinn. Politologen und Grafiker feiern an Wahlsonntagen regelmässig Orgien. Mindestens seit man Wahlsendungen derart in die Länge zieht.

Der Tag erscheint wie ein Traum, da die «Tagesschau» in sieben Minuten alle Resultate als Farbsäulen kommentarlos serviert. Getreu der angelsächsischen News-Devise: «Gib einfach die Nachricht durch, um den restlichen ‹Blast› kümmere dich nicht.» Am anderen Tag sagt einem dann ein kühler grauer Wolf in der Zeitung, was man davon zu halten hat. Diesen Tag, Erschöpfte, den gibts nimmermehr.

Zum Glück hilft heute digitales Geschick über den zähen Teig hinweg. Dazu ein paar humane Ideen von TV-Programmstrategen. Wie das Erinnern an jene, die während der letzten Legislatur verstorben sind – erschreckend, wie schnell der «Betrieb» heute den Einzelnen ersetzt und vergisst.

Das zu spüren in einer Anstalt, die heute so sehr die politische «Betriebsamkeit» prägt, spricht für die Anstalt. Die zeitweilige Unangekränkeltheit vom eigenen Fieber, womit man alle sonst ansteckt, ist eine wesentlichere Unabhängigkeit als die Unabhängigkeit von Parteien.

Doch neben der Fiebrigkeit der Schaltungen und Interviews hat man sich bei SRF auch Neues einfallen lassen. Die Sitzverteilung im Parlament als beliebig schalt- und drehbare 3D-Grafik mitten ins Studio zu beamen und darin wie mit farbigen Dominosteinen zu jonglieren, war beeindruckend.

Wenn Susanne Wille, die Hauptmoderatorin des Marathons, sich jeweils aufmachte in diesen Lightroom, wirkte sie anfänglich einsam, ohne Projektion, dann jedoch, mit 3D-Grafik, wie eine Harriette Potter des Journalismus. Blasius – man kanns auch angelsächsisch sachlich sagen:

Wille war perfekt.

Claude Longchamp mochte sich in der Vergangenheit zuweilen geirrt haben in seinen Prognosen (gestern übrigens nie). Vor Jahren hingegen vorauszusagen, als man Wille beim «Talk» auf Tele M1 sah, dass hier angeborenes Talent einen starken Weg gehen wird, war leicht.

Gestern erbrachte sie endgültig den Beweis. Zehn Stunden lang so viele Namen und Vornamen sicher in die Runde zu werfen, dermassen gut vorbereitet in allen Regionen zu sein und dabei den Tag lang glaubwürdig journalistische Frische auszustrahlen, das ist ... verflucht! Schon die letzte Zeile.

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