Würenlingen
Hätte der Swissair-Absturz noch verhindert werden können? – Geheimdienst-Insider liefert brisante Informationen

50 Jahre nach dem Bombenanschlag auf eine Swissair-Maschine, die in Würenlingen abstürzte, ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Ein deutscher Politologe sagt, dass die Swissair ein Zufallsziel war. Und ein US-Agent spricht von einem «fatalen Missverständnis» zwischen zwei Geheimdiensten.

Andreas Fahrländer
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Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.
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Nach der Bombenexplosion im Frachtraum stürzte die Coronado der Swissair ab.
Trümmerteile liegen nach dem Absturz verstreut im Wald von Würenlingen, ganz in der Nàhe des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) und des AKW Beznau.
Den ersten Helfern zeigt sich ein Bild des Grauens: Trümmer- und Leichenteile liegen verstreut im Wald.
Die Unglücksmaschine: Die Convair-990 Coronado HB-ICD der Swissair.
Passanten sehen sich die Trümmer des Flugzeuges an.
Der Swissair-Captain versuchte nach der Detonation zum Flughafen Kloten zurückzufliegen. Doch Rauch im Cockpit verunmöglichte die Sicht.
Die 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Absturz ums Leben.
Pressekonferenz der Eidgenössischen Flugunfall-Kommission: Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil. Dr. Jakob Meier vom Wissenschaftlichen Dienst der Zürcher Stadtpolizei zeigt das grösste Trümmerteil.
Die Trümmer der Maschine.
Ehrenzermonie nach der Ankunft der Körper der israelischen Opfer auf dem Flughafen Lod inahe Tel Aviv am 6. März 1970.
Die Trümmer der Maschine.
Links ein neuer, rechts der in den Trümmern gefundene, zerstörrte Höhenmesser, der die Explosion im Frachtraum auslöste.
Ein Wegweiser führt in Würenlingen zum Denkmal bei der Absturzstelle im Wald.
In der Tonhalle in Zürich fand am 26. Februar 1970 eine Trauerfeier statt.
Die Bundesräte Roger Bonvin (links) und Ernst Brugger (rechts) bei der Trauerfeier in der Tonhalle in Zürich.
Bei Würenlingen wird am 7. März 1971 an der Absturzstelle eine Gedenkstätte eingeweiht.
Die Gedenkfeier am 18. Februar 1990 beim Denkmal auf der Absturzstelle.

Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start - im Frachtraum eine Bombe. Sie war von palästinensischen Terroristen gelegt worden.

Keystone

Mit 770 Stundenkilometern raste die Coronado im Sturzflug in den Wald bei Würenlingen. Der Terroranschlag vom Februar 1970 forderte 47 Menschenleben. 38 Passagiere – unter anderem aus Israel, Deutschland und den USA – sowie die neunköpfige Besatzung der Swissair-Maschine fanden einen grauenhaften Tod. «Die Zerstörungskraft der Explosion war derart stark, dass später keine einzige Person identifiziert werden konnte», heisst es in einem Bericht der Bundespolizei an Interpol.

Trotzdem wurden die Mörder nie zur Rechenschaft gezogen. Obwohl die Polizei die Schuldigen bald ausfindig machte: Die Jordanier Sufian Kaddoumi und Mousa Jawher sollen das Bombenpaket in München aufgegeben haben. Eine weitere Bombe explodierte zwei Stunden vor dem Absturz der Swissair in einer Maschine der Austrian Airlines, die noch rechtzeitig in Frankfurt notlanden konnte. Gegen die Jordanier und weitere Komplizen gab es Haftbefehle. Doch am Ende wurden alle Verdächtigen freigelassen.

Die «NZZ»-Journalisten Marcel Gyr (der Wettinger ist Autor des Buchs «Schweizer Terrorjahre») und Marc Tribelhorn sind anlässlich des 50. Jahrestags der Katastrophe neuen Spuren nachgegangen. Wie sie in der «NZZ» vom Dienstag schreiben, hätte der Absturz vermutlich verhindert werden können. Der Politikwissenschafter Wolfgang Kraushaar aus Hamburg gehört zu den belesensten Wissenschaftlern in Sachen palästinensischer Terror. Im Interview mit der «NZZ» antwortete Kraushaar auf die Frage, ob die Passagiere der Swissair Zufallsopfer waren: «Ja, genau so wie jene der Austrian Airlines.»

Die Attentäter seien davon ausgegangen, dass die Bomben in den Frachträumen zweier israelischer El-Al-Maschinen detonieren würden, die an jenem Tag von München und von Frankfurt nach Tel Aviv fliegen sollten. «Durch seltsame Gegebenheiten ging dieser Plan nicht auf: Am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen verweigerte die El Al just an jenem Tag die Annahme von Paketpost. Und in München fiel der El-Al-Linienflug gleich ganz aus», so Kraushaar. Das Bombenpaket wurde über Kloten umgeleitet.

Besonders frappant: Ein amerikanischer Geheimdienst-Insider glaubt, dass der israelische Auslandgeheimdienst Mossad von den Bomben wusste und die Beladung der El-Al-Flugzeuge verhinderte. Hätten die Geheimdienste besser zusammengearbeitet und wären alle Fluggesellschaften nach der Detonation in der Austrian Airlines rechtzeitig gewarnt worden, hätte der Absturz von Würenlingen verhindert werden können. «Ein fatales Missverständnis», so die These. Auch wenn Bundesanwalt Lauber den Fall 2018 ad acta gelegt hat: Der «Fall Würenlingen» ist wohl noch längst nicht abgeschlossen.

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