Organhandel
HashimThaci durfte nicht in die Schweiz einreisen

Die Vorwürfe gegen den kosovarischen Premier Hashim Thaci sorgen international für Empörung. Nun zeigt sich: Die Schweiz belegte Thaci in der Vergangenheit mit einer Einreisesperre.

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Keystone

Im Zuge der mutmasslichen Organhandel-Affäre wird jetzt bekannt, dass gegen den heutigen Kosovo-Regierungschef Hashim Thaci in den 90er-Jahren eine Einreisesperre in die Schweiz bestand. FDP-Ständerat Dick Marty und der grüne Nationalrat Geri Müller bestätigen entsprechende Informationen der Zeitung «Der Sonntag».

Hintergrund ist, dass die paramilitärische UÇK von Thaci zunächst als Terrororganisation und kriminelle Vereinigung galt. Die Schweiz war in den 90er-Jahren als Drehscheibe für die Aktivitäten der UÇK bekannt. Von hier aus wurden Waffen verschoben, Gelder gesammelt und Kämpfer rekrutiert. «Der Name Thaci taucht in vielen polizeilichen und geheimdienstlichen Berichten», sagt Marty.

Nachrichtendienst: «kriminelles Netzwerk»

Als ehemaliger Präsident der Aussenpolitischen Kommission (APK) ergänzt Müller: «Er war bekannt, dass an den Vorwürfen gegen die UÇK etwas dran war.» So steht in einem geheimen Dokument des deutschen Bundesnachrichtendienstes aus dem Jahr 2005 über Thaci: «Er hat ein im gesamten Kosovo aktives kriminelles Netzwerk.»

Diese Einschätzung galt auch noch, als Thaci 1999 zu einem Nato-Verbündeten wurde. «Mit Stand 2001 sollen direkte Kontakte zur tschechischen und albanischen Mafia bestanden haben», heisst es in dem BND-Papier.

Vorwürfe seien Erfindung

Der offiziellen Schweiz müssen diese Informationen bekannt gewesen sein, da der hiesige Geheimdienst eng mit den deutschen Kollegen zusammenarbeitet. Trotzdem war die Schweiz eines der ersten Länder, die Kosovo nach der Unabhängigkeitserklärung 2008 anerkannt haben. Thaci erhielt 1995 in der Schweiz politisches Asyl.

Derweil fühlen sich die Kosovaren nach den Vorwürfen gegen ihren Präsidenten im Stolz verletzt. In einem Interview mit der Zeitung «Der Sonntag» äussert sich ein ranghoher Kosovo-Politiker mit Schweizer Hintergrund in Kosovo, Behgjet Pacolli, erstmals zu den schweren Anschuldigungen des Europarats-Abgeordneten Dick Marty in der Organhandel-Affäre.

Ein ganzes Volk beleidigt?

Es handle sich um eine Erfindung von Marty, so Pacolli. Marty habe sich selber inszeniert und "absolut keine Beweise." Er sei sich hundertprozentig sicher, dass diese Vorwürfe nicht zutreffen: "Dafür garantiere ich mit meinem Leben." Das sei alles "nicht wahr".

Er, so Pacolli, habe sich in den vergangenen zwei Jahren sehr intensiv mit diesen Vorwürfen befasst und habe auch das sogenannte gelbe Haus in Albanien besucht, wo es zu den Organ-Entnahmen gekommen sein soll. Die Leute in der Gegend hätten ihm gesagt, es gebe "überhaupt keine Hinweise auf solche Vorgänge". Marty habe mit seinen Vorwürfen "ein ganzes Volk beleidigt".

Marty müsse Beweise liefern

Marty solle endlich Beweise auf den Tisch legen: "Damit man endlich ernsthafte Nachforschungen anstellen kann", so Pacolli in dem Zeitungsinterview.

Die Europäische Rechtsstaatsmission in Kosovo (Eulex) müsse sich dringend damit zu befassen: "Unser Image geht sonst zum Teufel." Behgjet Pacolli gründete 1990 in Lugano die Baufirma Mabetex. Er wurde mit der Renovierung des Kremls bekannt. Vor drei Jahren gründete der Multi-Millionär die Allianz Neues Kosovo, die bei den jüngsten Wahlen 7 Prozent der Stimmen erreichte.

Schweizer Botschafter sieht kein Problem

Der Schweizer Botschafter in Pristina sieht dies etwas anders: Lukas Beglinger, befürchtet keine Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen beider Länder. «Dick Marty hat seine Untersuchung unabhängig und aufgrund eines Mandats der parlamentarischen Versammlung des Europarats geführt. Das ist sowohl den Behörden als auch der Zivilgesellschaft und den Leuten in Kosovo generell sehr wohl bewusst», sagt er zur Zeitung «Der Sonntag».

Das Schweizer Engagement im Kosovo verfolge auch das Ziel, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte zu fördern: «Der Bericht Marty ist ein Argument dafür, dass dieses Engagement weitergeführt werden muss.»