HIV
Heimliche HIV-Tests an schwangeren Frauen

Der Bund empfiehlt bei Schwangeren flächendeckende Aids-Tests. Doch manche Gynäkologen lassen den Test aus - andere informieren die Betroffenen nicht.

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Gynäkologische Untersuchung einer schwangeren Frau

Gynäkologische Untersuchung einer schwangeren Frau

Keystone

Karen Schärer

Jennifer Annen und Benj Wöhrle sind zwei von rund 160 HIV-positiven Jugendlichen unter 25 Jahren in der Schweiz. Wie sie in dieser Zeitung erzählten, leben sie seit ihrer Geburt mit dem Virus (Ausgabe vom 1.12.). Jennifer Annens Mutter war sich nicht bewusst, dass sie Trägerin des Virus ist; Benj Wöhrles Mutter hatte sich in der Zürcher Drogenszene angesteckt.
Die Zahl der Kinder, deren Mutter sie bei der Geburt mit HIV ansteckt, ist mittlerweile klein: Denn heute geht man in der Schweiz systematisch vor, um eine Übertragung von der Mutter auf das Kind zu verhindern. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt Frauenärztinnen und -ärzten, alle Schwangeren auf HIV zu testen. «Die Tests finden flächendeckend statt», ist Roger Staub, Leiter Sektion Aids beim BAG, überzeugt. Eine entsprechende Weisung hat auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) herausgegeben. In einem so genannten Expertenbrief aus dem Jahr 2007 heisst es: «Jeder schwangeren Frau sollte bei der ersten Schwangerschaftskontrolle nach entsprechender Beratung die Durchführung eines HIV-Tests angeboten und empfohlen werden.»

Tests ohne Einwilligung

Obwohl die Schwangeren also darüber informiert werden müssten, kommt es vor, dass sie nicht wissen, dass ihr Blut auf HIV untersucht wird. Dies bestätigt eine kurze Umfrage: Von 16 angefragten Müttern, deren Kinder heute zwischen sechs Monate und vier Jahre alt sind, waren nur 6 über einen HIV-Test informiert worden.
Das heisst aber nicht, dass bei den anderen 10 kein Test gemacht wurde. 3 Frauen erfuhren im Nachhinein, dass sie auf HIV getestet wurden. 2 von ihnen entdeckten auf einem Kontrollblatt, dass ein Aids-Test gemacht worden war. Ihre Ärztinnen hatten sie weder um Erlaubnis gefragt noch über das Resultat informiert. Die dritte Frau erfuhr vom Test spät in der Schwangerschaft - und dies nur, weil sie die Ärztin selbst darauf ansprach.
Die Kommunikationspanne ist dem BAG bekannt. «Wir haben Hinweise darauf, dass von Ärzteseite nicht genug darüber geredet wird», sagt Staub. Er nennt das Informationsmanko «ungünstig». Für Irene Hösli, Chefärztin Geburtshilfe am Unispital Basel, ist die Nichtkommunikation «illegal». «Ärzte sind verpflichtet, über Tests zu informieren.»

HIV unter Migrantinnen

Ist die HIV-Infektion der Mutter vor der Geburt bekannt, lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung auf das Kind auf nahezu null Prozent verringern: Das Kind wird nach Möglichkeit per Kaiserschnitt geboren, nach der Geburt vorbeugend während einiger Wochen mit Medikamenten behandelt; HIV-positive Mütter sollen zudem auf das Stillen verzichten.
Trotzdem gibt es in der Schweiz gemäss BAG-Statistik jährlich einige Fälle von Mutter-Kind-Übertragungen. 2003 waren es insgesamt elf, 2006 nur einer, bis Ende September 2009 waren es sechs. Zwischen 2004 und 2007 gab es in der Schweiz keine Übertragung, wenn die Infektion bei der Mutter vor der Geburt bekannt war. «Übertragungen gibt es vor allem noch bei Migrantinnen, die während der Schwangerschaft nicht ärztlich begleitet wurden», sagt Staub.
Eine lückenlose Information über Aids-Tests ist umso wichtiger, als Akteure aus dem Aids-Bereich derzeit darüber diskutieren, flächendeckende Tests auf weitere Bevölkerungsgruppen auszudehnen. In einem aktuellen Papier des BAG steht zum Beispiel, dass einige Akteure die Haltung vertreten, im Bereich der sexuell übertragbaren Krankheiten könne eine «breite Testung» «erfolgsversprechend» sein.