Hund
Heftige Kritik an Zwangs-Hundekursen

Die Schweizerische Kynologische Gesellschaft lässt kein gutes Haar an den neuen Auflagen des Bundes. Die Behörden dagegen glauben an den Erfolg der Kurse.

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Hundekurs

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Limmattaler Zeitung

Von Daniel Ballmer

Der Fall ist klar: Wer sich neu einen Hund zulegt, muss seit Herbst 2008 vorher einen vierstündigen Theoriekurs besuchen. Ist der Vierbeiner angeschafft, muss der Halter bis Ende August mit seinem neuen Gefährten einen Erziehungskurs von mindestens vier Stunden absolvieren. So schreibt es das Bundesamt für Veterinärwesen (BVet) vor. Der Halter soll lernen, «einen Hund zu führen und zu erziehen, Risikosituationen zu erkennen und zu entschärfen und was man tun kann, wenn der Hund problematische Verhaltensweisen zeigt».

Doch das BVet schlug vor kurzem Alarm: Betroffen seien rund 40000 Hundehalter. Bis Ende 2009 hätten aber nur rund 7500 Hundehalter mit ihrem Tier den Kurs besucht. Und: Die Schweizerische Kynologische Gesellschaft vermutet, dass viele nicht einfach nur spät dran sind. Die Dachorganisation der Hundehalter geht vielmehr davon aus, dass zahlreiche Halter die neue Auflage ablehnen: «Ich höre noch immer von vielen Hundehaltern, die sich dagegen sträuben und finden: Das mache ich nicht, das ist nicht nötig, und man wird ja ohnehin nicht kontrolliert», wird Ausbildungsverantwortliche Verena Ammann in der «Neuen Luzerner Zeitung» zitiert.

Gegen solche Kritik wehrt sich das BVet: Man erhalte immer mehr positive Feedbacks. Die bislang säumigen Hundehalter sollten sich nun aber umgehend für einen Kurs anmelden. Denn ab September können die Behörden prüfen, ob der Kurs gemacht wurde - und falls nicht, eine Busse gegen den Halter aussprechen. BVet-Sprecher Marcel Falk hatte allerdings schon mehrfach eingeräumt, dass «eine flächendeckende Kontrolle der Kursnachweise kaum möglich ist». Sie werde aber risikobasiert erfolgen. Im Klartext: Beisst ein Hund zu und wird dies beim Veterinärdienst gemeldet, wird der Halter in die Pflicht genommen. Stellt sich heraus, dass er keinen Kurs absolviert hat, muss er mit Sanktionen rechnen.

Auch in den beiden Basel gehen die Behörden von einzelnen Drückebergern aus. «Das werden aber Einzelfälle bleiben», schätzt der Baselbieter Kantonstierarzt Ignaz Bloch. Bislang gebe es aber keine Übersicht, weil die Hundehalter noch bis Ende August Zeit hätten. Anders in Basel-Stadt, wo sämtliche Halter und Hunde kantonal registriert sind. Kantonstierarzt Markus Spichtig kann genau aufzählen: Von den insgesamt 4943 Hunden hätten noch 846 den praktischen Sachkundenachweis ausstehend. Dies entspricht rund 17 Prozent.

Doch die Kritik geht weiter: Die Kynologische Gesellschaft ortet auch Mängel bei den Kursen selbst. Vier Stunden seien viel zu kurz, um mit dem Hund ausreichend arbeiten zu können. Auch seien die Anforderungen an die Kursleiter zu tief. Zum Teil müssten diese nicht mal selbst einen Hund halten. Vom Sicherheitsaspekt her sei die neue Bestimmung daher «ein Flop». Das Hauptziel, nämlich eine Erhöhung der Sicherheit nach dem tödlichen Unfall von Oberglatt, werde damit nicht erreicht. Zumindest aber sollte der Halter den Hund nach dem Kursbesuch wirklich kontrollieren können. Ammann: «Das bringt man in vier Stunden nicht hin.»

Dramatische Unfälle wie jenen im zürcherischen Oberglatt, als Pitbulls einen sechsjährigen Buben zerfleischten, könne man nie verhindern. Dessen ist sich auch das Bundesamt bewusst. Aber bei leichten Bissverletzungen und im alltäglichen Kontakt zwischen Hund und Mensch seien sehr wohl Verbesserungen zu erwarten. Schliesslich beginne gute Tierhaltung beim kompetenten Halter. Zudem sei «ein gut sozialisierter Hund meist auch einer, der keine Probleme macht». Bis sich die positiven Effekte auch in der Hundebissstatistik niederschlagen, würden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Diese Einschätzung teilt auch Ignaz Bloch. Und: «Die vier Stunden sind das Minimum. Ich gehe davon aus, dass viele Hundehalter freiwillig mehr Stunden machen werden.»

Zurückhaltender zeigt sich sein Basler Kollege. Auch Spichtig hält die obligatorischen vier Stunden für zu kurz. «Aber das war ein politischer Entscheid.» Er hofft jedoch ebenfalls, dass viele Hundehalter freiwillig mehr Stunden absolvieren. Die Zwangs-Ausbildung würde aber zumindest einen Beitrag zur Sozialisierung der Hunde leisten. Der Hundehalter könne in «diesen paar wenigen Stunden» für die Verhaltensmuster des Hundes sensibilisiert werden. Dies sei eine elementare Voraussetzung für die Hundeerziehung, sagt Spichtig. «Aber deswegen darf man noch keine Wunder erwarten.»

Denn auch Spichtig kann sich gut vorstellen, dass nicht alle Kurse den Anforderungen genügen. Die Ausbildung sei aber nur ein Element zur Erhöhung der Sicherheit, betont er. Ebenso wichtig sei die frühzeitige Erkennung auffälliger Hunde. «Ärzte, Tierärzte oder Hundeausbildner sind verpflichtet, Beissvorfälle und auffällige Tiere zu melden.» Die Behörde kläre die Fälle ab und verordne Massnahmen wie Erziehungskurse, Leinenpflicht, Maulkorbzwang oder gar Einschläfern des Hundes. Zudem werde sich die obligatorische Ausbildung auch noch einpendeln. «Aller Anfang ist schwer und braucht auch eine gewisse Vorlaufzeit», sagt Spichtig. «Trotzdem wird diese Ausbildung in zwei, drei Jahren eine Erfolgsgeschichte werden.»